12. Juni 2020 / 06:00 Uhr

Die Geschichte der Fußball-EM: 1960, 1964 und 1968 - Sepp Herberger sorgt für späten BRD-Start

Die Geschichte der Fußball-EM: 1960, 1964 und 1968 - Sepp Herberger sorgt für späten BRD-Start

Udo Muras
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Bundestrainer Sepp Herberger wollte 1960 und 1964 nicht an der neuen Fußball-Europameisterschaft teilnehmen. Die 1968er-Mannschaft scheiterte bereits in der Qualifikation für die Endrunde an Albanien.
Bundestrainer Sepp Herberger wollte 1960 und 1964 nicht an der neuen Fußball-Europameisterschaft teilnehmen. Die 1968er-Mannschaft scheiterte bereits in der Qualifikation für die Endrunde an Albanien. © imago images/Horstmüller/Rust/Montage
Anzeige

Eigentlich sollte jetzt bei der Europameisterschaft der Ball rollen - es kam anders. Für ein bisschen EM-Gefühl blickt der SPORTBUZZER auf die 60-jährige Geschichte des Wettbewerbs zurück. In der Serie mit eingebettetem Podcast, in dem Reporter-Legende Hartmut Scherzer zahlreiche Anekdoten verrät, geht es zum Auftakt um die schwierigen Anfänge des Turniers.

Anzeige

Warum nur dauerte das so lange? 1900 gab es bei den Olympischen Spielen ein Fußballturnier, 1930 begann die Chronik der Weltmeisterschaften. Seit 1955 rollte der Ball im Europapokal. Nur auf eine EM mussten die Fußballfans warten. Die UEFA weigerte sich bis 1968 sogar, sich als Ausrichter zu betätigen – weil zu wenige Nationen mitmachten. Die Verbände kon­zen­trier­ten sich auf ihre nationalen Ligen. So wurde 1960 und 1964 offiziell nur um den „Europapokal der Nationen“ gespielt.

Mehr vom SPORTBUZZER

Der vom Franzosen Pierre Delauney im Sinne seines Vaters Henry – der die Idee 1927 zuerst gehabt hatte – durchgesetzten Premiere in seinem Heimatland blieben die Ex-Weltmeister Italien und Deutschland sowie das Fußball-Mutterland England fern. 17 der 31 Verbände erklärten sich immerhin bereit. Und nach Ausscheidungsspielen zwischen Irland und Tschechien, in denen sich der Ire Liam Tuohy den Eintrag als erster Torschütze der EM-Geschichte sicherte, konnte man ein Achtelfinale durchführen. Bundestrainer Sepp Herberger war da noch Skeptiker: „Zwischen den Weltmeisterschaften ist der Neuaufbau einer starken Nationalelf die erste Aufgabe. Da stört ein Europaturnier nur.“ So kam es, dass die ersten beiden Europameisterschaften für westdeutsche Betrachter im Dunkel der Geschichte liegen. Die DDR war jedoch dabei, scheiterte im Achtelfinale an Portugal.

Noch mehr Hintergründe, Anekdoten & Co.: Hier geht es zum Podcast zur neuen SPORTBUZZER-Serie

Einen Halbfinalisten bestimmte die Politik: Spanien durfte nicht gegen die Sowjetunion spielen, das hatte Diktator Franco angeordnet. So musste Spanien als Verursacher der Absage ausscheiden, Frankreich blieb als Gastgeber der mit vier Teams ausgetragenen Endrunde übrig. Der vom 6. bis 10. Juli 1960 ausgespielte Pokal wurde nach Henry Delaunay benannt und von der UdSSR gewonnen. Die Franzosen landeten auf Platz vier und erlebten eine Zuschauerpleite (insgesamt 76.949 Besucher), das Finale im Pariser Prinzenpark fand vor unwürdiger Kulisse statt. 17.966 Menschen lösten ein Ticket für das Ostblock-Duell Sowjetunion gegen Jugoslawien. Die Russen gewannen im Dauerregen nach Verlängerung 2:1.

Siegtorschütze Wiktor Ponedelnik hatte 2016 im Gespräch mit dem SPORTBUZZER nur positive Erinnerungen: „Es war fantastisch. Wir wohnten auf der Trainingsbasis der französischen Nationalmannschaft in Paris. Dort konnten wir richtig gut trainieren. Es gab mehrere Fußballfelder, gute Versorgung, wunderbare Bedingungen dank der Gastfreundschaft der Franzosen. Das habe ich bis heute nicht vergessen.“

Von Deutschland in die Welt: Sportler als Botschafter

Deutsche Sportstars wie Bastian Schweinsteiger, Boris Becker oder Franz Beckenbauer haben es zu Weltruhm gebracht. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeichnet den Verlauf ihrer Karrieren nach. Zur Galerie
Deutsche Sportstars wie Bastian Schweinsteiger, Boris Becker oder Franz Beckenbauer haben es zu Weltruhm gebracht. Der SPORTBUZZER zeichnet den Verlauf ihrer Karrieren nach. ©

Deutschland verpasst EM 1968 - durch die "Schmach von Tirana"

An das entscheidende Tor kann er sich genau erinnern: „Der Torwart nahm den Ball auf und schoss ihn fast bis zur Feldmitte. Juri Woinow überspielte den Gegner und schickte den Ball auf die linke Flanke zu Micheil Meschi. Meschi konnte es sich nicht verkneifen, zwei Täuschungsmanöver vorzuführen, entging dem Abwehrspieler und schlug einen hohen Pass in den Strafraum. Dahin spurtete ich bereits mit vollem Dampf. Dann habe ich getroffen“, erzählte der heute 83-Jährige. In Erinnerung blieben ihm auch die Momente nach dem Sieg: „Wir lagen da, völlig kraftlos, und weinten vor Freude. Irgendwie konnten wir uns aufraffen und für die Zeremonie mit der Übergabe des Pokals aufstehen“, sagte Podelnik. Das Sport Magazin zog dennoch ein maues Fazit: „Was sich bei der ersten Austragung getan hat, ist nicht ermutigend.“

Zur zweiten EM meldeten sich schon 29 Verbände, von den Großen fehlte Deutschland, das immer noch auf Herbergers Wort hörte. Die Endrunde in Spanien wurde binnen fünf Tagen in zwei Städten ausgetragen und profitierte davon, dass die Gastgeber erfolgreicher waren. Das Endspiel Spanien – UdSSR (2:1) wollten rund 120 000 Menschen sehen, offiziell meldete die UEFA jedoch nur 79 115 Zahlende. Und trotzdem: Erstmals war EM-Begeisterung zu spüren. Und da wollten auch die Deutschen mittun, doch auch bei der Endrunde 1968 glänzten sie durch Abwesenheit, weil sie 1967 in Tirana (0:0) an Albanien scheiterten. Kleiner Trost: Italien 1968 wurde zur Farce. Die Gastgeber kamen gegen die Russen nur durch Münzwurf ins Finale, das sie im Wiederholungsspiel gegen die Jugoslawen gewannen. Die Russen schimpften: „Das Los bei der Europameisterschaft entscheiden zu lassen, ist ein Hohn für den Sport.“ Man nennt es Kinderkrankheiten.