11. Juni 2021 / 17:11 Uhr

Gemischte Fußball-Teams im Muldental/Leipziger Land? „Nicht umsetzbar“

Gemischte Fußball-Teams im Muldental/Leipziger Land? „Nicht umsetzbar“

Heiko Henschel
Leipziger Volkszeitung
Symbolbild
Frauen und Männer gemeinsam auf dem Fußballplatz? Im Amateurbereich in den Niederlanden ist dies bereits Realität. © dpa
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In den Niederlanden spielen auf Amateurebene in gemischten Teams Frauen und Männer gemeinsam Fußball – ein Modell für den heimischen Verband?

Borna/Grimma. Eine neue Facette des Fußballspielbetriebs in den Niederlanden hat auch in Deutschland eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Denn im Land der Tulpen und Windmühlen sind nunmehr sogar bei den Erwachsenen gemischte Mannschaften aus Männern und Frauen erlaubt, im Amateurbereich wohlgemerkt. Ist so etwas zwischen Rügen und der Zugspitze gleichfalls denkbar? Der für Antidiskriminierung zuständige DFB-Vizepräsident Günther Distelrath hat diese Frage schon einmal mit einem eindeutigen Ja beantwortet. Als Verbandsfunktionär hält er die strikte Trennung mit Blick auf die Geschlechterneutralität für nicht mehr zeitgemäß und fordert die zeitnahe Einführung des holländischen Modells. In einer jüngsten Umfrage des SPORTBUZZER haben von mehr als 500 Teilnehmern immerhin 43 Prozent in die selbe Kerbe geschlagen.

„Bei sehr guten Fußballerinnen halte ich das für denkbar“

Die Argumente der Befürworter reichen vom Abbau von Vorurteilen über die Erhöhung des Spaßfaktors bis hin zur Förderung des Leistungsprinzips. Obendrein wird darauf verwiesen, dass in den Nachwuchsaltersklassen gemischte Teams bis hoch in die B-Jugend längst zur Normalität gehören. Die sich mit 57 Prozent leicht in der Überzahl befindlichen Gegner der Regeländerung führen insbesondere die großen athletischen Unterschiede und die dadurch erhöhte Verletzungsgefahr ins Feld.

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Wie sehen eigentlich regionale Verantwortliche aus Verband und Vereinen die Sache? Wir haben uns umgehört und Stimmen gesammelt. Heidi Burgkart (Vorsitzende des Frauen- und Mädchenausschusses im Fußballverband Muldental/Leipziger Land sowie langjährige Spielerin und Trainerin beim ESV Lok Döbeln und beim Kiebitzer SV) kann sich mit derlei Überlegungen unter keinerlei Umständen anfreunden: „Ich halte das realistisch gesehen für nicht umsetzbar. Es hat in der Vergangenheit Beispiele gegeben, durch welche sich dieser Gedanke im Grunde genommen verbietet. Bei Kleinfeldturnieren im Rahmen von Vereinsfesten oder dergleichen ist es aufgrund von Personalnot mitunter vereinzelt bereits praktiziert worden. Da hat man gesehen, dass es nicht funktioniert. Die körperlichen Nachteile der Frauen sind ganz einfach unüberwindbar.“

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Etwas differenzierter geht Katrin Schuhmann (beim SV Klinga-Ammelshain für den Frauen- und Mädchenfußball zuständig, sowie gleichzeitig Übungsleiterin) an die Sache heran: „Bei sehr guten Fußballerinnen halte ich das auf jeden Fall für denkbar, um sich optimal zu entwickeln. Obendrein könnten sich die betreffenden Frauen vermutlich weite Fahrtstrecken in die Landesliga oder Landesklasse ersparen und dennoch auf hohem Niveau ihrer Leidenschaft nachgehen. Was Spielerinnen der unteren Frauenligen betrifft, so kann ich es mir das Mitmischen bei den Männern allerdings nur äußerst schwer vorstellen. Ich denke, dass kaum eine Frau aus diesen Leistungsklassen in einer durchschnittlichen Herrenmannschaft mithalten kann. Insbesondere in athletischer Hinsicht dürften die Nachteile nicht zu kompensieren sein.“

„Schuster sollte bei seinen Leisten bleiben“

Auch für Gert Pilz (seit einem Vierteljahrhundert Frauen-Coach beim Bornaer SV) ist die Idee ein zweischneidiges Schwert: „Im Rahmen unseres Trainings haben wir manchmal ein Übungsspiel gegen die Alten Herren ausgetragen, wenn auf beiden Seiten nicht so viele Leute da waren. So lange das hüben wie drüben mit der nötigen Lockerheit angegangen wurde, hat es sogar Spaß gemacht. Sobald der Ehrgeiz allerdings zu groß wurde und die Männer uns etwas beweisen oder abschießen wollten, verkehrte sich das Ganze ins Negative. Deshalb glaube ich nicht so recht, dass gemischte Teams im Punktspielbetrieb sinnvoll und praktikabel wären.“

Eher mit einem kleinen Augenzwinkern verweist der BSV-Coach – welcher auf eine ziemlich junge Truppe zurückgreifen kann und die weibliche Nachwuchsarbeit im Verein lobt – auf die Tatsache, dass dann obendrein bei jeder Partie vier Umkleidekabinen zur Verfügung stehen müssten. Dennoch kann er die angestoßene Debatte aufgrund der im Amateurbereich häufig ziemlich dünnen Personaldecken nachvollziehen. „Selbst bei den Frauen hatten wir früher zu besten Zeiten allein im Borna/Geithainer Verband bis zu zwölf Mannschaften im Punktspielbetrieb. Und trotzdem sollte der Schuster bei seinen Leisten bleiben.“


Bleibt also festzustellen, dass sich die Begeisterung für gemischte Teams von Männlein und Weiblein offensichtlich sehr in Grenzen hält. Das holländische Modell scheint hierzulande nicht unbedingt die Lösung für die Kader-Problematik zu sein. Es bedarf wohl doch anderer Wege aus der Krise.