26. Juli 2021 / 12:00 Uhr

Göttinger Sport-Legenden: Bogenschütze Nils Knöchelmann fährt zweigleisig

Göttinger Sport-Legenden: Bogenschütze Nils Knöchelmann fährt zweigleisig

Kathrin Lienig
Göttinger Tageblatt
Nils Knöchelmann stand bei den deutschen Meisterschaft der Para-Bogenschützen schon dreimal ganz oben auf dem Treppchen.
Nils Knöchelmann stand bei den deutschen Meisterschaft der Para-Bogenschützen schon dreimal ganz oben auf dem Treppchen. © Eckhard Frerichs
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Er fährt zweigleisig: Der Bogenschütze Nils Knöchelmann startet bei den „normalen Sportlern“, wie er es nennt, ebenso wie Behindertensportlern, bei denen er schon drei nationale Titel holte. Deshalb ist der 19-Jährige für die Wahl der Göttinger Sportlegenden des Jahrzehnts nominiert.

Die Mutter schießt mit dem Luftgewehr, der Vater mit der Luftpistole. Was sollte da aus dem Sohn anderes werden als ebenfalls ein Schütze? Nils Knöchelmann hat sich für Pfeil und Bogen entschieden und inzwischen drei nationale Meistertitel bei den Parasportlern geholt. Damit gehört er bei der Wahl der Göttinger Sport-Legenden des Jahrzehnts zum Kreis der nominierten Sportler.

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Im Alter von sechs Jahren hat er seinen Vater zu einem Luftpistolen-Wettkampf begleitet und das parallel dazu laufende Armbrust-Schießen beobachtet. „Das hat mich fasziniert, da habe ich stundenlang zugeschaut“, erzählt der 19-Jährige. Erst viele Jahre später ist er auf das Bogenschießen aufmerksam geworden. Lisa Unruh, die Silbermedaillen-Gewinnerin mit Hut, hat ihn bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio begeistert. „Wir haben dann einen Verein in der Umgebung gesucht und ich habe ein Probetraining gemacht, war begeistert und bin dabei geblieben“, berichtet der Schüler, der im kommenden Jahr sein Fachabitur Technik machen möchte. Beim Rosenthaler BSC in Duderstadt hat er die Grundtechniken gelernt, absolvierte ein halbes Jahr später in der Salzgitter seinen ersten Hallenwettkampf und wurde auf Anhieb Zweiter in seiner Altersklasse.

Göttinger Sport-Legenden: Nils Knöchelmann

Umgebungsgeräusche sind ihm wichtig

Erst zwei Jahre später wurde der Niedersächsische Behindertensportverband auf den Krebecker aufmerksam. Bis dahin habe er „in der normalen Klasse“ geschossen. Durch eine Ohrmuschel-Fehlbildung ist Knöchelmann auf beiden Ohren schwerhörig, trägt Hörgeräte. „Ohne diese Geräte würde ich nur 20 Prozent hören. Allerdings schalte ich die im Wettkampf nicht aus, um mich besser konzentrieren zu können. Die Umgebungsgeräusche sind mir wichtig“, berichtet der Bogenschütze. Durch seine Behinderung ist er in die Schadensklasse A/B eingestuft, in der alle Geschädigten zusammengefasst sind, die keine motorischen Einschränkungen haben. „Ärgerlich für mich ist, dass es diese Klasse nur auf nationaler Ebene gibt. An internationalen Wettbewerben im Behindertensport kann ich deshalb nicht teilnehmen. Die deutsche Meisterschaft ist für mich Endstation“, berichtet der Eichsfelder.

Das Tageblatt die Göttinger Sportlegenden des Jahrzehnts gesucht
Das Tageblatt die Göttinger Sportlegenden des Jahrzehnts gesucht ©

Unter freiem Himmel gewann Knöchelmann einmal, verbesserte in Bocholt den deutschen Jugendrekord um 41 auf 634 Ringe. Zwei nationale Titel hat er 2019 und 2020 in der Jugend beziehungsweise bei den Junioren geholt. „Der letzte Titelgewinn war eine Woche vor dem Lockdown im März 2020“, erzählt der Schüler, der inzwischen für den Verein Goldener Pfeil Herzberg startet.

Hinzu kommen vier Landesmeistertitel, erst kürzlich sicherte er sich bei den Meisterschaften der Nicht-Behinderten in der Juniorenklasse den zweiten Platz. „Ich fahre zweigleisig“, sagt der Sportler dazu. Weil die deutschen Behinderten-Meisterschaften, die in Göttingen stattfinden sollten, abgesagt worden sind, setzt Knöchelmann jetzt auf die nationalen Meisterschaft des Deutschen Schützenbundes, die im September in Wiesbaden stattfinden sollen.

Diese Sportlerinnen, Sportler und Mannschaften stehen zur Wahl

Sportlerin

  • Neele Eckhardt Noack (Deutsche Meisterin im Dreisprung)
  • Hannah Buch (Deutsche Meisterin im Einzelzeitfahren der Junioren)
  • Jasmin Bothmann (Mehrfache Weltmeisterin im Minigolf)
  • Tonie Lenz (Sieg bei den Worldgames mit der Kanupolo-Nationalmannschaft)
  • Fiona Sieber (Siegerin German Masters/Schach)
  • Angelina Wucherpfennig (Deutsche Meisterin Schülerklasse Luftgewehr/Sportschießen)
  • Birte Kressdorf (Langstreckenschwimmerin, Durchquerung des Ärmelkanals)
  • Pauline Bremer (Fußball-Nationalspielerin, zweifache Champions-League-Siegerin)
  • Jennifer Crowder (Basketball-Nationalspielerin und Bundesliga-Spielerin und „Guard of the year“)
  • Barbara von Ende (mehrfache Deutsche Tennis-Meisterin der Senioren)

Sportler

  • Tobias Buck-Gramcko (Bahnrad-Juniorenweltmeister mit Weltrekord)
  • Rolf Geese (Weltrekord im Zehnkampf der Altersklasse M75)
  • Lars Bode (Weltmeister im Drachenboot-Rennen)
  • Ansgar Knauff (Profi bei Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund)
  • Aaron Donkor (Linebacker in der NFL bei den Seattle Seahawks)
  • Florian Reichert (Seriensieger beim Göttinger Altstadtlauf)
  • Robert Kulawick (Gewinn der Eurochallenge mit der BG Göttingen und Publikumsliebling)
  • Fynn Kunze (Deutscher Jahrgangsmeister über 200 Meter Rücken)
  • Nils Knöchelmann (Deutscher Meister Para-Bogenschießen)
  • Lukas Richter (Sieg bei den Worldgames mit der Kanupolo-Nationalmannschaft)

Mannschaften

  • Tanzsportteam Göttingen (Deutscher Meister und WM-Dritter Standard-Formation)
  • BG Göttingen (Gewinn der Basketball-Eurochallenge)
  • C-Junioren I. SC Göttingen 05 (Teilnahme Fußball-Regionalliga, höchste Spielklasse)
  • Minigolfclub Göttingen Damen (Deutscher Mannschaftsmeister)
  • RV Stahlross Obernfeld (André und Manuel Kopp, Deutsche Radball-Meister)
  • Göttinger Paddler Club Damen (Deutscher Meister)
  • Universität Göttingen Damenbasketball (Mehrfacher Deutscher Hochschulmeister)
  • TV Jahn Duderstadt (Dritte Handball-Bundesliga)
  • Universität Göttingen 3x3-Basketball (Finale der World University League der Herren)
  • Universität Göttingen Laufsport (Sabine Rothaug, Birte Friedrichs und Anke von Gaza: Deutsche Hochschulmeisterinnen im Orientierungslauf)

Abstimmen können Sie ab sofort im Internet unter gturl.de/sportlegenden

Trainingshalle wurde zum Impfzentrum

Die Corona-Pandemie habe sein Training beeinflusst. In der zurückliegenden Hallensaison wurde die Trainingshalle in Herzberg zum Impfzentrum und stand den Bogenschützen nicht mehr zur Verfügung. „Aber ich habe auch eine Scheibe zu Hause und habe im Winter auf dem Hof bei uns auf zehn Meter geschossen“, sagt Knöchelmann. Seit April schießt er wieder auf dem Herzberger Außengelände. Seitdem er seinen Führerschein hat, ist er in der Trainingseinteilung flexibler, kann fahren, wann er möchte. „Zum Geburtstag habe ich ein neues Mittelteil für meinen Bogen bekommen. Das war Anreiz und Motivation nach der frustrierenden Wintersaison.“ Der Recurve-Bogen des Krebeckers hat einen Wert von etwa 3500 Euro – gesponsert von seinen Eltern, die Knöchelmann als seine „größten Unterstützer“ bezeichnet.


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Bis zu dreimal in der Woche trainiert der 19-Jährige, schießt dabei jeweils 120 bis 130 Pfeile pro Einheit. „Das dauert mit dem Aufbau des Bogens etwa zwei bis zweieinhalb Stunden.“ Zeit für andere Hobbys nimmt er sich auch. Seit acht Jahren ist er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in seinem Heimatdorf. „Außerdem zocke ich auch ganz gern mal am PC, habe dabei schon viele nette Leute kennengelernt.“

Als „Sportler, die locker drauf und sehr bodenständig sind“, hat er seine großen Vorbilder kennengelernt, als er bei einem Bogensport-Weltcup in Berlin als Volunteer geholfen hat. Dort waren die deutschen Top-Schützen am Start – wie eben Lisa Unruh, der Knöchelmann am Dienstag im Einzelwettbewerb der Damen bei den Olympischen Spielen in Tokio fest die Daumen drückt.

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