28. September 2019 / 08:00 Uhr

Sprint-Star Gina Lückenkemper exklusiv über die WM in Doha, das Klima in Katar und Social Media

Sprint-Star Gina Lückenkemper exklusiv über die WM in Doha, das Klima in Katar und Social Media

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Gina Lückenkemper spricht im Interview mit dem Sportbuzzer über Leistungsdruck, Social-Media und die Leichtatheltik-Wm in Doha. 
Gina Lückenkemper spricht im Interview mit dem Sportbuzzer über Leistungsdruck, Social-Media und die Leichtatheltik-Wm in Doha.  © Getty Images
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Sie ist Vize-Europameisterin über die 100 Meter - und eine der bekanntesten Leichtathleten in Deutschland. Im Interview mit dem SPORTBUZZER spricht Gina Lückenkemper über ihre Medaillenchancen bei der WM in Katar, den Umgang mit der Öffentlichkeit und gibt einen Einblick in ihre Vorbereitung.

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Gina Lückenkemper ist Realistin. „In Doha denke ich nicht an eine Medaille. Nach ganz vorn wird es für mich wohl nie reichen in der Welt“, sagt Deutschlands beste Sprinterin vor dem Start der Leichtathletik-WM im SPORTBUZZER-Interview. Dabei war sie im vergangenen Jahr bei der EM in Berlin vor der Niederländerin Dafne Schippers zu Silber gelaufen – hinter der Britin Dina Asher-Smith, die auch in Doha zu den Medaillenkandidaten zählt. In ähnliche Sphären vorstoßen wird Lückenkemper in Doha dennoch nicht, wenn unter anderem die Jamaikanerinnen Elaine Thompson und Shelly-Ann Fraser-Pryce am Sonntag (22.20 Uhr, ARD) die Medaillen jagen.

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SPORTBUZZER: Gina Lückenkemper, die WM Ende September ist äußerst spät in der Saison. Wie haben Sie die Saison dahin ausgerichtet?

Gina Lückenkemper (22): Wir konnten uns mental gut darauf einstellen. Die Planung ist allerdings schwierig gewesen, weil es immer Dinge gibt, die Strukturen und einen Masterplan durcheinanderwürfeln. Außerdem sind die Olympischen Spiele im nächsten Jahr schon recht früh in der Saison. Ich hatte nach der deutschen Meisterschaft deshalb eine Pause eingeplant – die ich dann ohnehin brauchte, weil ich mir einen Infekt eingefangen hatte. So konnte ich mir die Zeit geben, den auszukurieren. Ansonsten hatten wir die Wettkämpfe und Pausen-Blöcke entsprechend geplant. Die ganze Saison war auf die WM ausgelegt.

Bei der deutschen Meisterschaft waren Sie deshalb auch mit Platz zwei zufrieden.

Die deutsche Meisterschaft war für mich – so blöd das klingt – ein Wettkampf zwischendurch. Die Meisterschaft lag für uns Athleten recht ungünstig, weil die WM so spät ist. Zwei Monate zwischen beiden Wettkämpfen – das ist extrem lang. Deshalb war mein Niveau dort klar unter dem, was ich in Doha abrufen möchte. Die deutsche Meisterschaft hatte in diesem Jahr für mich einfach nicht den ganz großen Stellenwert wie sonst.

Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM in Doha

Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM: Unter anderen Christina Schwanitz, Konstanze Klostermann und Malaika Mihambo holten Edelmetall. Zur Galerie
Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM: Unter anderen Christina Schwanitz, Konstanze Klostermann und Malaika Mihambo holten Edelmetall. ©

Sie wurden in dieser Saison dennoch für Ihre Leistungen kritisiert. Nagt das an Ihnen?

Ich lese die meisten Sachen gar nicht mehr. Ich liege voll im Soll und habe meinen Plan. Ich ärgere mich schnell über solche Leute, die sich nicht richtig informieren. Woher nehmen die Leute das Recht, Ansprüche an mich zu stellen? Die stehen doch nicht mit mir auf der Bahn. Ich lese deshalb kaum Zeitungsartikel über mich. Wenn ich mich wieder aufrege, vergeude ich vollkommen unnötig Energie. In den sozialen Medien lese ich aber schon die Kommentare und Nachrichten. Ich bin aber konsequent dazu übergegangen, radikale oder beleidigende Personen sofort zu blockieren. Dann ist das Thema für mich abgehakt. Wenn Nachrichten vernünftig geschrieben sind, reagierte ich oft sogar darauf.

Dabei ist die Kritik doch in den sozialen Medien noch viel größer.

Aber über diese Kanäle kann ich mit den Leuten in Kontakt treten. Die sozialen Medien zu bedienen – das macht mir Spaß. Oft ergeben sich interessante Gespräche oder sogar Bekanntschaften. Ich will nahbar sein, verdiene mit Social Media aber kein Geld. Wenn ich keine Lust habe, dann mache ich auch nichts. Ich bin da niemandem verpflichtet. Ich sehe das eher als nette kleine Geschichte nebenbei. Für mich als Athletin bietet sich die Möglichkeit der Selbstvermarktung und für die Fans ist es spannend, einen Einblick in meinen Alltag zu bekommen. So werden wir Athleten auch attraktiv für Sponsoren. Und so ehrlich müssen wir alle sein: Die wachsen in der Leichtathletik nicht wie die Blätter an den Bäumen.

Gina Lückenkemper über die deutschen Leichtathleten: "Jeder greift dem anderen gern unter die Arme"

Müssten Athleten die sozialen Medien noch intensiver nutzen?

Ja, andere Athleten könnten noch viel mehr in die Öffentlichkeit treten. Gerade bei Instagram und Co. besteht noch viel Potenzial. Aber wenn man es nie richtig gelernt hat, ist das schwierig. Wie mache ich es richtig? Das war für mich learning by doing. Viele andere Athleten haben da eine Hemmschwelle. Wie äußere ich mich zu bestimmten Themen? Was sage ich besser nicht? Was gebe ich von mir preis? Das muss jeder mit sich ausmachen – und ein Training würde da sicherlich helfen.

Gibt es da Angebote vom Verband?

Wir sind mit dem Verband in Gesprächen, weil Athleten ein Training brauchen. So hätten beispielsweise Interviewpannen in der Vergangenheit vermieden werden können. Man kann ja auch das vorhandene Potenzial nutzen und auch Athleten einbinden, die schon viel mit Medien und sozialen Medien arbeiten. Viele von uns sind ja ohnehin immer im Austausch miteinander – ob in Trainingslagern oder bei anderen Veranstaltungen. Jeder greift dem anderen gern unter die Arme – man muss sich nur trauen zu fragen.

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Oft fehlt aber sicherlich auch einfach die Zeit – und das Geld. Oder?

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Es können sicherlich nicht viele Athleten in Deutschland von der Leichtathletik gut leben. Ich habe das Glück, dass ich allein von dem Sport leben kann. Viele andere sind angewiesen auf die Sportförderung von Landespolizei, Bundeswehr und Bundespolizei. Aber auch da können wir in Deutschland froh sein, dass es das gibt. Zudem hat die Sporthilfe mit ihrer Finanzierung einen großen Schritt gemacht. Ich plädiere aber für eine Sportlerrente! Die meisten Sportler haben nach ihrer Karriere nichts, wir können keine großen Rücklagen bilden wie beispielsweise Fußballer.

Erhoffen Sie sich mehr Unterstützung von der Politik?

Auch. Wenn wir bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen antreten, fordert das gesamte Land – und vor allem die Politik – Medaillen von uns. Die Politiker, die fordern, sind aber auch die, die nicht mehr in den Sport investieren wollen. Es ist sicherlich ein schwieriges Thema für alle Beteiligten.

Lückenkemper: "Ich bin ohnehin kaum mal zwei Wochen an einem Ort"

Und was können die Athleten selbst tun?

Da sind wir wieder beim Thema Öffentlichkeit. Wird über uns gesprochen, sind wir sichtbar, dann hilft das. Wir Sportler müssen uns selbst für Sponsoren attraktiv machen. Wir müssen auch Termine wahrnehmen, wenn sie nicht gerade um die Ecke sind. Manchmal sind sich Athleten dafür zu schade und wollen den Aufwand nicht auf sich nehmen, wenn es mal darum geht, einen Tag unterwegs zu sein. Auch wollen Trainer dann ihre Einheiten nicht ausfallen lassen.

Sie sind viel unterwegs für Termine, Trainings oder Zeit mit Familie und Freund. Wie klappt das?

Es ist schwierig. Ich sage immer: „Ich wohne in Deutschland“, weil ich ohnehin kaum mal zwei Wochen am Stück an einem Ort bin. Ich pendle oft zwischen meinem Wohnort Soest und Bamberg, dem Wohnort meines Freundes. Es ist aber ein Umzug nach Bamberg geplant – ich brauche schließlich nur eine Kunststoffbahn fürs Training. Die gibt es fast überall. Mein Trainer lebt aber in Recklinghausen. Das ist aber ein Thema, das erst nach der Saison aktuell wird. Aktuell geht das alles, weil ich ohnehin gern Auto fahre. Ich genieße es aber auch, wenn ich mal ein paar Tage am Stück am selben Ort bin.

Das sind die Stars und Favoriten der Leichtathletik-WM 2019 in Doha:

Im katarischen Nationalstadion Khalifa International messen sich bei der Leichtathletik-WM die besten Athleten der Welt. Das sind die Favoriten:  Zur Galerie
Im katarischen Nationalstadion Khalifa International messen sich bei der Leichtathletik-WM die besten Athleten der Welt. Das sind die Favoriten:  ©

Sie starten aber für den SCC Berlin. Warum nicht für einen Klub in Ihrer Nähe?

Ganz einfach: Es gibt nicht so viele Vereine in Deutschland, bei denen ich von der Leichtathletik leben könnte. Als Bayer Leverkusen mir im vergangenen Jahr mitgeteilt hatte, den Ausrüster zu wechseln, habe ich für mich beschlossen, einen anderen Verein zu suchen. In der Leichtathletik ist es nämlich so: Der Ausrüster des Vereins kleidet die Athleten komplett ein. Das ist anders als im Fußball, wo jeder Spieler dann auch mit den Schuhen seines jeweiligen Sponsors auflaufen kann. Ein Ausrüster-Wechsel kam für mich aber nicht infrage, weil ich auch empfindliche Füße habe. Klingt blöd, ist aber so. Beim SCC passte dann alles: Ausrüster, Philosophie, Arbeit und Co. Die Gruppendynamik dort ist wichtig und ich stehe hinter den Ideen des Vereins.

Zurück zum Sportlichen: In Deutschland sind Sie absolute Spitze – in der Welt noch nicht. Was fehlt noch?

Ich muss noch konstanter in meinen Zeiten werden. Ich bin stolz, dass ich so viele Rennen im niedrigen 11er-Bereich gelaufen bin. Aber es geht immer mehr und besser. Ich bin an der Weltspitze dran, aber noch nicht etabliert. In Doha denke ich deswegen auch nicht an eine Medaille. Andere Frauen sind in dieser Saison schon Zeiten von 10,70 Sekunden gelaufen. Meine Bestzeit liegt bei 10,95. Bis nach ganz vorn sind das noch Welten für mich. Aber ich glaube ohnehin, dass ich in diese Sphären nicht vorstoßen kann.

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Warum?

Irgendwann geht es nicht mehr, ganz einfach. Ich habe körperliche Grenzen, die nicht zu verschieben sind. Ich bin auch nur ein Mensch. Ich werde nie irgendwelche Mittel einwerfen, um schneller zu werden. Das kommt für mich überhaupt nicht infrage. Deshalb muss ich realistisch sein: Nach ganz vorn wird es für mich wohl nie reichen in der Welt. Aber ich hoffe, dass irgendwann mal eine 80 hinter den 10 Sekunden steht. Damit könnte ich auch vielleicht bei der WM um eine Medaille konkurrieren.

Zumal die Bahn in Doha als eine der schnellsten der Welt gilt.

Darauf gebe ich nichts. Bahnen können nicht schnell sein – oder haben Sie schon mal eine laufen sehen? Im Ernst: Es hängt doch immer von uns Athleten ab, ob wir schnell sind oder nicht.

Lückenkemper zum Klima in Doha: "Als Sprinterin mag ich es eh warm. Ich bin da Kategorie Warmduscher"

Sehen Sie eigentliche Probleme mit den klimatischen Bedingungen in Doha?

Ich war noch nie dort, deshalb kann ich es nicht einschätzen. Aber zur Erinnerung: Im vergangenen Jahr bei der EM in Berlin waren am Tag des 100-Meter-Finals auch 37 Grad. Für uns als Sprinter spielt das ohnehin keine große Rolle – eher für Langstreckler und Athleten, die sich bei technischen Disziplinen und im Mehrkampf länger im Innenraum aufhalten. Als Sprinterin mag ich es eh warm. Ich bin da Kategorie Warmduscher. (lacht) In der Wärme arbeiten die Muskeln besser.