17. Januar 2020 / 13:35 Uhr

Sportrechtsexperte zum Gerichtsstreit mit Zuber: Wie viel Revolution steckt in dem 96-Urteil?

Sportrechtsexperte zum Gerichtsstreit mit Zuber: Wie viel Revolution steckt in dem 96-Urteil?

Jonas Szemkus
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Sportrechtsexperte Gregor Reiter erklärt, was das Urteil zum Arbeitsverhältnis von Gerhard Zuber für die Fußballbranche zu bedeuten hat. 
Sportrechtsexperte Gregor Reiter erklärt, was das Urteil zum Arbeitsverhältnis von Gerhard Zuber für die Fußballbranche zu bedeuten hat.  © imago/Petrow/Montage
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Gerhard Zuber, zuletzt kalt gestellt als Sportlicher Leiter bei Hannover 96 und jetzt wieder befördert, hat im Prozess gegen den Klub erstritten, dass sein Vertrag unbefristet gilt. Dieses Urteil hat Signalwirkung für den deutschen Profifußball – aber hat es auch Bestand? Der SPORTBUZZER hat Sportrechtsexperte Gregor Reiter gefragt.

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Löst das Zuber-Urteil ein Vertragsbeben im Profifußball aus?

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Klare Antwort: jein. Die Entscheidung könnte nachhaltig richtungsweisend für den Profifußball werden. Aber für ein richtiges Beben ist der Kreis der Personen, für die das Urteil Veränderungen bringen könnte, zu klein. „Es ist ein bemerkenswertes Urteil, wird aber nicht zu einer Revolution im deutschen Profifußball führen“, sagt Sportrechtsexperte Dr. Gregor Reiter. Der Rechtsanwalt ist Geschäftsführer der Deutschen Fußballspieler-Vermittler Vereinigung. Das Urteil habe „nicht die Sprengkraft von Bosman oder Heinz Müller“.

... Bosman und Müller?

Der Belgier Jean-Marc Bosman erstritt vorm Europäischen Gerichtshof, dass Fußballprofis nach Vertragsende ablösefrei wechseln dürfen. Der frühere Mainz-Torwart Heinz Müller wiederum wollte gegen die Befristung seines Profivertrages klagen – das wurde abgelehnt. Weil Profis „verschleißen“, ist die Befristung okay. Dieser „Verschleißtatbestand“ gilt auch für Cheftrainer.

Befristung soll laut Urteil unzulässig sein

Was heißt das Urteil für Sportliche Leiter und Co.?

Die zweite Entscheiderreihe, „egal, ob man sie nun Sportdirektor, Sportlicher Leiter oder als was auch immer bezeichnet – sind Arbeitnehmer. Und da soll die Befristung dem Urteil des Arbeitsgerichts Hannover nach eben unzulässig sein, wenn sie länger als zwei Jahre andauert und kein Sachgrund besteht“, erklärt Reiter. Der Sportrechtler schätzt: „Im Verwaltungs- und Trainerbereich wird der eine oder andere Verein möglicherweise umdenken müssen oder eine Überraschung erleben.“

Interessant könne das auch für die zweite Trainerreihe werden: „Also die Assistenztrainer, Torwarttrainer und sonstigen Trainer. Wenn die zweite Managerreihe nicht befristet werden darf, wie ist das dann für die zweite Trainerreihe? Die stehen auch nicht ganz vorne im Fokus. Und letztlich ist für einen Torwarttrainer egal, wer Chef ist. Für die Torhüter aufs Tor schießen kann er auch weiter.“

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"Unbefristet heißt nicht unkündbar"

Was macht 96 jetzt?

Der Klub hat einen Monat Zeit, Berufung einzulegen, um den Fall von der nächsthöheren Instanz noch einmal prüfen zu lassen – und wird das auch tun. Zuständig ist das Landesarbeitsgericht. Auch diese Instanz sitzt in Hannover im selben Gebäude wie das Arbeitsgericht Hannover, es sind aber andere Richter zuständig. Als dritte und letzte Instanz wäre das Bundesarbeitsgericht in Erfurt zuständig.

Ist Zuber nach dem Urteil unkündbar?

Nein, sagt Sportrechtsexperte Reiter: „Unbefristet heißt nicht unkündbar. Für das Arbeitsverhältnis gilt dann das Kündigungsschutzgesetz, es gibt eine Kündigungsfrist, es braucht einen Grund.“ Fehle es an einem Kündigungsgrund, „wird die Beendigung des Arbeitsverhältnisses meist über die Zahlung einer Abfindung geregelt“. Die berechnet sich nach der Dauer der Jahre, die der Arbeitsvertrag gültig war. Sie liegt zwischen 0,5 und einem Monatsbruttogehalt pro Jahr.