29. Juni 2020 / 20:41 Uhr

Geständnis nach dem ersten Wolfsburg-Jahr: Glasner war "aufgeregt" und "nervös"

Geständnis nach dem ersten Wolfsburg-Jahr: Glasner war "aufgeregt" und "nervös"

Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Oliver Glasner ist seit einem Jahr VfL-Trainer
Blickt im großen SPORTBUZZER-Interview auf sein erstes Jahr beim VfL Wolfsburg zurück: Trainer Oliver Glasner.
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Ein Jahr Oliver Glasner - im großen SPORTBUZZER-Interview spricht der Trainer des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg über seinen Start beim VfL, schwere Situationen, Corona, Wünsche für die neue Saison und seine Familie.

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Neuer Trainer, neue Spieler, neues System, Liga-Unterbrechung wegen der Corona-Pandemie und am Ende wurde es trotzdem Europa – Oliver Glasner hat in seinem ersten Jahr als VfL-Trainer viel erlebt. Im großen SPORTBUZZER-Interview spricht der Österreicher, der im vergangenen Jahr aus Linz zum Wolfsburger Fußball-Bundesligisten gewechselt war, über sein erstes Training, seinen ersten VfL-Sieg, über Rückschläge und seine Familie, die er wochenlang nicht um sich haben konnte.

Vor genau einem Jahr haben Sie zum ersten Mal den VfL trainiert – welche Erinnerungen haben Sie noch an diesen Tag?
Puh, ist das schon wieder ein Jahr her? Wahnsinn. Ich war schon ein bisschen aufgeregt, erstmals im Ausland zu arbeiten, erstmals vor die Mannschaft zu treten. Es war alles ziemlich spannend, denn der VfL hatte sich ja auch für die Europa League qualifiziert. Ich war einerseits ein bisschen nervös, andererseits war da aber auch ganz viel Vorfreude.

Wann haben Sie diese Nervosität abgelegt?
Nie so ganz. Das Kribbeln in der Bauchgegend ist fast immer da, das möchte ich auch nicht missen. Ich denke, man braucht eine gewisse Anspannung, um fokussiert zu sein. Ich merke immer wieder: Die Freude und die Begeisterung für diese Aufgabe ist noch genauso da wie vor einem Jahr.

"Ich sehe schwierige Phasen als Herausforderung"

Gab es mal einen Moment, in dem Sie den Schritt von Linz nach Wolfsburg bereut haben?
Nein, nie. Natürlich gab es auch für mich in diesem Jahr sehr schwierige Phasen – etwa, als ich wegen der Corona-Pandemie über Wochen von meiner Familie, die ja weiterhin in Österreich lebt, getrennt war. Diese räumliche Trennung gab es zwar auch vor Corona, aber wenn du weißt, du kannst deine Familie eine längere Zeit nicht sehen, weil die Grenzen dicht sind, ist das schon herausfordernd und schwierig. Vor allem für meine Frau und unsere Kinder zu Hause war diese Zeit nicht leicht.

Und wie bewerten Sie das Jahr aus sportlicher Sicht?
Es gab schöne und es gab schwierige Momente. Aber ich sehe schwierige Phasen immer als Herausforderung. Das gehört überall im Leben dazu. Meine Frau und ich, wenn ich das kurz erzählen darf, sind in diesem Jahr 25 Jahre zusammen. In der Zeit sind wir auch nicht immer auf Wolke sieben geschwebt.

Trainer aus Österreich in der deutschen Bundesliga

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Trainer aus Österreich in der deutschen Bundesliga ©

Und das sieht Ihre Frau wahrscheinlich auch so...
Schon (Lacht). Sie weiß das sehr gut einzuschätzen. Es gibt im Leben eben immer wieder Situationen, die du gemeinsam meistern musst. Das war auch für uns beim VfL so. Und wenn ich jetzt zurückblicke, finde ich, dass wir das als Team sehr gut gemeistert haben. Wir sind in Europa wieder dabei, wir müssen zwar einen kleinen Umweg nehmen, aber wir trauen uns zu, dass wir diese drei Quali-Runden überstehen und dann wie im vergangenen Jahr in der Gruppenphase stehen. Alles in allem sind wir mit dieser Saison zufrieden.

Welches war die erste richtig schwierige Situation für Sie?
Nach einem grandiosen Start hatten wir im Herbst eine schwierige Phase. Wir haben viele Spiele nicht gewinnen können, die Leistungen waren nicht zufriedenstellend. Aber wir haben uns heraus gekämpft. Das war auch zu Beginn der Rückrunde so, als wir in Köln und gegen Hertha verloren hatten. Dann stehst du auf Rang zehn und fährst nach Paderborn, da wussten alle: Jetzt entscheidet sich, in welche Richtung es für uns in der restlichen Saison geht. Zum Glück haben wir damals sieben Punkte aus drei Spielen geholt – und dann hat die Richtung wieder gestimmt. Und nach dem Sieg in Hoffenheim hatte ich das Gefühl, dass es wieder für Europa reichen könnte.

"Ich werde mich nie herausheben"

Im Herbst haben Sie die Mannschaft nach der Niederlage in Freiburg öffentlich lautstark kritisiert – würden Sie das noch mal so machen?
Manchmal sagt man etwas in der Emotion, manchmal muss man das loswerden, zumal ich die Dinge ja zuvor schon intern angesprochen hatte. Es musste in diesem Moment einfach raus. Aber klar, die Aufmerksamkeit war schon zwei, drei Nummern größer als in Österreich, das ist mir dann erstmals so richtig klar geworden.

In welchen Punkten haben Sie den VfL zusammen mit ihrem Trainerteam verbessert?
Ganz wichtig ist für mich: Alles, was wir hier erreichen, erreichen wir zusammen. Ich werde mich nie herausheben. Es braucht alle dafür, um erfolgreich zu sein. Ich bin hier vor einem Jahr angetreten und habe gesagt, dass wir weniger Gegentore als im Jahr zuvor bekommen wollen. Wir haben hinten auf Dreierkette umgestellt, um mehr Stabilität zu haben. Das hat sehr schnell sehr gut funktioniert. Wir wollten so Richtung 40 Gegentore kommen, das ist uns jetzt nicht ganz gelungen, weil wir hinten raus zu viele Tore bekommen haben.

VfL Wolfsburg gegen die Bayern - Die Bilder

Kollegen-Talk: Robin Knoche, Josip Brekalo und Ex-VfLer Ivan Perisic Zur Galerie
Kollegen-Talk: Robin Knoche, Josip Brekalo und Ex-VfLer Ivan Perisic ©

Nach vorn hat anfangs nicht viel funktioniert.
Das stimmt. Aber nachdem wir hinten stabiler waren, wurde auch das Offensivspiel besser. Dennoch sind wir in der Anzahl der Tore hinter dem geblieben, was wir uns vorgenommen hatten. Aber man darf eben auch nicht vergessen, dass Daniel Ginczek fast die gesamte Hinrunde raus war. Admir Mehmedi musste ebenfalls häufiger wegen Verletzungen passen – das merkt man dann schon.

Glauben Sie, dass Wout Weghorst in der neuen Saison noch mehr Tore schießen kann als die 16 in dieser Spielzeit?
Ich sehe nicht nur seine Tore, sondern sein gesamtes Spiel. Ich finde, dass er einen Schritt nach vorn gemacht hat, wenn ich sehe, wie er sich an unserem Spiel beteiligt. Zu Beginn der Saison stand er häufiger mal im Abseits, wenn wir in Ballbesitz waren, weil er sich schon positioniert hatte für den Ball in den Strafraum. Aber wir wollen ja viel mit flachen Kombinationen nach vorn kommen – so, wie wir es etwa beim Sieg auf Schalke gemacht haben. Da haben wir viele Bälle in die Zwischenräume gespielt, auch auf Wout. Er hat in diesem Bereich große Fortschritte gemacht, gleichwohl sehe ich bei ihm auch noch Verbesserungspotenzial. Aber das weiß Wout auch.

Arnolds Standards sind eine Waffe

Verbessert hat sich Maximilian Arnold, wenn man an seine gefährlichen Standards in der Rückrunde denkt.
Ich habe Max vor der Saison gesagt: ,Mit deinem guten linken Fuß machst du viel zu wenig Scorerpunkte‘. Jetzt hat er seine Höchstzahl an Scorerpunkten in einer Saison erreicht. Seine Standards sind eine Waffe. Was die Abschlüsse aus dem Spiel angeht, hat er jedoch noch Steigerungspotenzial. Dennoch: Ich finde, Max hat das ganze Jahr konstant auf hohem Niveau gespielt. Was mich ebenfalls bei ihm freut, ist, dass er trotz seiner über 200 Bundesliga-Spiele immer noch bereit ist, neue Dinge anzunehmen. Das war schön zu sehen.

Welches war der schönste Sieg?
Von den Emotionen her war das sicher das 2:1 gegen Gladbach, mit dem Siegtor von Maximilian in der Nachspielzeit. Der schönste Sieg für mich persönlich war der gegen Köln, weil es der erste für mich mit dem VfL in der Liga war. Der bleibt ewig in meiner Erinnerung. Es gab ganz wichtige Siege, wie etwa das 2:0 in Frankfurt, nachdem wir sieben oder acht Spiele in Folge nicht hatten gewinnen können. Wichtig war auch das 4:2 in Paderborn in der Rückrunde oder der Sieg in der Europa League bei Olexandrija, weil wir damit unser erstes Europa-League-Ziel, das Erreichen der K.o.-Phase, erreicht hatten.

Und welche Niederlage war besonders bitter?
Das 1:2 gegen Hertha BSC in der Rückrunde, weil ich heute noch sage: Die Berliner wissen gar nicht, wie sie das Spiel gewonnen haben.

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit Manager Jörg Schmadtke und Sportdirektor Marcel Schäfer?
Zunächst einmal muss man sagen, dass die Struktur beim VfL eine ganz andere ist als in Linz. Da hatte ich zwar jemanden an meiner Seite, aber ich war komplett für das Sportliche beim Klub verantwortlich. Deshalb hatte ich viel mehr Aufgaben zu erfüllen. Ein Beispiel: Wenn ein Physiotherapeut eingestellt wurde, habe ich die Gespräche geführt. Hier ist es anders – das wusste ich natürlich, aber dennoch war das zunächst auch neu für mich.

Ich vermisse meine Familie und meine Freunde

Was genau ist anders?
Entscheidungen abzugeben. Meine Meinung wird zwar gehört, aber dann muss ich mich nicht mehr um Dinge, wie ich sie aus Linz kannte, kümmern.

Und wie ist die Zusammenarbeit mit Schmadtke und Schäfer? Wird da auch mal kontrovers diskutiert?
Ja, klar. Und das ist auch gut so. Wir diskutieren über viele Dinge, jeder gibt seine Meinung ab – und am Ende wird eine gemeinsame Entscheidung getroffen. Hier muss ich manchmal auch Kompromisse eingehen. Damit habe ich kein Problem, solange es der Entwicklung der Mannschaft oder des Klubs hilft.

Was vermissen Sie in Deutschland?
Meine Familie und meine Freunde. Alles andere ist wunderbar, es geht mir hier ausgezeichnet.

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Sind Sie durch die räumliche Trennung ein Fan der Videotelefonie geworden?
Ja, das ist jeden Abend Pflichtprogramm. Es ist schon ein bisschen etwas anderes, wenn man sich bei dem Gespräch sehen kann.

Schauen wir nach vorn – welche Wünsche haben Sie in Sachen Neuzugänge im Gespräch mit Manager und Sportdirektor hinterlegt?
Wir haben die Saison gemeinsam Revue passieren lassen und haben uns auch darüber ausgetauscht. Dabei ging es aber mehr um Anforderungsprofile auf gewissen Positionen. Wir halten natürlich Augen und Ohren offen und schauen, was möglich ist.

"Nach zwei Wochen fängt es bei mir wieder an zu kribbeln"

Es heißt, Sie hätten gern mal einen Flügelspieler, der auch mal nach innen zieht statt die Außenlinie hoch und runter zu rennen.
Von den aktuellen Spielern rennt auch keiner mehr nur rauf und runter, Josip Brekalo und Renato Steffen machen das auch nicht mehr. Wir wollen versuchen, Spieler wie sie, in die Zwischenräume zu bringen. Von da aus hat Renato auf Schalke ein Tor vorbereitet, von da aus startend hat er im Frühjahr so viele Tore geschossen wie nie zuvor. Generell wollen wir versuchen, so zu spielen.

Wie schalten Sie nach diesem so intensiven Jahr beim VfL nun ab? Und wo?
Ich werde die ersten Tage zusammen mit der Familie in meiner Heimat verbringen. Ich werde mich mit Freunden zum Golf treffen. Vielleicht gehen wir mit der Familie wandern oder fahren irgendwo hin zum Baden. Meine Erfahrung ist jedoch: Nach zwei Wochen fängt es bei mir wieder an zu kribbeln – und spätestens dann beginnt die Vorfreude auf die neue Saison.