25. März 2018 / 17:21 Uhr

Giovane Elber vor dem DFB-Spiel gegen Brasilien: "Ich bin für Deutschland"

Giovane Elber vor dem DFB-Spiel gegen Brasilien: "Ich bin für Deutschland"

Robert Hiersemann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Der Brasilianer Giovane Elber spielte knapp 10 Jahre in der Bundesliga.
Der Brasilianer Giovane Elber spielte knapp 10 Jahre in der Bundesliga. © Imago-Montage
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Der ehemalige Bayernstar Giovane Elber spricht im SPORTBUZZER-Interview über das Testpiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien, die Probleme in seinem Heimatland nach der WM und Olympia, den gestiegenen Druck im Fußball  - und er verrät, wie er einst seinen Trainer Ottmar Hitzfeld austrickste.

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Giovane Elber ist einer der berühmtesten ausländischen Fußballer der Bundesligageschichte. Der heute 45-Jährige ging für den VfB Stuttgart und den FC Bayern München auf Torejagd und erzielte insgesamt 133 Treffer in der deutschen Eliteklasse. Heute lebt Elber wieder in seine brasilianischen Heimatstadt Londrina. Vor dem Testspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien (Dienstag, 20.45 Uhr) spricht er im SPORTBUZZER-Interview über seine beiden liebsten Länder, den FC Bayern München und den gestiegenen Druck im Profifußball.

Ihr Name Giovane Elber bedeutet übersetzt „der junge Elber“. Inzwischen sind Sie 45 Jahre alt. Wird es als Fußballrentner nicht Zeit für einen neuen Künstlernamen?

Hey! Ich bin immer noch jung! Giovane bleibt (lacht). Den Namen hat mir meine Tante als Kind gegeben. In meiner brasilianischen Heimatstadt Londrina, wo ich heute wieder lebe, kennen mich die Menschen nur als Giovane. Alles andere würde für Verwirrung sorgen.

Heute trifft Brasilien auf Deutschland, das erste Mal seit der bitten 1:7-Klatsche im WM-Halbfinale 2014. Haben Ihre Landsleute die Schmach verdaut?

Das 1:7 nagt an den Brasilianern, aber einige glauben auch, dass diese Niederlage wichtig für uns war.

Wie meinen Sie das?

Es war eine Lehrstunde und hat uns gezeigt, wie man erfolgreich sein kann. Konzentriert und professionell zu arbeiten ist eben mindestens genauso wichtig, wie die spielerische Klasse. Deutschland muss Vorbild für Brasilien sein. Wir müssen deutsch spielen.

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Sie waren lange in der Bundesliga aktiv. Für wen schlägt Ihr Herz bei diesem Duell?

Ich muss gestehen, dass ich schon beim WM-Halbfinale 2014 für Deutschland war. Ich war live im Stadion, meine Frau hatte das Brasilien-Trikot an, meine Kinder das deutsche Trikot, ich hatte eine Deutschland-Fahne ins Gesicht gemalt. Nach dem 3:0 für Deutschland hat sich meine Frau vom Spielfeld weggedreht und mir gesagt, dass sie sich das nicht länger anschauen mag.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe zu Cintia gesagt, dass es doch ein wunderschönes Spiel ist, aber wenn ihr das nichts mehr ist, kann sie mir gerne ein Bier holen – dann kann ich weiter das Spiel genießen (lacht). Ich habe fast mein ganzes Fußballerleben in Deutschland verbracht, ich bin kein richtiger Brasilianer. Die deutschen Spieler wie Thomas Müller sind mir näher, weil ich einige von ihnen persönlich kenne.

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Wie gut ist das brasilianische Team?

Die brasilianische Mannschaft ist besser als 2014. Das Team hat gelernt, als Mannschaft zu arbeiten. Und nur so haben wir eine Chance, ins Finale der WM in Russland einzuziehen. Doch Deutschland ist uns etwas voraus.

Haben die Großveranstaltungen wie die WM 2014 oder Olympia 2016 den Menschen in Ihrem Geburtsland geholfen?

Die WM hat das Leben der Menschen nicht besser gemacht. Durch die WM und Olympia ist viel Geld nach Brasilien geflossen, doch ein Großteil davon in falsche Kanäle. Im brasilianischen Fernsehen wird aktuell fast nur noch über korrupte Politiker gesprochen. So viele von ihnen sollen sich Geld eingesteckt haben, nur bei den Armen ist nichts angekommen. Sie kämpfen ums Überleben, viele werden in ihrer Notlage kriminell. Es ist ein Desaster.

Wie steht es um die Infrastruktur?

Einzig die brasilianischen Flughäfen sind heute besser als früher. Aber schauen Sie sich mal das berühmte Maracana-Stadion an. Es wurde für die WM komplett renoviert – aber scheinbar mit schlechtem Material. Heute ist das Stadion eine Ruine. Wenn man jetzt ins Maracana geht, muss man Angst haben, dass es einstürzt.

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Thomas Hayo checkt für den SPORTBUZZER die Trikots der deutschen Nationalmannschaft. ©

Der ehemalige Nationalspieler Per Mertesacker hat gerade erst erklärt, wie groß der Druck, der auf Profifußballern lastet, wirklich ist. Wie sehen Sie das?

Per hat sich da ein Eigentor geschossen, glaube ich. Per ist ein richtig guter Kerl, aber wirklich Druck hat ein Mensch, der jeden Tag gegen sieben Uhr aufstehen muss, für 500 Euro im Monat arbeitet und trotzdem nicht weiß, ob er am Monatsende die Stromrechnung zahlen kann. Natürlich haben auch Fußballer Druck, aber mein Gott: Per ist Millionär. Keiner zwingt ihn dazu, Fußball zu spielen.

*Wie war es bei Ihnen damals als aktiver Fußballer mit dem Druck?
*

Für mich war der Fußball immer ein großer Spaß, gar kein richtiger Job. Aber die Menschen sind unterschiedlich. Da muss man schon differenzieren. Es gibt Leute, die können gut mit Druck umgehen, und es gibt diejenigen, die das weniger gut können.

Sie haben Ihr letztes Bundesligaspiel im Jahr 2005 gemacht. Ist der Druck auf Profis heutzutage größer als damals?

Die Medienlandschaft war bei uns nicht so ausgeprägt wie heute, aber wir haben auch weniger verdient als die Profis aktuell. Doch für diese hohen Gehälter zahlst du halt auch einen Preis – und das ist der Verlust eines Großteils deines Privatlebens. Aber die Spieler sind auch ein stückweit selbst schuld. Jeden Tag posten sie Fotos und Texte auf Instagram oder Facebook. Das erzeugt automatisch Aufmerksamkeit.

Zu Ihrer Zeit sind Fehltritt meist intern geblieben, oder?

Nur ein Beispiel: Es war Oktoberfest-Zeit in München und Claudio Pizarro hatte Geburtstag, zwei Tage vor unserem Spiel gegen den VfL Bochum. Claudio, das ist dein Geburtstag, lass uns mit unseren Familien auf das Oktoberfest gehen, habe ich ihm gesagt. Einen Tag später hat mich unser Trainer Ottmar Hitzfeld ins Büro zitiert. Er wusste, dass wir unterwegs waren. Er brummte mir 50 000 Euro auf, Claudio und Roque Santa Cruz sollten 10 000 Euro Strafe auf.

Haben Sie die Strafe gezahlt?

Ich habe dem Trainer einen Deal vorgeschlagen. Trainer, wenn wir am Wochenende schlecht spielen, dann zahlen wir das Geld, und wenn wir gut spielen, dann zahlen wir gar nichts. Wir haben 4:1 gewonnen, Claudio hat zwei Tore geschossen und ich auch. Damals hatte nicht jeder ein Fotohandy dabei und so wurde unser Oktoberfest-Auftritt nie öffentlich. Das wäre heute überall in den Medien.

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Der FC Bayern München hat sich seit Ihrer aktiven Zeit noch viel mehr zur Bundesliga-Übermacht entwickelt. Sehen Sie das mit Sorge?

Ich erinnere mich da sofort an die Meisterschaft 2001, die wir in allerletzter Sekunde in Hamburg gewonnen haben. Natürlich tut solche eine Spannung dem Fußball in Deutschland gut, und es ist offensichtlich, dass sie verloren gegangen ist. Heute wird der FC Bayern an Ostern Meister. Aber dafür kann der Verein nichts.

Warum nicht?

Wenn Weltklassespieler wie Robert Lewandowski auf dem Markt sind, muss der FC Bayern solch einen Ausnahmeprofi doch kaufen, sonst spielt er halt nicht mehr in Deutschland sondern schießt seine Tore in Spanien oder England. Wollen die Bundesligafans das? Ich kann es mir nicht vorstellen.

Wie kann man die Langweilige in der Liga bekämpfen?

Der FC Bayern wird auch in Zukunft nicht mit Absicht schlechter werden. Das heißt, die anderen Mannschaften müssen probieren, näher an die Bayern heranzukommen. Das ist schwer, aber es ist die einzige Lösung.

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