28. März 2017 / 09:59 Uhr

RB Leipzig international - Hasenhüttl:  "Das wäre eine große Herausforderung"

RB Leipzig international - Hasenhüttl:  "Das wäre eine große Herausforderung"

Anne Grimm
Leipziger Volkszeitung
Ralph Hasenhüttl RB Leipzig
Freut sich über die bisherige Saison: RB-Trainer Ralph Hasenhüttl. © Christian Modla
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Der RB-Trainer spricht im exklusiven Interview über die heiße Bundesliga-Phase, die Herausforderung Champions League und Verstärkungen im Sommer .

Ihr Team ist das jüngste der Liga und einer der besten Aufsteiger der Bundesliga-Geschichte. Sie sind Trainer des Jahres 2016 in Österreich, RB steht auf Rang zwei. Würden Sie die Saison am liebsten sofort beenden?

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Nein, überhaupt nicht. Aus so einer Situation heraus Fußballspiele bestreiten zu dürfen, ist mit das Schönste, was man sich vorstellen kann. Es ist eine traumhafte Ausgangssituation, um im letzten Drittel der Saison nur mit positivem und nicht mit negativem Druck konfrontiert zu werden. Es gibt sicherlich viele Mannschaften in der Bundesliga, die gerne mit uns tauschen würden. Wenn ich ans Tabellenende schaue, da müssen viele zittern, und es ist sogar bis Platz elf noch nicht sicher, wer in der Liga bleibt. Da ist unsere Situation so angenehm, wie man sie sich vor der Saison eigentlich gar nicht hätte wünschen können.

Bei der Ausgangslage wäre es aber schon ärgerlich, wenn Sie den Champions-League-Platz noch verspielen würden…

Wenn es so wäre, hätten wir es nicht verdient, dann wären wir die ganze Saison nicht konstant genug gewesen. Dann wird uns aber auch kein Zacken aus der Krone brechen, und dann ist es vielleicht auch besser so. Ich habe schon von schlimmeren Schicksalen gehört, als dass man in seinem ersten Jahr in der Bundesliga am Ende möglicherweise nur in die Europa League kommt.

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Was geht in Ihnen vor, wenn nach zwei Niederlagen und einem Remis von einer Krise gesprochen wird?

Man kann es nennen, wie man möchte. Wenn man die Phase nimmt, die gerade nicht ganz so viel Spaß macht wie die davor, sollte man trotzdem auch immer das Gesamte sehen. Wir haben in der Rückrunde gegen richtig gute Mannschaften Spiele gewonnen, gegen die wir es in der Hinrunde nicht geschafft haben. Komischerweise haben wir aber gegen Mannschaften verloren, die wir in der Hinrunde geschlagen haben. Im direkten Vergleich haben wir aber meist nur positive Bilanzen und deswegen ist es an und für sich nicht schlimm. Aber wir wollen vor allem im nächsten Heimspiel wieder einen Sieg landen.

Ralph Hasenhüttl RB Leipzig
Grund zum Jubeln gab es in dieser Saison für Ralph Hasenhüttl reichlich. © GEPA Pictures

Ist jetzt ein Moment gekommen, in dem man als Trainer vor allem seine psychologischen Fähigkeiten einbringen muss?

Die müssen wir eigentlich jeden Tag einbringen, weil es nicht jedem Spieler jeden Tag gleich gut geht. Es gibt immer wieder Spieler, die mehr Zuspruch brauchen, weil ihre Situation vielleicht nicht die Einfachste ist. Psychologisches Geschick des Trainers hängt in den seltensten Fällen allein vom Ergebnis des letzten Spiels ab. Das ist eigentlich eine Dauerbeanspruchung, der wir uns auch bewusst sind.

Die heißeste Phase beginnt jetzt nach der Länderspielpause: Was stimmt Sie optimistisch, dass die Mannschaft zu ihren Stärken aus der Hinrunde zurückfindet?

Wir sind nicht weit davon entfernt. Wir haben ähnlich viele Torchancen wie in der Hinrunde, lassen ähnlich wenig zu, das Ergebnis ist aber leider Gottes ein anderes. Wir machen nicht so viel aus unseren Chancen und bekommen aus den wenigen sehr schnell Gegentore. Das ist sicherlich eine Phase, die wir mit aller Macht versuchen wollen zu beenden. Es ist für das Selbstvertrauen nicht gut, wenn man viel investiert, aber dafür nicht belohnt wird. Ich denke nur an das Wolfsburgspiel, in dem wir fast 122 Kilometer gelaufen sind. In der Phase der Meisterschaft geht es vor allem auch darum, mit viel Geduld Punkte zu holen. Kein Gegner wird dir den Gefallen tun, von Anfang an volles Risiko zu gehen. Da wird noch viel stärker aufs Ergebnis geschaut, denn es geht einfach um zu viel in der Bundesliga. Vor allem für die Mannschaften, die hinten drin stehen, geht es ums nackte Überleben. Das muss für uns selbst auch die Konsequenz sein, dass wir vor allem auf das Ergebnis aus sind.

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Auffällig war in den letzten sechs Spielen, dass Ihre Mannschaft acht Tore nach Standards oder Kontern bekommen hat…

Ich habe nicht das Gefühl, dass wir viel mehr Chancen zulassen, aber der Gegner nutzt sie wesentlich konsequenter. Bremen hat aus den ersten zwei Torschüssen zwei Tore gemacht. Der Standard war schön rausgespielt, aber er trifft auch sensationell in den Winkel. Trotzdem haben wir da einen Fehler gemacht. Das müssen wir uns ankreiden und tun wir auch. Aber es scheint eine Phase zu sein, in der jeder Fehler sofort bestraft wird. Das war in der Hinrunde anders. Da hatten wir auch einige Spiele, in denen wir Fehler gemacht oder Kontertore kassiert haben, aber es ist nicht so ins Gewicht gefallen, da wir am Ende trotzdem gewonnen haben.


Nun fällt noch Ihr bester Stürmer Timo Werner aus. Wie schwer trifft Sie das?

Es ist schon traurig, weil er im Moment in einer sehr guten Verfassung war. Da kommt so etwas natürlich sehr ungelegen. Wir haben während der Saison allerdings auch noch nicht allzu oft in der Formation gespielt, in der wirklich alle fit waren. Wir haben es aber bisher immer geschafft, Ausfälle zu kompensieren. So muss und wird es auch diesmal sein.

Sie haben in der Rückrunde neue taktische Elemente eingebracht, wie die Dreier- oder Fünfer-Kette. Wie viel des aktuellen Systems haben Sie mitgebracht, und wie viel war schon vorhanden?

Unser Weg ist eine ständige Weiterentwicklung, und wir haben in dem Jahr ein paar Varianten eingebaut, die für uns neu waren. Es gibt einen Grundsatz, das ist ball- und raumorientiertes Verteidigen und deswegen hat jede Grundformation denselben Ansatz. Die Fünferkette war einfach noch mal ein neues Mittel, um in gewissen Phasen stabiler zu werden. Das hat uns in Dortmund und gegen Köln sowie Gladbach geholfen. Wenn wir jemanden überholen wollen, können wir nicht immer nur in die gleichen Fußstapfen treten, sondern müssen eigene machen. Das wird uns auch in Zukunft sicher helfen.

Das RB-Spiel hat sich in dieser Saison im Tempo und der Flexibilität sehr entwickelt. In welche Richtung soll es weitergehen?

Es war in letzter Zeit verstärkt der Fall, dass wir als Favorit in die Partie gegangen sind und viel fürs Spiel tun mussten. Deshalb müssen wir unser Spiel mit dem Ball weiterentwickeln und noch mehr Lösungen finden, als wir bisher schon haben. Ich habe sehr gute Spiele von uns gegen tiefstehende Gegner in dieser Saison gesehen, zum Beispiel zu Hause gegen Hertha, Bremen, Frankfurt oder auch Köln. Da ist es uns gelungen, auch torgefährlich zu werden. Das ist eine Weiterentwicklung, die wir in Zukunft brauchen. Die Gegner werden uns sicherlich nicht mehr so oft den Gefallen tun, Bälle in ihren Hälften zu gewinnen, sondern öfter mit langen Bällen operieren. Da ist man automatisch gezwungen, mit dem Ball noch mehr zu tun.

"Es kann durchaus sein, das sich der ein oder andere für das, was wir ihm bieten können, nicht mehr begeistern kann."

Sie sagten nach dem 0:3 in Bremen, dass der Kader nicht mehr so homogen ist wie zu Saisonbeginn. War die Entwicklung der Mannschaft für einige Spieler zu rasant?

Klarer Weise ist es so, dass Spieler, die jedes Spiel gemacht haben, einen anderen Entwicklungsstand haben. Aber es war auch in der Hinrunde so, dass viele die jetzt Stammspieler sind, noch auf der Bank saßen, weil sie gewisse Defizite hatten. Die, die nicht so viel gespielt haben, haben trotzdem gezeigt, dass man sich auf sie verlassen kann. Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich auf einer Position hereinkomme, auf der ich etwas verwalten muss, oder ob ich im Sturm in ein Spiel komme, das sowieso schon nicht so gut läuft und das Ding drehen soll. Das ist natürlich wesentlich schwerer. Man kann keinem vom Einsatz her einen Vorwurf machen. Trotzdem sind wir von der Bank momentan nicht mehr so effizient. Wir haben schon lange kein Jokertor mehr geschossen, das war zu Saisonbeginn noch anders.

Sie haben zuletzt Spielern aus der zweiten Reihe eine Chance gegeben. Rani Khedira, Davie Selke, Dominik Kaiser, Federico Palacios… Wo sehen Sie deren Zukunft?

Momentan haben sie einen Vertrag und die Zukunft bei uns. Alle sind ein sehr wichtiger Bestandteil unseres Kaders, auch wenn sie nicht immer von Beginn an spielen. Sie sind für das Klima und den Zusammenhalt der Mannschaft enorm wichtig. Ich war selbst oft genug in ­meiner Karriere kein Stammspieler, aber habe mit meiner Art Gas zu geben im Training dafür gesorgt, dass das Niveau ein sehr hohes war. Wenn ich bereit bin, mir alles abzuverlangen und den Jungs Konkurrenzdruck zu geben, um besser zu werden, dann habe ich mindestens einen genauso großen Anteil am Gesamterfolg des Vereins. Darum geht es.

Würden Sie alle Spieler mit in die nächste Saison nehmen?

Das wissen wir heute noch nicht, weil wir natürlich auch noch nicht die konkreten Pläne der Spieler kennen. Es kann durchaus sein, das sich der ein oder andere für das, was wir ihm bieten können, nicht mehr begeistern kann. Wenn das der Fall ist, setzt man sich zusammen und findet eine Lösung.

Wie viele Neue benötigen Sie für das internationale Geschäft und dem Tanz auf mehreren Hochzeiten? Man scheidet ja auch nicht immer in der ersten Runde des DFB-Pokals aus…

Wenn Sie das sagen. Bei mir ist die Wahrscheinlichkeit schon brutal hoch (lacht)… Aber stimmt, wir bräuchten dann ein paar Spieler mehr, das ist uns auch klar. Lassen Sie uns allerdings erstmal den internationalen Wettbewerb erreichen. Aber wenn es so sein sollte, bestünde im Sommer natürlich die Notwendigkeit, um für die Doppelbelastung mehr Möglichkeiten in petto zu haben. Das ist schon etwas, das bei unserem Spielstil, aber auch generell in der Bundesliga, notwendig ist. Wenn du die Topvereine vorne siehst, dann können die Ausfälle sehr gut kompensieren. Wir tun uns da aktuell noch ein bisschen schwerer. Das ist sicher auch eine Aufgabe fürs nächste Jahr.

Ralph Hasenhüttl RB Leipzig
Davie Selke gehört zu den Sorgenkindern von Ralph Hasenhüttl. © GEPA Pictures

Benötigen Sie auf jeder Position Zugänge?

Wir bräuchten für den Fall des internationalen Wettbewerbs nächstes Jahr vier oder fünf Spieler, die Stammspieler-Potenzial haben. Man strebt ja immer an, möglichst auf jeder Position eine sehr gute ­Doppelbesetzung zu haben. Dadurch hebt sich auch das Trainingsniveau wieder an, was automatisch eine Weiterentwicklung der Mannschaft zur Folge hat.

Wie wichtig wäre es für Sie, sich auf internationaler Bühne weiterentwickeln zu können?

Für mich wäre es auf jeden Fall auch etwas Neues. Für unser ganzes Trainerteam wäre es eine neue Erfahrung, auch in der Trainings- und Belastungssteuerung, sowie in der Art und Weise wie wir dann möglicherweise rotieren würden. Das wäre eine große Herausforderung.

Sie sagen oft, das Lernen ein großes Thema für Ihre Mannschaft ist – was haben Sie selbst in Ihrer ersten Saison bei RB gelernt?

Sehr viel. Ich habe noch nie so eine Mannschaft trainieren dürfen. Man hat andere Möglichkeiten und Herangehensweisen, die man wählen kann, weil man einfach die fußballerische Qualität dafür hat. Das macht schon immens viel Spaß.

Kaiserschmarrn, Klassik und Bundesliga

Wie sehr unterscheidet sich der Trainerjob von ihren vorherigen Stationen auch in punkto Medien und Druck von außen?

Das ist am Anfang schon gewöhnungsbedürftig gewesen, stört mich aber nicht. Weil ich jemand bin, der das nicht als lästige Notwendigkeit sieht, sondern auch gern macht. Die Arbeit ist aber generell eine andere, weil man einen viel größeren Stab zur Verfügung hat und an gewisse Dinge noch akribischer herangeht und noch weniger dem Zufall überlässt, als es vielleicht bei meinen Stationen davor der Fall war.

Sie sind mit dem Sinatra-Motto in Leipzig angetreten: „Wenn ich es mit meiner Art hier schaffe, dann schaffe ich es überall…“ War der Respekt im Vorfeld so groß?

Ich bin zu einem Verein gekommen, der vor mir nicht gerade unerfolgreich war. Es ist ja nicht so wie bei den zwei Vereinen vorher, die ich nach oben gebracht habe. Dort bin ich als derjenige gekommen, der das Ganze retten sollte. Hier folgst du einem Trainer, der mit einer Mannschaft aufgestiegen und jetzt Sportdirektor im Verein ist. Da musst du dir natürlich erstmal deine Lorbeeren verdienen. Es ist einfacher, irgendwohin zu kommen, wo weniger funktioniert, denn da kann man relativ schnell etwas verändern. Dort wo schon sehr viel funktioniert, muss man mit seinen Einflüssen ein bisschen vorsichtiger sein. Das ist für mich eine neue Situation und Herausforderung gewesen. Ich bin der Meinung, dass wir sie zusammen bisher sehr gut gelöst haben.

Ist es auch ein Fluch für Sie, dass die Ansprüche in der Rückrunde so gewachsen sind?

Das haben wir uns ja selber zuzuschreiben (lacht). Aber ich habe nicht das Gefühl, dass die Menschen, die wir begeistern, das anders sehen als wir. Die wissen auch, wie schwer es ist und dass es in der Hinrunde viele enge Spiele gegeben hat, die wir auf unsere Seite ziehen konnten. Ich glaube, die Fans können das sehr gut einschätzen und haben ein feines Gespür dafür, wie viel wir leisten und was wir investieren. Solche Phasen verbinden vielleicht auch noch ein Stück mehr. Bei einem Sieg fällt es nicht so schwer, ganz eng zusammen zu stehen.

Wenn Sie die Wahl hätten zwischen… Kaiserschmarrn oder Käsespätzle?

Kaiserschmarrn.

Klassik oder Rock’n Roll?

Klassik.

Premiere League oder Primera Division?

Bundesliga.

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