22. April 2020 / 10:59 Uhr

Geisterspiele oder Abbruch: In der 3. Liga ist nur die Ungewissheit sicher

Geisterspiele oder Abbruch: In der 3. Liga ist nur die Ungewissheit sicher

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Das Logo des FC Hansa Rostock
Das Logo des FC Hansa Rostock © Frank Söllner
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Der DFB favorisiert eine Fortsetzung der Saison, auch der FC Hansa Rostock will, dass die Spielzeit 2019/20 sportlich zu Ende geführt wird. Doch die 20 Vereine sind tief gespalten, mindestens acht fordern einen Abbruch. Ein wirkliches Mitspracherecht haben die Klubs bei der Entscheidung allerdings nicht. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Abbruch oder Geisterspiele: Das Stimmungsbild in der 3. Fußball-Liga ist auch nach der Sondersitzung vom Dienstag gespalten. Nach außen hin hat man sich auf eine sachliche Diskussion festgelegt, doch einig werden sich die Parteien wohl nicht mehr. Frühestens in der kommenden Woche soll es zu einer geheimen Abstimmung unter den Klubs kommen, doch diese würde lediglich einem Meinungsbild dienen. Ob in dieser Saison noch einmal gespielt werden kann, ist völlig offen.

Bereits zwei Mal musste Hansa Rostock ein Geister-Heimspiel bestreiten. Ein Blick zurück zu den beiden Auftritten vor leeren Rängen gegen Dynamo Dresden (2012) und Jahn Regensburg (2017):

Kein Zutritt: Schon zwei Mal musste Hansa Rostock in seiner Vereinshistorie ein Ligaspiel vor Geisterkulisse ohne Zuschauer austragen. Zur Galerie
Kein Zutritt: Schon zwei Mal musste Hansa Rostock in seiner Vereinshistorie ein Ligaspiel vor Geisterkulisse ohne Zuschauer austragen. ©

Warum sollte die Saison fortgesetzt werden?

Die Fortsetzung der Saison würde eine sportliche Entscheidung über Ab- und Aufstiege zur Folge haben und das Ligensystem zumindest nach oben hin intakt halten. Nach Angaben des DFB würden die Vereine bei einem Abbruch rund 30 Millionen Euro verlieren. Der Verband würde gern weiterspielen lassen, verweist dabei darauf, dass die 3. Liga Profi-Fußball sei und man sich solidarisch zu den Bundesligen verhalten solle.

Was spricht für einen Abbruch?

Die Zuschauereinnahmen sind eine wichtige Säule. Bei einer Fortsetzung würde diese wegbrechen, dafür aber derzeit nicht anfallenden Kosten entstehen. So müssten Spieler und Trainer aus der Kurzarbeit geholt werden, auch die Organisation eines Spiels kostet. Durch Verschärfungen der Gesundheitsvorschriften dürften ebenfalls zusätzliche Kosten anfallen. Außerdem ist es fraglich, ob das Infektionsrisiko wie bei Bundesligisten reduziert werden könnte. Drittligisten verfügen in der Regel nicht über Trainingszentren mit Einzelzimmern. Der Faktor Zeit spielt zudem eine wichtige Rolle, da die Saison Ende Mai fortgesetzt werden kann und noch elf Spieltage ausstehen. Den Klubs ist zugesichert worden, dass es vor einer Wiederaufnahme drei Wochen Mannschaftstraining geben soll.

Wie ist das Stimmungsbild, und spielen eigene sportliche Interessen eine Rolle?

Acht Vereine haben sich offen für einen Abbruch ausgesprochen, sechs dagegen. Der Rest hält sich öffentlich zurück. Dem Vernehmen nach tendiert jedoch eine kleine Mehrheit zum Abbruch. Dabei liegen natürlich auch Eigeninteressen auf der Hand. Die Abbruch-Befürworter sind abstiegsgefährdet oder stehen auf einem Aufstiegsplatz. Klubs, die weiterspielen wollen, rechnet sich Chancen auf den Aufstieg aus.

Gibt es ein Geisterspiele-Konzept analog zur DFL?

Der DFB ist in die Ausarbeitung des Konzepts für die Bundesligen involviert. DFB-Arzt Tim Meyer ist Leiter einer medizinischen Taskforce. Allerdings kennen die Drittligisten dieses Konzept bisher nicht, was einigen Vereinen sauer aufstößt. Jedoch wird das Konzept selbst den DFL-Klubs erst am Donnerstag präsentiert. Allerdings bestehen Zweifel, dass Drittligisten die Anforderungen eines auf die Bundesliga zugeschnittenen Konzepts überhaupt erfüllen können.

Wie wird über Abbruch oder Geisterspiele entschieden?

Die Vereine haben hier letztlich kein wirkliches Mitspracherecht. Der DFB kann abstimmen lassen, aber letztlich dient dies nur einem Meinungsbild. Es gibt zwei Szenarien. Soll mit Geisterspielen fortgefahren werden, so entscheidet dies der DFB als Ausrichter des Spielbetriebs allein. Bei einem Abbruch müsste ein außerordentlicher Bundestag des DFB einberufen werden, der dann entscheiden muss.

Welche rechtlichen Fragen müssen geklärt werden?

Die Frage der Haftung ist ein großes Thema. Hier bilden sich zwei Fronten. Auf der einen Seite drohen Regressforderungen von TV- und Sponsoringpartnern. Auf der anderen Seite haften die Vorstände der Vereine möglicherweise persönlich, wenn es zu einer Gesundheitsgefährdung kommt. Werden Profis mit dem Coronavirus infiziert, könnten sie womöglich Regressklagen gegen den Verein einreichen, weil sie spielen mussten. Hinzu kommen diverse vertragsrechtliche Fragen, sollte die Saison länger dauern.

Kann die Saison über den 30. Juni hinaus dauern?

Von den Statuten her hat der DFB den Weg dafür geebnet. Allerdings dürfte die Umsetzung eine gewaltige Herausforderung werden. Vor allem juristisch. Der Vertrag zwischen Liga-Träger DFB und den Klubs in Form der Lizenz gilt nur bis zum 30. Juni, gleiches gilt für Sponsoren-, VIP- und Logenverträge. Auslaufende Arbeitspapiere von Spielern enden am 30. Juni, gleiches gilt für Leihen. So käme es zu der pikanten Situation, dass Zwickaus Leistungsträger Elias Huth dem ebenfalls abstiegsgefährdeten 1. FC Kaiserslautern gehört - und vom 1. Juli an eigentlich wieder für die Pfälzer spielen müsste.

Drohen nach einem Abbruch in der nächsten Saison dieselben Probleme?

Ganz wichtig ist der Faktor Zeit. Vereinsvertreter gehen davon aus, dass die neue Spielzeit deutlich später gestartet wird. Eine Option ist der September. Damit hätten die Vereine mehr Zeit, Gesundheitskonzepte umzusetzen. Zudem wären wirtschaftliche Anpassungen möglich, indem man zum Beispiel mit einem kleineren Kader in die Saison geht. Außerdem könnte die Kurzarbeit, die den Klubs aktuell monatlich eine sechsstellige Summe spart, vorerst aufrechterhalten werden. Des Weiteren hofft man, stufenweise und unter strengen Vorschriften, Zuschauer ins Stadion lassen zu können und so keine Geisterspiele zu haben.