25. November 2020 / 08:10 Uhr

Gladbach-Profi Lazaro über die Bundesliga-Qualität, das "Scorpion-Traumtor" und Rassismus

Gladbach-Profi Lazaro über die Bundesliga-Qualität, das "Scorpion-Traumtor" und Rassismus

Andreas Kötter
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Valentino Lazaro machte sich im Sommer nach den Ereignissen in den USA für die ‚Black lives matter‘-Bewegung stark.
Valentino Lazaro machte sich im Sommer nach den Ereignissen in den USA für die ‚Black lives matter‘-Bewegung stark. © imago images/Montage
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Valentino Lazaro wechselte im Sommer zu Borussia Mönchengladbach, nähert sich nach anfänglichem Verletzungspech der ersten Elf. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der Offensivspieler unter anderem über die Qualität der Bundesliga, Champions-League-Chancen und seinen Kampf gegen Rassismus.

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SPORTBUZZER: Herr Lazaro, Real hat gegen Donezk verloren, aber gegen Inter gewonnen, und Borussia hat Schachtjor mit 6:0 besiegt. Da könnte man auf verrückten Ideen kommen…

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Valentino Lazaro (24): Könnte man, und als Kind hat man auch gerne schon mal so gerechnet. (lacht) Heute wissen wir aber natürlich, dass jedes Spiel seine eigene Geschichte hat. Donezk zum Beispiel ist in Madrid ganz anders aufgetreten als gegen uns. In Madrid hat man die Königlichen exzellent ausgekontert und zur Halbzeit gar mit 3:0 geführt. Wir wiederum hatten in Kiew einen Sahnetag, waren eiskalt und fokussiert. Da kann der Gegner auch mal unter die Räder kommen, das kann jeder Mannschaft mal passieren. Daraus aber abzuleiten, dass wir nun bei Real mit fünf Toren gewinnen, das funktioniert so leider nicht (lacht).

Apropos Sahnetag: Ihr Treffer gegen Leverkusen gilt schon jetzt als Anwärter auf das Tor des Jahres und stellt Zlatan Ibrahimovics Monopol auf den Scorpion Kick in Frage …

Direkt nach dem Spiel bei Bayer 04 Leverkusen konnte ich überhaupt keine Freude über das Tor verspüren. Der Frust über unsere unnötige 3:4-Niederlage war einfach zu groß nach den sehr guten Ergebnissen zuvor gegen Leipzig und Donezk. Jetzt, mit etwas Abstand, freue ich mich aber doch über den Treffer. So ein Tor schießt man wohl höchstens einmal in seiner Karriere.

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Sie haben neben der Bundesliga auch schon die Premier League und die Serie A kennengelernt. Ist die Bundesliga auf Augenhöhe?

Bayern München hat gerade die Champions League gewonnen …

… in der Europa League aber liegt der bisher letzte Erfolg 23 Jahre zurück.

Okay. Aber in der Champions League stand neben den Münchnern auch noch RB Leipzig im Halbfinale, während kein englisches, kein spanisches und kein italienisches Team mehr vertreten war. Unterschiede zwischen den Ligen sehe ich höchstens in taktischen Dingen. So spielen in Italien viele Klubs mit Dreierkette. Das hat aber nichts mit der Qualität zu tun, sondern ist lediglich eine Frage der jeweiligen Fußball-Philosophie. Qualitativ ist die Bundesliga im Konzert der ganz Großen dabei, zu denen ich mittlerweile übrigens auch die französische Ligue 1 zähle. Und ich bin sicher, dass es in Zukunft nicht nur die üblichen zwei, drei Vereine, also Bayern München, Borussia Dortmund und RB Leipzig sein werden, die auf europäischer Ebene etwas reißen können.

"Wir müssen uns gewiss nicht verstecken"

Zum Beispiel auch Borussia?

Warum nicht?! Wir haben vor der Saison betont, dass wir unsere Möglichkeiten realistisch einschätzen können, aber dass wir auch berechtigte Ambitionen haben. Die vergangene Saison und jetzt die Spiele gegen Inter, Real oder Donezk haben bewiesen, dass wir über die Qualität verfügen, in jedem Wettbewerb oben angreifen zu können. An einem guten Tag ist alles möglich, und wir müssen uns gewiss nicht verstecken.

Ihre persönliche Stärke ist die enorme Vielseitigkeit, sodass Ihr Trainer Marco Rose Sie im Training spaßeshalber schon mal in die Torwartgruppe stecken wollte …

In der Akademie von RB Salzburg habe ich eine sehr umfassende fußballerische Ausbildung genossen und habe in der Tat schon sehr viele Positionen bekleidet. In der Jugend habe ich im offensiven Mittelfeld begonnen, bin dann unter Roger Schmidt in Salzburg auf die Flügel ausgewichen, habe später unter Adi Hütter rechts hinten ausgeholfen. In Berlin habe ich zunächst wieder offensiv gespielt, wurde dann aber im zweiten Jahr unter Pal Dardai erneut rechts hinten oder auf der Sechserposition eingesetzt. Ein Problem hatte ich damit aber nie. Egal, wo mich der Trainer sieht, ich versuche immer alles rauszuhauen – auch wenn ich selbst meine größte Stärke doch in der Offensive sehe.

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Juan Arango, Marko Marin und Mo Idrissou - nur drei ehemalige Gladbach-Stars, die nicht nur "Fohlen"-Fans ein Begriff sind. Der SPORTBUZZER zeigt 50 Ex-Borussen und was aus ihnen wurde. ©

Welche Rolle hat Rose, mit dem Sie schon in Salzburg gearbeitet haben, bei Ihrer Entscheidung für Borussia gespielt?

Marco Rose hat mich angerufen und mir gesagt, dass er von meinen Qualitäten überzeugt sei und möchte, dass ich nach Gladbach komme. Aber der Trainer war für mich nicht der einzige Grund für den Wechsel. Nicht erst in dieser Transferperiode habe ich gespürt, dass man sich bei Borussia wirklich für mich interessiert. Das hat mir sehr imponiert. Zudem habe ich von allen Seiten nur Gutes über den Verein gehört, sodass für mich sehr schnell klar, dass außer Borussia für mich nichts in Frage kommt.

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"Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus ist richtig"

Ganz anderes Thema: Sie haben sich im Sommer nach den Ereignissen in den USA für die ‚Black Lives Matter‘-Bewegung stark gemacht. Haben Sie Hoffnung, dass sich grundsätzlich etwas ändern wird in Sachen alltäglicher Rassismus?

Ich glaube, dass es sehr schwierig ist, Leute zu ändern, die vielleicht schon ein ganzes Leben lang einer solchen Haltung nachhängen und Menschen wegen einer wie auch immer gearteten Andersartigkeit diskriminieren. Trotzdem darf man die Hoffnung nie aufgeben, so klischeehaft das klingen mag. Man darf nicht aufhören sich dafür einzusetzen, was richtig ist. Und es besteht kein Zweifel daran, dass der Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus richtig ist.

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Haben Sie persönlich, als Profi, schon Rassismus erfahren müssen?

Nein. Aber ich habe miterlebt, wie mein damaliger Teamkollege bei Inter Mailand, Romelu Lukaku, bei einem Auswärtsspiel von gegnerischen Fans mit Affenlauten beleidigt wurde. Und Breel Embolo ist erst kürzlich auf Instagram aufs Übelste rassistisch beleidigt worden. Mag sein, dass Profifußballer starke Persönlichkeiten sind und dass manche so etwas wegstecken können. Die meisten Menschen aber können das nicht. Kein rassistischer Vorfall darf unbeantwortet bleiben, es ist wichtig, dass man gemeinsam aufsteht und immer wieder Zeichen setzt gegen Ausgrenzung und Rassismus, so wie es Borussia für Breel gemacht hat.

Was kann der Einzelne tun, über plakative Facebook-Posts hinaus?

Auch diese Posts sind wichtig. Wenn man mitbekommt, dass etwas völlig schiefläuft, dann sollte man seine Stimme erheben und sagen „Hey, was hier geschieht, das ist falsch!“ Ich freue mich über jeden Einzelnen, der sich einsetzt und diese Haltung an seine Kinder weitergibt. Wer weiß, vielleicht leben wir dann in einigen Jahren zumindest diesbezüglich in einer besseren Welt.