18. Februar 2021 / 08:56 Uhr

Geschäftsführer Wehlend hat Dynamo Dresdens Zahlen fest im Blick

Geschäftsführer Wehlend hat Dynamo Dresdens Zahlen fest im Blick

Stefan Schramm
Dresdner Neueste Nachrichten
Jürgen Wehlend wird als neuer kaufmännischer Geschäftsführer der SG Dynamo Dresden vorgestellt. Vor der Pressekonferenz schaut er kurz beim Training der Profis vorbei.
Jürgen Wehlend rechnet pandemiebedingt mit Einnahmeverlusten in Millionenhöhe. © Steffen Kuttner
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Jürgen Wehlend, Dynamo Dresdens kaufmännischer Geschäftsführer, sieht sich mit einem großen Loch im Etat konfrontiert. Nun kämpft er um Stadionzuschüsse und die Lizenz.

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Dresden. Seit Jahresbeginn ist Jürgen Wehlend Dynamo Dresdens kaufmännischer Geschäftsführer. Seither hat der 55-Jährige viel über den Verein gelernt, den er zuvor nur von außen kannte. Und das mitten in einer großen Krise. In der Corona-Pandemie tat sich durch die Geisterspiele ein Fünf-Millionen-Euro-Loch bei den Zuschauereinnahmen auf, auch ein Teil der mehr als acht Millionen Euro aus dem Sponsoring-Bereich steht auf der Kippe. Zumal Dynamo Dresden nach dem Abstieg in die 3. Liga im vergangenen Sommer ohnehin kleinere Brötchen backen muss, weil die TV-Gelder viel geringer ausfallen als in der 2. Bundesliga – deshalb will die Sportgemeinschaft schnell wieder dahin zurück, auch wenn die finanziellen Reserven noch für ein weiteres Drittliga-Jahr reichen sollen.

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Klar ist, dass die zehn Millionen Euro, die Dynamo vor Corona als Eigenkapital auf der hohen Kante hatte und nun zum Stopfen der Löcher nutzt, derzeit drastisch schwinden. Die aktuelle Baustelle des ehemaligen VfL-Osnabrück-Geschäftsführers ist die Lizensierung für die kommende Saison. Bis 1. März sind die Unterlagen bei der Deutschen Fußball-Liga und dem DFB einzureichen. Die Bedingungen dafür sind weniger hart als sonst. Allerdings dürfte es Auflagen geben, die bis September zu erfüllen sind. „Die Planung ist extrem schwierig, auch weil uns die Politik aktuell noch keine Perspektiven aufzeigt“, sagt der gebürtige Dresdner. Erst bei der Nachlizensierung im Herbst sei klar, wo Dynamo steht.

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Dynamo Dresden konnte am 14. Februar das Heimspiel gegen den VfB Lübeck mit 3:1 gewinnen. Bei minus drei Grad, ließen die Schwarz-Gelben den Gästen keine Chance. Zur Galerie
Dynamo Dresden konnte am 14. Februar das Heimspiel gegen den VfB Lübeck mit 3:1 gewinnen. Bei minus drei Grad, ließen die Schwarz-Gelben den Gästen keine Chance. ©

„Wir planen für die 2. und 3. Liga mit drei möglichen Szenarien: mit dem Worst Case, einem bestmöglichen Worst Case und einem Vergleichswert für eine normale Saison ohne Corona“, berichtet Wehlend, ohne ins Detail zu gehen, weil er sein Zahlenwerk in einer Woche zunächst dem SGD-Aufsichtsrat vorstellen will. Läuft es schlecht, nimmt der Verein in der aktuellen Saison knapp acht Millionen Euro weniger ein als geplant. Hart treffen könnten ihn zum Beispiel Rückerstattungen im Bereich Hospitality und Sponsoring von bis zu 2,5 Millionen Euro. „Damit sie nicht erforderlich werden, machen wir alternative Angebote mit neuen Werbeformen. Derzeit tauschen wir uns mit den Partnern aus, was wir realistisch sichern können“, erklärt Wehlend.

Lösung für Stadionverträge finden

Die Geisterticket-Aktion im Dezember brachte 270.000 Euro ein, ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein, weil sie trotz über 72.000 verkaufter Tickets nicht mal die normalen Einnahmen eines einzigen Spieltags komplett abdeckt. Das große Potenzial des Vereins sei die Urgewalt der vielen Fans, mit deren Hilfe gelingen könne, die Verluste abzufangen, hat Jürgen Wehlend erkannt: „An mich wurden extrem viele Ansätze herangetragen, die andere Vereine so schlicht und ergreifend nicht haben. Ich zitiere Ralf Minge: Dynamo Dresden wird sich nie Erfolge kaufen können. Wir müssen eben immer innovativer sein als andere Vereine.“


Dazu gehört auch, Lösungen für das schwierige Thema der Stadionverträge zu finden, das die Sportgemeinschaft schon seit Jahren begleitet. „Das Konstrukt ist viel zu komplex und nicht funktional. Es gibt zu viele Abhängigkeiten. Dem Verein fehlen wichtige Einnahmequellen im Stadionbereich, bspw. aus Bandenwerbung und Catering“, erklärt Jürgen Wehlend. Als sie vor über zehn Jahren ausgehandelt wurden, sei man an die Grenze dessen gegangen, was ein Zweitligist überhaupt bezahlen könne. „Aber diese Grenze ist nicht mehr realistisch. Die Kosten sind im Vergleich zum Ertrag überproportional gestiegen“, weiß der SGD-Geschäftsführer, der nun vor weiteren Einschnitten selbst im Fußball-Unterhaus warnt: „Die 2. Bundesliga 2021/22 wird von den wirtschaftlichen Zahlen her mit der letzten Vor-Corona-Saison 2018/19 nichts mehr gemein haben. Die Budgets werden sich drastisch ändern bzw. verschieben müssen.“

Hoffnung auf Gunst der Räte

Umso mehr ist Dynamo Dresden auf städtische Unterstützung angewiesen, doch auch die Landeshauptstadt muss sparen. Ausgerechnet im nächsten Doppelhaushalt fehlen die 1,5 Millionen Euro, die jedes Jahr als Stadionkostenzuschuss aus dem Stadtsäckel flossen. Gleich bei Wehlends Antrittsbesuch bei Sportbürgermeister Peter Lames am 5. Januar ging es darum, das Geld nun doch locker zu machen. „Ich gehe davon aus, dass wir im März, spätestens im April, einen entsprechenden Stadtratsbeschluss haben werden“, zeigt sich Jürgen Wehlend zuversichtlich. Schließlich sei Dynamo nicht nur ein wirtschaftlich wichtiger Faktor für die Stadt, sondern auch ein emotionaler für viele Einwohner.

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Natürlich wollte die Stadt erst mal sichergehen, dass der Zuschuss nicht höher ist als die Pacht, die Dynamo zahlt. „Sie liegt auch ohne Zuschauereinnahmen bei über zwei Millionen Euro und ist damit viermal so hoch wie marktübliche Stadionkosten im Schnitt der 3. Liga, den erforderlichen Nachweis gegenüber der Landeshauptstadt haben wir im Januar erbracht“, sagt Jürgen Wehlend. Nun hofft er auf die Gunst der Räte, damit er wenigstens diese Baustelle beenden kann.