14. Mai 2021 / 17:44 Uhr

"German Reds" werden 20 Jahre alt: Brandenburger Udo Pütsch über das Leben als Liverpool-Fan

"German Reds" werden 20 Jahre alt: Brandenburger Udo Pütsch über das Leben als Liverpool-Fan

Maximilian Krone
Märkische Allgemeine Zeitung
Udo Pütsch (u.l. kniend) ist seit 2003 Mitglied des Liverpool-Fanclubs German Reds. Hier beim Treffen des Fanclubs zum 10-jährigen Bestehen in Leipzig 2011.
Udo Pütsch (u.l. kniend) ist seit 2003 Mitglied des Liverpool-Fanclubs "German Reds". Hier beim Treffen des Fanclubs zum 10-jährigen Bestehen in Leipzig 2011. © German Reds
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Udo Pütsch ist seit 1977 Fan des FC Liverpool und seit 2003 Mitglied der "German Reds". Mit dem SPORTBUZZER spricht er unter anderem über seine Highlights, den Eklat um die Gründung der Super League und soziale Projekte mit dem Fanclub, der am 16. Mai 20 Jahre alt wird.

UEFA-Cup-Finale 2001. Der FC Liverpool hatte im Spiel gegen Deportivo Alaves die Chance, nach 17 Jahren wieder einen internationalen Titel zu erringen. Vor 48.050 Zuschauern im Dortmunder Westfalenstadion kam es zu einem der denkwürdigsten Finalspiele der Geschichte. Mit dabei waren auch die deutschen Liverpool-Fans Uwe Kaiser, Horst Thomas Kunze und Benjamin Gordon. Die drei Männer gründeten nach dem 5:4-Sieg der Engländer, und der Rückkehr zu den großen Vereinen des europäischen Fußballs, den Fanclub "German Reds".

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Schon im Jahre 2002 wurden die "German Reds" offizieller Fanclub des Liverpool FC. Ein Jahr später stieß auch der Brandenburger Udo Pütsch dazu. "Ich war in Liverpool und habe dann einige Jungs im Pub getroffen", erzählt er. Pütsch ist seit 1977 Fan des LFC. "Ich war schon immer fußballverrückt. 1966 wurde England Weltmeister und ich habe mir England als Vorbild genommen und da kam man an Liverpool, die in den 70er-Jahren sehr stark waren, nicht vorbei", erklärt der 62-Jährige, der sein Herz damals auch an die Borussia aus Mönchengladbach verloren hatte: "Aber immer wenn Gladbach auf Liverpool traf war Schluss." So auch 1977, als die Reds mit 3:1 das Finale der Europapokal der Landesmeister gegen die Fohlen gewannen.

Udo Pütsch feiert den Champions-League-Triumph 2005.
Udo Pütsch feiert den Champions-League-Triumph 2005. © Privat

Mittlerweile ist Pütsch, der in Ueckermünde (Mecklenburg-Vorpommern) geboren ist, Pressewart der "German Reds" und war ganze 86-mal im Stadion. Zuletzt am 11. März des vergangenen Jahres, als die Mannschaft von Jürgen Klopp im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinals mit 2:3 nach Verlängerung gegen Atletico Madrid verlor. "Das war das Anfang vom Ende", sagt er mit Sicht auf die Entwicklungen der Coronavirus-Pandemie, "andere Champions-League-Spiele wurden verschoben und Corona war damals in Spanien schon sehr stark verbreitet. Trotzdem waren 5.000 Spanier in Liverpool."

Danach wurde "umgehend alles dicht gemacht", berichtet der freischaffende Englischlehrer, der seine Bildungsurlaube mit den Besuchen an der Anfield Road verbindet, "ich bin dann am Freitag, den 13. zurückgeflogen. Das werde ich nie vergessen. Es war auch das letzte Mal, dass ich in Liverpool war." Normalerweise reist Pütsch alle zwei Monate auf die Insel und kommt bei seinen Freunden Bernadette und Mike unter, "das ist sehr ungewöhnlich, so lange nicht in Liverpool gewesen zu sein", lässt er in seine Gefühlswelt blicken.

Bis er wieder nach England reisen kann, erinnert sich Pütsch gerne an Erlebnisse zurück. Neben den regelmäßigen Fanclub-Treffen, die jährlich stattfinden und davon alle zwei Jahre in Liverpool mit einem Stadionbesuch verbunden sind, wo auch Klub-Ikonen wie George Sephton oder Dietmar Hamann schon zu Besuch waren, erinnert er sich besonders an das Champions-League-Halbfinale 2019 zurück. "Das ist von allen Spielen die klare Nummer eins", erzählt er und spricht natürlich von der Partie gegen den FC Barcelona, als die Liverpooler eine 0:3-Hinspielniederlage mit einem 4:0-Erfolg im Rückspiel egalisierten, "das werde ich nie vergessen, wie wir Barcelona demontiert haben."

Udo Pütsch traf schon Klub-Ikonen wie Stadionsprecher George Sephton (M.).
Udo Pütsch traf schon Klub-Ikonen wie Stadionsprecher George Sephton (M.). © Privat

Zu den weiteren Highlights zählen auch die erste Meisterschaft nach 30 Jahren und der Triumph im Elfmeterschießen im Champions-League-Finale gegen den AC Milan 2005, nachdem der LFC zur Halbzeit schon mit 0:3 zurücklag.


Doch gibt es auch traurige Momente, wobei da nicht die sportliche Seite, wie beispielsweise die Niederlage im Champions-League-Finale 2018 gegen Real Madrid (1:3), im Vordergrund steht, "die jährliche Gedenkfeier zur Hillsborough-Katastrophe ist immer wieder sehr traurig." 1989 starben während des FA Cup-Halbfinals zwischen Liverpool und Nottingham Forest 96 Menschen, 766 wurden verletzt. Es kam zu einer Massenpanik im Block der Fans des Liverpool FC. Dabei erinnert sich Pütsch auch an ein Treffen mit Fans des gehassten Stadtrivalen FC Everton an der Gedenkstätte: "Wir sind aufeinander zugelaufen und die Blauen haben uns einfach gedrückt und in den Arm genommen", erzählt er, "das sind die kleinen Momente, die unvergesslich sind."

Aktuell befindet sich der Liverpool FC in einer weniger rosigen Zeit. Mit dem 4:2-Erfolg gegen den Rivalen Manchester United konnte sich die Elf von Jürgen Klopp zumindest eine Restchance auf das Erreichen der Champions League erhalten. Dabei müssen die Reds aber auf die Mithilfe der Konkurrenten hoffen und ihre drei restlichen Spiele gegen West Brom, Burnley und Crystal Palace gewinnen.

Pütsch: "Liverpool ist Religion."

Warum diese Saison so holprig lief, ist für Pütsch klar: "Alles fing an beim 1:1 im Hinspiel gegen Everton. Erst kam es zur unfassbarsten Entscheidung der Saison, als Pickford (Anm.d.Red.: Torwart des FC Everton) Virgil van Dijk schwer verletzte, und es nicht einmal Freistoß gab und am Ende wurde das Tor von Henderson auch noch wegen seines Hemdsärmels, der im Abseits gewesen sein soll, aberkannt", erklärt er, "danach sind die Innenverteidiger ausgefallen und das Gefüge hat einfach nicht mehr gestimmt. Und so kam eins zum anderen."

Abgerundet wurde die Spielzeit dann noch mit dem Eklat des Versuchs zur Gründung einer Super League. "Das hat den Fans arg vor den Kopf gestoßen. Die Eigner wissen die Tradition einfach nicht zu schätzen und sehen ein Fußballspiel wie ein Theaterbesuch. Aber das ist keine Performance, das ist Religion. Liverpool ist Religion." Und Pütsch ist sich sicher: "Die Fußballfans sind sich in dem Thema einig und es ist eine Chance, dass alle zusammenrücken. Nur mit geballten Kräften kann man so etwas weiterhin verhindern." Zumindest wurde Manchester United, aus Sicht der Liverpool-Anhänger, nicht Meister: "Ich bin generell nicht glücklich, wenn eine Mannschaft aus Manchester Meister wird. Aber City ist das geringere Übel von zwei bösen."

Diskussion mit deutschem Touristen führt zu sozialem Projekt

Ab September will Pütsch dann wieder nach Liverpool reisen und Premier-League-Spiele vor Ort erleben. "Die Vorfreude ist riesig. Ich halte auch schon wieder engeren Kontakt zu Bernadette und Mike und man freut sich aufeinander", lässt er wissen und bläst zum Angriff: "Liverpool ist richtig heiß auf die kommende Saison und eine Ansage an City wird sicher zeitnah folgen." In Liverpool kann sich Pütsch dann auch wieder besser um die sozialen Projekte des Fanclubs kümmern.

Neben "Tix4Kids", bei denen sozialbenachteiligte Kinder auch die Möglichkeit erhalten ein Spiel des LFC live im Stadion zu verfolgen, engagiert sich der Fanclub auch unter anderem bei der Jamie Carragher Foundation, die die gleichen Ziele verfolgt. Der Auslöser für das Engagement war eine Auseinandersetzung Pütsch's mit einem deutschen Touristen im Jahr 2010, der den Ur-Liverpool-Fan darauf ansprach, warum es im Stadion so leise sei. "Weil solche Leute, wie ihr da seid", antwortete Pütsch. "Die Fankultur geht in Liverpool immer weiter flöten. Es sind meist die jungen Leute, die Stimmung auf den Rängen machen, aber die können sich einfach kein Ticket mehr leisten. Dafür reicht das Taschengeld nicht aus."

Verhältnisse wie im Jahr 2010 würde man sich derzeit schon fast wünschen. Zumindest das FA-Cup-Finale zwischen Chelsea und Leicester City am kommenden Samstag wird vor rund 22.000 Zuschauern ausgetragen, der englische Fußball ist auf dem Weg der Besserung. Und so sollte spätestens auch im September der langjährige Liverpool-Fan Udo Pütsch seinen Platz an der Anfield Road wieder einnehmen können - und mit ihm hoffentlich auch weitere Mitglieder des 20 Jahre alten Fanclubs "German Reds".