16. Mai 2021 / 20:30 Uhr

Gewagter Trip nach Unterhaching

Gewagter Trip nach Unterhaching

Horst Schreiber
Ostsee-Zeitung
Nach dem Spiel in Unterhaching jubeln Fans mit den Hansa-Spielern. Die Klub-Verantwortlichen versuchen, die Emotionen zu beruhigen, und die Polizei, die Meute vom Stadionzaun fernzuhalten.
Nach dem Spiel in Unterhaching jubeln Fans mit den Hansa-Spielern. Die Klub-Verantwortlichen versuchen, die Emotionen zu beruhigen, und die Polizei, die Meute vom Stadionzaun fernzuhalten. © Lutz Bongarts
Anzeige

Hunderte Hansa-Fans reisen ohne Aussicht, das Fußballspiel sehen zu können, nach Unterhaching. Unterwegs und am Stadion kochen die Emotionen über.

Anzeige

Es ist dunkel und totenstill, als sich die Fans von Hansa Rostock zur Abfahrt nach Unterhaching treffen. Der Mond ist nicht zu sehen. Licht dringt nur von einer Straßenlampe durch das Gestrüpp auf den Parkplatz bei Burger King. Das dumpfe Knallen der Autotüren ist das einzige Geräusch weit und breit. Es ist ja sonst nichts los, Samstagnacht um 3 Uhr. Als sie 23 Stunden später erschöpft aus Bayern zurück im Norden ankommen, sind wieder nur Laternenlichter zu sehen und Autotüren zu hören. Dazwischen ist es laut, bunt, emotional.

Anzeige

Die Auswärtsfahrt von Fußball-Drittligist Hansa Rostock zur SpVgg Unterhaching ist die letzte der Saison, die in der Aufstiegsfrage vielleicht entscheidende, und ausgerechnet die längste. Fans sind coronabedingt zum Spiel nicht zugelassen. Trotzdem machen sich Hunderte Hansa-Anhänger auf den Weg in den Münchener Vorort. Rund 800 Kilometer hin. Rund 800 Kilometer zurück. Es ist die tief verwurzelte Liebe zum Klub und – in diesem Fall wohl treibende Kraft – die in den letzten Wochen ins Unermessliche gestiegene Hoffnung auf die lang ersehnte Rückkehr in die 2. Bundesliga, die die Fans zu diesem Trip treibt. „Ich fahre 16 Stunden quer durch Deutschland für 90 Minuten, von denen ich absolut nichts sehen werde“, beschreibt ein Fan den Gegensatz von Absurdität der Reise und Begierde, beim großen Moment live dabei zu sein und das eigene Team antreiben zu müssen.

Auf den Autobahnen durch sechs Bundesländer mehren sich die Kennzeichen aus MV, die Richtung Süden brausen. Über die Rastplätze, die – das bezeugen die zahlreichen Aufkleber an Laternen und Klohäuschen – noch in Mitteldeutschland fest in der Hand der Hansa-Getreuen sind, huschen vereinzelt blau-weiße Trikots. Die Mehrheit der Fans fährt aber unauffällig. Möglichst ohne HRO-Autoschild und FCH-Kleidung, um nicht auf das Radar von Polizei und verfeindeten Fangruppen zu geraten.



So laut, wie es schlagartig fünf Minuten vor Anpfiff von außerhalb in den Innenraum der Hachinger Arena schallt, scheinen alle, die sich auf den Weg gemacht haben, unbeschadet angekommen zu sein. Inbrünstig schmettern rund 300 Fans 90 Minuten lang Lieder und Parolen und wedeln Fahnen. „Wir haben Auswärtsspiel“, sagt ein Haching-Funktionär auf der Tribüne zu seinem Kollegen achselzuckend.

Hansa-Fan Joachim war schon oft im Hachinger Sportpark. Auch als der 53-Jährige vier Jahre lang in Italien lebte, ist er zu Hansa-Spielen immer Richtung München gereist.
Hansa-Fan Joachim war schon oft im Hachinger Sportpark. Auch als der 53-Jährige vier Jahre lang in Italien lebte, ist er zu Hansa-Spielen immer Richtung München gereist. © Horst Schreiber

Auf der anderen Seite des Blocks steht Joachim und brüllt den FCH zum Sieg. „Ja sicher haben wir hier Rabatz gemacht. Muss sein“, sagt der 53-Jährige, der seit 1976 sein Fußballherz an die Kogge vergeben hat. Das Siegtor bekommt er nur mit, weil plötzlich die Leute neben ihm jubeln. „Egal, dass ich es nicht gesehen habe, aber ich musste unbedingt hier dabei sein!“

Die Stimmung brodelt und droht überzukochen, als die Hansa-Kicker nach Abpfiff vom Tribüneneingang von Angesicht zu Angesicht mit den Fans jubeln. Die Anhänger rücken näher an den Absperrzaun, wollen ihn überwinden, um noch inniger mit der Mannschaft feiern zu können. Sportvorstand Martin Pieckenhagen und einige Spieler versuchen sofort, die Meute zu beschwichtigen. „Das ist pure Emotion, was da abgeht“, sagt Hansaprofi Philip Türpitz gegenüber Magentasport. Die mittlerweile behelmte Polizei, die die Anhängerschaft zuvor 90 Minuten hat machen lassen, und nun zwischen Zaun und Fans steht, weiß sich nur noch mit Pfefferspray zu helfen, um die Gruppe zurückzudrängen. Ein Fan muss daraufhin vom Notarzt behandelt werden.

Alle News zum Spiel FC Hansa bei SpVgg Unterhaching

Kurz darauf löst sich die Situation auf. Einsatzkräfte und Fans beäugen sich gegenseitig oder den Ort, wo eben noch Ekstase war. Dann machen sich die Fans auf den Weg Richtung Ostsee. Die Stimmung ist auch auf der Autobahn immer noch ausgelassen. Sie brodelt weiter. Und kocht diesmal über. Als eine Autokolonne von Hanseaten den Mannschaftsbus ihres Teams erblickt, bremst sie ihn aus, bringt ihn vor Ingolstadt mitten auf der A 9 zum Stehen. Menschen laufen auf dem Asphalt umher, jubeln, wedeln mit Fahnen, zünden Pyro, klatschen gegen die Busscheibe. Die Freude, die in normalen Zeiten jedes Wochenende im Fußballstadion herausgeschrien wird, hat sich über Wochen und Monate angestaut und entlädt sich nun in einer gefährlichen Zone ohne Tempolimit.

Dort wird Joachim am kommenden Sonnabend voller Vorfreude entlangfahren. Der gebürtige Vorpommer lebt seit 15 Jahren in München, war deshalb ausgeschlafen mit dem Fahrrad in Unterhaching und will das Saisonfinale gegen den VfB Lübeck unbedingt in Rostock erleben. Dann wird Joachim diese aberwitzige 1600-Kilometer-Reise auf sich nehmen. 4 Uhr nachts los, vermutlich wieder nichts vom Spielgeschehen sehen und in sonntäglicher Früh zurück in München sein. „Vielleicht kriege ich ja Karten. Aber wurscht, Hauptsache sie steigen auf!“, sagt der Hansa-Fan.