21. Mai 2021 / 17:46 Uhr

Gemischte Fußballteams: „Kontraproduktiv“ oder „spannend und interessant“

Gemischte Fußballteams: „Kontraproduktiv“ oder „spannend und interessant“

Peter Konrad
Peiner Allgemeine Zeitung
Frauen in Männerteams? Janne Bartmann zeigt, dass das funktionieren könnte. Sie spielte 2020 noch in der A-Junioren-Kreisliga für Broistedt - und zusätzlich in der Oberliga-Frauenmannschaft.
Frauen in Männerteams? Janne Bartmann zeigt, dass das funktionieren könnte. Sie spielte 2020 noch in der A-Junioren-Kreisliga für Broistedt - und zusätzlich in der Oberliga-Frauenmannschaft. © Ralf Büchler
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In den Niederlanden darf es ab der kommenden Saison gemischte Fußballteams geben. Die Meinungen darüber, ob auch in Deutschland Frauen in Männerteams mitspielen sollten, gehen auseinander. 

Fußballerische Revolution: Frauen und Männer dribbeln, passen, kämpfen und jubeln gemeinsam in einem Team. Was in Deutschland derzeit noch in weiter Ferne ist, hat der niederländische Verband (KNVB) vor kurzem beschlossen: Frauen dürfen von der neuen Saison an in allen Amateurklassen in den Männer-Ligen spielen.

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Die neue Regelung des KNVB gilt bis hinauf zur drittklassigen Tweede Divisie. „Dies ist ein historischer Moment für den Amateurfußball und auch weltweit“, erklärte der KNVB in einer Mitteilung. „Wir wollen, dass Frauen und Mädchen auf Grund ihrer Qualitäten und eigenen Ziele eine passende Stelle in der Fußball-Landschaft finden“, sagte KNVB-Amateurfußball-Direktor Jan Dirk van der Zee.

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Gemischte Teams existieren bereits länger in den Niederlanden, allerdings nur bei Jugend-Teams und Amateur-Mannschaften der sogenannten B-Kategorie. Nun macht der KNVB den nächsten Schritt. „Auf Basis des heutigen Zeitgeistes und von Untersuchungsergebnissen sehen wir keinen Grund mehr, uns an alte Regeln zu halten und wählen bewusst Gleichwertigkeit und Diversität“, betonte van der Zee. Was Trainer, Spieler und Spielerinnen aus Peine von dem Beschluss des KNVB halten und ob selbiger ein Vorbild für Deutschland sein könnte, erläutern sie im Gespräch mit der PAZ.

Börge Warzecha (Trainer der Oberliga-Fußballerinnen des FC Broistedt): „Im Freizeitbereich oder in einer neuen Liga könnte solch ein Modell funktionieren. Grundsätzlich aber halte ich davon gar nichts. Es ist sogar total kontraproduktiv für den Frauen-Fußball, da alle Frauen-Teams derzeit um Akzeptanz und Wertschätzung kämpfen. Ich glaube, dass das nicht gut gehen kann, weil die physischen Unterschiede viel zu groß sind. Rein körperlich gesehen kann man ein gutes Frauen-Oberliga-Team mit einer durchschnittlichen B-Jugend vergleichen – wie soll das dann in einer Männer-Mannschaft funktionieren? Wenn ich zum Beispiel an Dennis Büttner aus unserer ersten Herren denke, gegen seine Physis hätte keine Frau eine Chance. Und ich behaupte mal, dass selbst eine Top-Spielerin wie Alexandra Popp große Schwierigkeiten hätte, bei den Männern in der Regionalliga zu spielen. Letztlich muss man das Ganze in den Niederlanden erst einmal beobachten, aber ich halte dieses Modell nicht für zukunftsfähig.“

Claudia Bremer (viele Jahre Torjägerin beim SV Teutonia Groß Lafferde): „Ich befürworte eine solche Regelung wie in den Niederlanden nicht. Denn unter körperlichen und athletischen Gesichtspunkten ist es enorm schwer, mit den Männern mitzuhalten. Aber es gibt sicherlich ganz, ganz wenige Ausnahmespielerinnen, die dazu in der Lage sind. Allerdings hätte ich die Befürchtung, dass dies den Frauen-Fußball kaputt macht, da sich die Männer-Teams ja nur die stärksten Fußballerinnen heraussuchen – und die fehlen dann dem Frauen-Fußball, zugleich sinkt das Niveau. Ein weiteres Problem ist, dass die Frauen dann in der Männer-Oberliga mehr Geld verdienen würden als in der Frauen-Bundesliga. Auch das schadet dem Frauen-Fußball. Und ich glaube, dass der monetäre Anreiz auf jeden Fall eine wichtige Rolle spielen wird und sich Frauen aus finanziellen Gründen dazu entscheiden, beispielsweise in die vierte Liga zu gehen anstatt in der Frauen-Bundesliga zu spielen.

Im Jugendbereich dagegen halte ich gemeinsame Teams für eine gute Idee. Solange die Mädchen in der Entwicklung sind, ist das eine tolle Sache. Ich selbst habe so lange ich durfte bei den Jungs gespielt – und dadurch bin ich körperlich robuster geworden. Aber irgendwann kommt der Punkt – meistens kommt der mit der Pubertät –, an dem man als Frau nicht mehr mithalten kann. Diese Erfahrung habe ich mehrmals gemacht, als wir gegen dritte oder zweite Herren-Mannschaften gespielt haben. Da habe ich gemerkt, dass man keine Chance hat. Deswegen ist es auch utopisch zu glauben, dass das alles so funktioniert, wie es sich der niederländische Verband vorstellt. Wie schon gesagt, es gibt Ausnahmetalente, die es schaffen könnten, aber das ist eine absolute Minderheit.“


Tobias Jahns (Kapitän des TSV Dungelbeck): „Generell hätte ich nichts dagegen, gemeinsam mit Frauen in einem Team zu spielen. Allerdings glaube ich nicht, dass sich das hier durchsetzen würde, weil das ganze Drumherum wie zum Beispiel mit den Kabinen doch eher schwierig ist. Zudem wird es einige Spieler und auch Zuschauer geben, die bezüglich des Leistungsvermögen der Frauen auch Vorbehalte haben. Aber man muss sich nur den FC Broistedt anschauen. Dort gibt es einige gute Kickerinnen, die sicher auch bei den Männern auf Kreisebene mithalten könnten. Und spannend wäre das Ganze definitiv. Interessant ist vor allem die Frage, wie man in die Zweikämpfe geht: Grätscht man so wie bei den Männern rein, oder ist man bei einer Frau eher vorsichtiger und sagt sich, dass man da nicht so hart vorgehen kann? Das heißt, dass das Spiel sich ändern würde. Letztlich müsste man das alles mal testen und dann schauen, ob es auch wirklich funktioniert.“

Jennifer Lux (Spielerin beim VfB Peine): „Am Anfang dachte ich, dass ein gemeinsames Team ziemlich cool wäre, vor allem für die Spielerinnen, die sehr stark sind. Allerdings sehe ich das inzwischen durchaus als Gefahr für den Frauenfußball, weil gerade die besten Fußballerinnen in den gemischten Mannschaften spielen würden und somit viele Frauen-Teams geschwächt wären. Vor allem für die höherklassigen Frauen-Teams wäre das ein Problem. Generell jedoch finde ich es gut, dass der niederländische Verband weniger Unterschiede machen möchte, wobei es die schon gibt, insbesondere in der Physis. Es wird aber Spielerinnen geben, die in solchen Teams besser klar kommen als in Frauen-Teams – und ich finde es auch super, wenn Frauen sich in Männer-Mannschaften durchsetzen. Dennoch sollten die Spielerinnen, die richtig gut sind, in den Vereinen spielen, die leistungsbezogenen Frauenfußball anbieten. Denn wenn die Besten abwandern, würde dies auf Dauer all das, was im Frauenfußball in den vergangenen Jahren aufgebaut wurde, ein bisschen kaputt machen. Es ist gut und wichtig, dass bei den Männern auch Schiedsrichterinnen pfeifen, aber ich glaube, dass das niederländische Modell für die Frauen eher von Nachteil ist.“

Dennis Kleinschmidt (Trainer des SV Lengede): „Ich halte diese neue Regel in den Niederlanden für legitim und in Ordnung, denn die Zeiten ändern sich. Es wird zwar erst einmal ungewohnt sein und für einige auch unvorstellbar, aber es gibt auf jeden Fall Spielerinnen, die auf einem bestimmten Niveau mitspielen können, zum Beispiel in der Landes- oder Oberliga. Körperliche Unterschiede sind zwar vorhanden, aber es gibt ja auch Teams, die nicht körperbetont, sondern die eher Fußball spielen. Und es gibt auch Positionen, auf denen Frauen in einem Männer-Team gut eingesetzt werden können, zum Beispiel als Torhüterin oder Stürmerin – warum soll das nicht funktionieren? Ich jedenfalls finde die Entscheidung des niederländischen Verbandes spannend und interessant, denn jede Veränderung bringt Erneuerung und Vorteile.“

Distelrath: Mix-Teams unterhalb der Regionalliga

Dass Männer und Frauen nach dem Vorbild der Niederlande auch im deutschen Amateurfußball künftig gemeinsam in einer Mannschaft spielen dürfen, fordert der für Antidiskriminierung zuständige DFB-Vizepräsident Günter Distelrath, der auch Präsident des Niedersächsischen Fußballverbandes ist. „Die strikte Trennung zwischen Frauen und Männern ist mit Blick auf die Geschlechtergerechtigkeit auch im Amateurfußball nicht mehr zeitgemäß“, erklärt Distelrath. Frauen und Männer in einer Mannschaft spielen zu lassen, solle so schnell wie möglich „in allen Amateurklassen unterhalb der Regionalliga“ gelten. „Wir wollen mehr Frauen in verantwortungsvolle Positionen des Fußballs holen. Dann aber dürfen wir sie auf dem Platz nicht weiter ausschließen.“

Von Peter Konrad