17. Januar 2020 / 08:07 Uhr

Causa Zuber - 96-Profichef Martin Kind fordert: "Rechtsfrage vom Menschen trennen"

Causa Zuber - 96-Profichef Martin Kind fordert: "Rechtsfrage vom Menschen trennen"

Sportredaktion Hannover
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Gerhard Zuber ist neuer Sportdirektor und Nachfolger von Jan Schlaudraff bei Hannover 96. Das Kuriose: Vor dem Arbeitsgericht stritt Zuber kürzlich noch mit dem Verein, weil er unter anderem alle seine Kompetenzen verloren hatte.
Gerhard Zuber ist neuer Sportdirektor und Nachfolger von Jan Schlaudraff bei Hannover 96. Das Kuriose: Vor dem Arbeitsgericht stritt Zuber kürzlich noch mit dem Verein, weil er unter anderem alle seine Kompetenzen verloren hatte. © imago/Schroedter/Montage
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Am Donnerstag publizierte Hannover 96 die Trennung von Sportdirektor Jan Schlaudraff. Ein Nachfolger für den 36-Jährigen wurde aus den eigenen Reihen gepickt: Gerhard Zuber übernimmt - ein Kuriosum für die Öffentlichkeit, denn eigentlich spielte der Kaderplaner keine Rolle mehr beim Zweitligisten, steht mit 96 vor Gericht. Martin Kind rechtfertigt die Wahl.

Sie haben noch mal alles durchgesprochen. 96-Profichef Martin Kind und Finanzgeschäftsführer Björn Bremer saßen gestern Vormittag zusammen und diskutierten die aktuellen Probleme. Später wurde Jan Schlaudraff herbeitelefoniert.

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Dem Sportchef wurde dann nur noch mitgeteilt, dass er freigestellt ist. „Jede Trennung ist schwierig und ein Scheißjob“, erklärt Kind. „Da ist auf der einen Seite der Mensch, auf der anderen die Ergebnisse der Arbeit.“

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Die Vertrauensfrage verneint

Und die Ergebnisse waren nicht gut, die Zusammenstellung der Mannschaft und die sportliche Entwicklung jedoch nicht der einzige Trennungsgrund. „In den nächsten Wochen und Monaten sind Weichen zu stellen“, erläutert Kind. „Dafür sind Klarheit, Ruhe, Geschlossenheit und Vertrauen notwendig.“

Kein gutes Arbeitsverhältnis mit Kocak

Das Vertrauen war nicht gegeben, dass Schlaudraff für die nächste Saison 96 so aufstellt, dass der Aufstieg gelingt. Schon die Planungen für die Transfers, die noch im Januar die Mannschaft verstärken sollen, erwiesen sich als schwierig. In Kinds Wahrnehmung blockierten sich Schlaudraff und Trainer Kenan Kocak. Beide hatten ihre eigenen Listen mit Wunschspielern, die von Schlaudraff fiel bei Kocak durch – und dann auch bei Kind.

Kurz vor dem Training um 13 Uhr erfuhr Kocak von Schlaudraffs Freistellung. „Wir haben immer professionell zusammengearbeitet“, sagt der Coach. „Der Verein hat die Entscheidung getroffen“, meint Kocak. „Ich wünsche Jan alles Gute. Für uns ist es eine neue Situation, wir müssen jetzt nach vorne schauen.“

Schlaudraff freigestellt, Zuber übernimmt: Das sind die Netzreaktionen:

Das sind die Netzreaktionen zur Trennung von 96-Sportdirektor Jan Schlaudraff. Zur Galerie
Das sind die Netzreaktionen zur Trennung von 96-Sportdirektor Jan Schlaudraff. ©

Kocak: "Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Gerry Zuber"

Da arbeitet nun Gerhard Zuber an Kocaks Seite. Die beiden mögen sich, seit dem Amtsantritt des Trainers Mitte November halten sie Kontakt. „Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Gerry Zuber“, sagt Kocak dann auch. „Gerry hat auch zu den Jungs in der Mannschaft noch einen guten Draht, er wird sehr gemocht.“ Kocak schätzt dazu Zubers Netzwerk. „Ich brauche ihn auch nicht vorzustellen, er ist bekannt im deutschen Fußball.“


Vom Gerichtssaal auf den Chefsessel

Im Außenverhältnis erscheint das Comeback Zubers aber schwierig – in den sozialen Medien kassierte 96 Hohn und Spott für diese Entscheidung. Schließlich hat der sportliche Leiter, als ehemals rechte Hand des gefeuerten Horst Heldt, 96 verklagt. Erst am Tag vor der Beförderung traf man sich vor dem Arbeitsgericht. Die Blitzbeförderung wirkt befremdlich.

Kind: "Die Rechtsfrage muss man davon trennen"

Kind vermittelt jedoch ein anderes Bild. „Das eine ist doch die Rechtsfrage um Vertragslaufzeiten von Verträgen, es kann nur im Interesse des deutschen Fußballs sein, das zu klären“, erklärt der 96-Profichef. „Das hat aber nichts mit dem Menschen zu tun. Gerhard Zuber ist integer und kennt den Markt. Er hat sich immer vernünftig verhalten. Die Rechtsfrage muss man davon trennen.“

Die Manager von Hannover 96 seit 1996:

<b>Franz Gerber:</b> Der gebürtige Münchener war gleich zweimal als 96-Manager im Amt. Das erste Mal von 1996 bis 1999 und nach seiner zwischenzeitlichen Tätigkeit als 96-Trainer ein weiters Mal von Juli bis Dezember 2001. Zur Galerie
Franz Gerber: Der gebürtige Münchener war gleich zweimal als 96-Manager im Amt. Das erste Mal von 1996 bis 1999 und nach seiner zwischenzeitlichen Tätigkeit als 96-Trainer ein weiters Mal von Juli bis Dezember 2001. ©

Das volle Vertrauen des Vereins

Der Österreicher, der 2017 als rechte Hand von Horst Heldt nach Hannover kam, hat 96 verklagt – wegen der Vertragslaufzeit und weil der Klub ihm Kompetenzen sowie vertraglich zugesicherte Aufgaben entzogen habe. Von Klubseite hieß es dazu lapidar: „Unabhängig von arbeitsgerichtlich zu klärenden Rechtsfragen genießt Gerhard Zuber das volle Vertrauen der Geschäftsführung.“ Heißt: 96 will zwischen Person und Job unterscheiden.

Trotzdem mindestens kurios. Zwar hatte Zuber in der Übergangszeit nach der Heldt-Entlassung schon bei 96 mitentschieden. Doch in letzter Zeit war er tatsächlich kaltgestellt worden. Vom Büro aus der Geschäftsstelle musste er ausziehen, bekam einen Raum im Stadion zugewiesen, sein Zugang zum 96-Server wurde gesperrt. Fakt ist aber auch: Hinter den Kulissen blieb Zuber zumindest auf persönlich-menschlicher Ebene bei 96 weiter gut vernetzt.

Ein Trio für Zuber?

Dazu sei Zuber „extrem fleißig“, er bastelt längst mit Kocak an den Verstärkungen. „Beide arbeiten gut zusammen“, meint Kind. Es soll jetzt auch „zügig gehen“ mit der Umsetzung der Transfers, hofft der 96-Profichef. Drei Spieler sollen kommen.

Zubers alter Vertrag gilt ohnehin weiter – eine längere Zusammenarbeit ist jetzt möglich. Schlaudraff bezieht weiter sein Gehalt, Sonderregelungen machen die Trennung für 96 nicht zu teuer.

von Jonas Szemkus, Dirk Tietenberg und Andreas Willeke