01. Februar 2020 / 06:00 Uhr

Gladbach-Ikonen Vogts und Stindl im Doppel-Interview: "Wir wollen unsere eigene Geschichte schreiben"

Gladbach-Ikonen Vogts und Stindl im Doppel-Interview: "Wir wollen unsere eigene Geschichte schreiben"

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Berti Vogts und Lars Stindl - zwei Generationen, zwei Gladbach-Kapitäne. Der <b>SPORT</b>BUZZER brachte das Duo erstmals zusammen.
Berti Vogts und Lars Stindl - zwei Generationen, zwei Gladbach-Kapitäne. Der SPORTBUZZER brachte das Duo erstmals zusammen. © imago images/Heiko Ostendorp
Anzeige

Zwei Kapitäne, zwei Generationen: Berti Vogts holte mit Borussia Mönchengladbach fünfmal die Schale, Lars Stindl will sie 43 Jahre später erstmals hochhalten. Der SPORTBUZZER brachte das Duo für ein gemeinsames Interview zusammen.

Anzeige

Berti Vogts war Kapitän der letzten Meistermannschaft von Borussia Mönchengladbach 1977, Lars Stindl trägt aktuell die Binde beim Tabellendritten. Vor dem Topspiel der Bundesliga bei RB Leipzig (Samstag, 18.30 Uhr, Sky) trafen sich die beiden erstmals exklusiv zum Generationengipfel.

Anzeige

SPORTBUZZER: Herr Stindl, an was denken Sie zuerst, wenn Sie Berti Vogts sehen?

Lars Stindl (31): An ganz, ganz große Erfolge, an die Bilder, die im Borussia-Park mit ihm hängen. Das prägendste ist für mich jenes mit dem Uefa-Cup in den Händen. Dazu habe ich gerade erst eine Statistik gelesen: 140 Spiele in Folge ohne eine Minute verpasst zu haben – wow!

Berti Vogts (73): Sei froh, dass Du überhaupt mit mir reden darfst (lacht).

Stindl: Das ist wirklich eine große Ehre. Es interessiert mich sehr, wie es damals war.

Mehr vom SPORTBUZZER

Hätten Sie damals für möglich gehalten, dass die Meisterschaft 1977 für so viele Jahrzehnte die letzte sein könnte, Herr Vogts?

Vogts: Als ich 1979 den Uefa-Cup hochhielt, habe ich gesagt: Schaut Euch diesen Pott gut an, so schnell wird es hier keine Pokale mehr geben. Lattek ging nach Barcelona, Simonsen zu Real Madrid, die Mannschaft fiel auseinander. Und es war schon damals so: damit wir etwas erreichen konnten, musste alles passen.

Kann es nach 43 Jahren nun wieder klappen?

Vogts: Ich glaube so nah wie Borussia jetzt dran ist, kommt man so schnell nicht mehr. Und dabei hat man in der Hinrunde noch einige Punkte liegen lassen. Der neue Trainer gefällt mir, die Mannschaft wurde gut verstärkt – möglich ist es, oder Lars?!

Stindl: Wir haben uns eine sehr, sehr gute Ausgangslage erarbeitet. Nach dem etwas schwierigen Start haben wir die Leute begeistert mit unserem Fußball und die Punkte geholt. Natürlich haben wir große Ziele, aber wir können uns auch realistisch einschätzen.

50 ehemalige Spieler von Borussia Mönchengladbach – wo sind sie gelandet?

Juan Arango, Marko Marin und Mo Idrissou - nur drei ehemalige Gladbach-Stars, die nicht nur Fohlen-Fans ein Begriff sind. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt 50 Ex-Borussen und was aus ihnen wurde. Zur Galerie
Juan Arango, Marko Marin und Mo Idrissou - nur drei ehemalige Gladbach-Stars, die nicht nur "Fohlen"-Fans ein Begriff sind. Der SPORTBUZZER zeigt 50 Ex-Borussen und was aus ihnen wurde. ©

Was ist denn realistisch?

Stindl: Wenn die großen Mannschaften – also vor allem Bayern und der BVB – ihr Potenzial abrufen, wird es für alle anderen schwierig, etwas Besonderes zu erreichen – auch für uns. Dennoch wir sind gierig und wollen da sein, wenn sie schwächeln. Wir wollen unsere eigene Geschichte schreiben.

*Ist die große Historie des Vereins eine Art Verpflichtung? *

Vogts: Es ist schon eine Belastung für die heutige Generation, wenn sie immer wieder mit früher verglichen wird. Aus meiner Sicht wäre die Qualifikation für die Champions League aktuell gleichzusetzen mit der Meisterschaft. Das wäre für den Klub und die Fans unglaublich wichtig – natürlich auch wirtschaftlich.

Anzeige

Stindl: Es war natürlich eine einmalige Ära, gerade in den Siebzigerjahren. Dass alle Erfolge, die danach kommen, damit verglichen werden, halte ich für normal. Ich glaube sogar, dass wir von dieser Zeit noch heute profitieren. Wenn man sieht, welche Unterstützung, welche Fanbase wir bundesweit und sogar international haben – dies ruht alles auf den Erfolgen von damals.

Lars Stindl: "Die Meisterschaft mit Borussia wäre etwas ganz, ganz Besonderes"

Berti Vogts war fünfmal Deutscher Meister, zweimal Uefa-Cup-Sieger, DFB-Pokalsieger, Welt- und Europameister – welchen Titel würden Sie nehmen, wenn Sie die Wahl hätten, Herr Stindl?

Stindl: Der größte ist natürlich der WM-Titel. Aber der ist in weiter Ferne, deshalb wäre die Meisterschaft mit Borussia wirklich etwas ganz, ganz Besonderes.

Ist das Nationalmannschafts-Thema für Sie eigentlich durch?

Stindl: Zunächst muss ich sagen, dass ich sehr dankbar bin, dass ich diese Erfahrungen beim DFB machen durfte, mit dem Gewinn des Confed-Cups – und ich hätte unfassbar gern die WM gespielt. Dieser Traum ist aufgrund meiner Verletzung leider geplatzt und ich kann das jetzt ganz gut einschätzen. Der Umbruch ist eingeleitet, die Jungs machen das gut – es müsste schon einiges passieren. Natürlich würde ich rangehen und mich freuen, wenn Jogi Löw anruft – glauben tue ich daran aktuell aber nicht.

Das sind die Kandidaten für das deutsche Olympia-Team und DFB-Trainer Stefan Kuntz

Wer ist bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio im National Stadion mit dabei? Der <b>SPORTBUZZER</b> schätzt unter anderem die Teilnahme-Chancen von Lars Stindl (von links), Thomas Müller und Sandro Wagner ein. Zur Galerie
Wer ist bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio im National Stadion mit dabei? Der SPORTBUZZER schätzt unter anderem die Teilnahme-Chancen von Lars Stindl (von links), Thomas Müller und Sandro Wagner ein. ©

Berti Vogts: "Wenn man was Langhaariges im Arm hatte, stand das nicht am nächsten Tag in der Zeitung"

Was nervt Sie an den Entwicklungen im Fußball aus Sicht eines Ex-Spielers am meisten, Herr Vogts?

Vogts: Auch früher waren manche Profis Popstars, wie Günter Netzer. Aber es gab diese Handys nicht und die Mentalität der Menschen oder der Journalisten, einen auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Wenn man da mal was Langhaariges im Arm hatte, stand das nicht am nächsten Tag in der Zeitung (lacht).

Stindl: Ich finde es lächerlich, dass man sich immer beklagt, warum es keine Typen mehr gibt. Aber wenn jemand mal seine Meinung sagt, wird er in eine Ecke gedrängt, aus der er nicht mehr rauskommt – deswegen will doch keiner mehr so sein. Wer will sich schon mit der ganzen Welt anlegen? Aber wissen Sie, was ich schön finde?

Wir sind gespannt.

Stindl: Dass Fußball trotz allem immer noch unfassbar Spaß macht! Dieses Spiel, diese 90 Minuten auf dem Platz, das kann uns keiner nehmen. Ich bin da vielleicht noch ein wenig Fußballromantiker, aber ich bin der Überzeugung, dass alle, die auf dem Platz stehen, es deshalb tun, weil sie dieses Spiel lieben. Egal was Drumherum passiert, welche Verbände oder Funktionäre auf welche Ideen auch immer kommen.

Lars Stindl: "Froh und glücklich, dass ich meine Karriere so erleben durfte und darf"

Hätten Sie lieber vor 40 Jahren gespielt, Herr Stindl?

Stindl: So ticke ich nicht. Ich bin froh und glücklich, dass ich meine Karriere so erleben durfte und darf. Natürlich wäre ich auch gern 5x Meister – das wird vermutlich aber eng. 

Vogts: Dafür bekommt ihr heute etwas mehr für einen Titel, als wir damals für fünf. Wir haben 1977 15 .000 D-Mark bekommen, Siegprämie waren 250 Mark.

Stindl: Okay, die Zeiten haben sich in der Tat etwas gewandelt (lacht).

Vogts: Das ist auch völlig okay. Dafür könntest Du heute nie eine Diskothek aufmachen wie damals Netzer.

Stindl: Das wäre schwierig – hatte ich aber auch nicht vor.

Bester Laune: Gladbach-Legende Berti Vogts (73) und der aktuelle Kapitän Lars Stindl (31) beim Termin mit dem <b>SPORT</b>BUZZER.
Bester Laune: Gladbach-Legende Berti Vogts (73) und der aktuelle Kapitän Lars Stindl (31) beim Termin mit dem SPORTBUZZER. © Heiko Ostendorp

Berti Vogts wurde nach seiner Profikarriere Nationaltrainer in vielen Ländern und hatte eine Gastrolle im Tatort. Auch was für Sie, Herr Stindl?

Stindl (lacht): Schauspieler werde ich eher nicht. Trainer ist sicher eine Option. Ich möchte noch ein paar Jahre spielen, aber danach sicher dem Fußball erhalten bleiben. Ich denke, dass ich mir ein Wissen aneignen konnte, was ich gern mal weitergeben möchte – Stand jetzt. Vielleicht im Nachwuchsbereich, wer weiß? 

Vogts: Wenn ich in dem Klub was zu sagen hätte, würde ich mich auf jeden Fall für Lars stark machen. Er ist ein Typ, der sich voll mit Borussia identifiziert und dem Verein gut tun würde – egal, in welcher Funktion.