22. Oktober 2021 / 14:37 Uhr

Glodi Zingu ist die sichere Bank des FSV Optik - und der Sparkasse

Glodi Zingu ist die sichere Bank des FSV Optik - und der Sparkasse

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Prüfender Blick: Glodi Zingu (2.v.l.) rechnet nicht nur mit seinen Gegenspielern – wie hier dem Cottbuser Erik Engelhardt – ab.
Prüfender Blick: Glodi Zingu (2.v.l.) rechnet nicht nur mit seinen Gegenspielern – wie hier dem Cottbuser Erik Engelhardt – ab. © Michael Taeger/imago
Anzeige

Abwehrchef Glodi Zingu kombiniert Regionalliga-Fußball mit der Ausbildung bei der Sparkasse. Früher spielte er bei Hertha BSC mit Robert Andrich in der Jugend, nun will der 27-Jährige im Heimspiel am Samstag gegen Carl Zeiss Jena für Optik Rathenow aufräumen. Trainer Ingo Kahlisch nennt Zingu "ein Kampfmonster".

Fußball kann manchmal ungerecht sein. Wenn beispielsweise der Schiedsrichter falsche Entscheidungen trifft; wenn der Außenseiter dem Favoriten alles abverlangt, aber verliert. Wenn dem überragenden Spieler ein Eigentor unterläuft. Und, und, und. Es gibt viele Gründe, warum dieser Sport nicht immer einen Sinn für Gerechtigkeit übrig hat – oder wie sie beim Fußball-Regionalligisten FSV Optik Rathenow gerade finden: Warum Fußball nicht nur manchmal, sondern verdammt oft ungerecht ist.

Anzeige

Wenn an diesem Samstag (13 Uhr) der ruhmreiche und europapokalerfahrene FC Carl Zeiss Jena im Stadion Vogelgesang aufschlägt, wird Optik-Trainer Ingo Kahlisch vermutlich wieder mit Argusaugen beobachten, in welche Richtung der Schiedsrichter mehr und in welche er weniger pfeift. Zuletzt beschlich Kahlisch das Gefühl, dass seine Elf „nicht die Lobby“ bei den Unparteiischen habe; dass die Kleinen – der FSV Optik also – gegenüber den Großen benachteiligt werden.

FSV Optik Rathenow: Zu- und Abgänge der Saison 2021/22.

<b>Alle Zu- und Abgänge von Optik Rathenow für die Saison 2021/22:</b> Zur Galerie
Alle Zu- und Abgänge von Optik Rathenow für die Saison 2021/22: ©

Beispiele aus den Spielen beim BFC Dynamo (1:1), im Landespokal gegen Energie Cottbus (3:4 n.V.) und zuletzt gegen den Chemnitzer FC (1:2) zählte Kahlisch allerhand auf. Fest steht allerdings auch, dass es bislang noch kein Unparteiischer gewagt hat, den Optikern selbst einen reinzuhauen, das machen die Rathenower mitunter selbst – etwa Glodi Zingu beim ansonsten starken Auftritt in Berlin-Hohenschönhausen am 1. Oktober. „Das war mein erstes Eigentor überhaupt und das Schlimmste, was mir passieren konnte“, klagte Zingu in dieser Woche noch mal darüber.

Am Rathenower Abwehrchef liegt es ansonsten eher weniger, dass die Optik-Defensive ab und an gewisse Schläfrigkeiten offenbart. Zingu gilt als kompromissloser Zweikampfer. Der 27-Jährige verteidigt meist aufmerksam, antizipiert die Bälle früh, egal ob am Boden oder in der Luft. Zum guten Stellungsspiel gesellt sich seine intelligente Spieleröffnung. Technisch bringt Zingu alles mit, was ein sogenannter moderner Abwehrspieler können muss. „Er lebt von seiner Qualität, von seiner Ausstrahlung“, lobt Trainer Kahlisch. „Glodi ist ein Kampfmonster, er redet viel und ist deshalb ein ganz wichtiger Führungsspieler.“

Groß geworden ist Zingu in Wedding, jenem Berliner Stadtteil, der fußballerisch eng mit Kevin-Prince Boateng verknüpft wird. Wer hier Kinder- und Jugendjahre verbringt, wächst auf Beton. So jedenfalls erzählt man sich das, und vielleicht hat auch Zingu ein bisschen Wedding-Mentalität – laut, selbstbewusst, meinungsstark – abbekommen.

Wie Boateng geht auch Zingu den Weg vom Wedding ins vornehmere Charlottenburg. Über die Stationen Berliner AK, BSC Rehberge und Hertha 03 Zehlendorf landet er in der U14 von Hertha BSC. Er spielt unter anderem mit dem Potsdamer Robert Andrich zusammen, der inzwischen bei Bayer Leverkusen durchs Mittelfeld grätscht. „In der Jugend war er noch etwas schmächtig, da hat der Körper gefehlt. Als er dann älter wurde hat er aber auch schon so dazwischengehauen wie heute“, erzählt Zingu, der ebenfalls vorankommt im Hertha-Dress. Er schafft es in die Junioren-Nationalmannschaft, wo ihn neben Ex-Profi Steffen Freund auch Marco Pezzaiuoli trainiert.


"Es gab schon vier Linksverteidiger im Kader, ich hatte keine Chance."

Pezzaiuoli, der unter anderem beim Karlsruher SC und der TSG Hoffenheim als Co-Trainer gearbeitet hat, funktioniert Zingu vom Stürmer zum Abwehrspieler um. „Erst war’s schwierig für mich, ich wollte ja Tore schießen, Stürmer sein wie mein Vorbild Didier Drogba von Chelsea.“ Drogbas Nummer elf, eigentlich für Angreifer reserviert, ist bei Optik auch Zingus Nummer – obwohl er in der defensiven Zentrale aufräumt.

Bei Hertha reüssiert Zingu zunächst als Linksverteidiger, sogar in die erste Mannschaft rückt er auf. „Anderthalb Jahre habe ich dort mittrainiert“, sagt Zingu, sein großes Pech: „Es gab schon vier Linksverteidiger im Kader, ich hatte keine Chance.“

Die Umwege beginnen im Sommer 2015 mit einem Wechsel zu Viktoria Berlin, immer mit dem Ziel Profifußball. Nur ist das Leben wie der Fußball: oft ungerecht. 2017 zieht sich Zingu einen Kreuzbandriss zu, den zweiten nach 2010, diesmal erwischt es das linke Knie. Zunächst setzt er auf eine konservative Behandlung. Nachdem das Knie wieder dick wird, muss er unters Messer. „Es war dann klar, dass es bei Viktoria nicht weitergehen würde“, erzählt Zingu.

Zwischen Juli 2017 und Januar 2018 bleibt er vereinslos, die damals in der Regionalliga Nordost spielende TSG Neustrelitz gewährt ihm schließlich einen Neuanfang. „Für mich war klar, dass ich Neustrelitz als Sprungbrett nutzen will“, sagt Zingu. Nach dem letzten Spieltag klingelt das Telefon. Der Traditionsverein Rot-Weiß Erfurt lockt und Zingu unterschreibt. Zunächst läuft es gut, doch in der Rückrunde ändert der Trainer das System: von einer klassischen Viererkette mit Linksverteidiger Zingu auf eine Innenverteidiger-Dreierkette ohne Zingu („Ich habe wenig bis gar nicht mehr gespielt“).

Mehr zu Optik Rathenow

In Rathenow kickt zur gleichen Zeit Zingus Kumpel Caner Özcin, der um die Situation in Erfurt weiß und Zingu den FSV Optik schmackhaft macht. Der Deal im Sommer 2019 sieht vor, dass Zingu seine Unterschrift nicht nur bei Optik setzt, sondern auch unter einen Ausbildungsvertrag. „Davor habe ich alles auf die Karte Fußball gesetzt“, sagt Zingu, seit August 2020 lässt er sich zum Bankkaufmann ausbilden. In der Rathenower Filiale führt er mit seinen Sparkassenkunden Anleihegespräche, empfiehlt Wertpapiere, Online-Banking und erklärt die Optik-Sorgen. „Wir schlagen uns gut, aber in den letzten zehn, 15 Minuten fehlt die Kraft, die Konzentration. Wir haben eben eine junge Mannschaft und keine Profibedingungen wie andere.“

Der Alltag ist ein extrem zeitraubender für Zingu, der mit seiner Freundin und der gemeinsamen einjährigen Tochter in Berlin-Rudow lebt. Von dort fährt er jeden Morgen um kurz nach sechs zum Berliner Südkreuz, nimmt die Regionalbahn um 6.49 Uhr nach Rathenow und schlägt kurz nach acht bei der Sparkasse auf. Viermal geht’s nach der Arbeit ins Training (17 – 18.30 Uhr), anschließend zurück nach Berlin. „Ich habe es mir so ausgesucht“, sagt Zingu. An diesem Samstag will er wieder eine sichere Bank sein – für Optik.