01. Dezember 2020 / 15:41 Uhr

Göttinger Trainer erinnern sich: „Hinten sicher und vorn lang rein“

Göttinger Trainer erinnern sich: „Hinten sicher und vorn lang rein“

Eduard Warda
Göttinger Tageblatt
Stefan Claus (l., im Trikot der SG Lenglern/Harste) im Jahr 2006 im Fußball-Kreispokal gegen SF Leineberg.
Stefan Claus (l., im Trikot der SG Lenglern/Harste) im Jahr 2006 im Fußball-Kreispokal gegen SF Leineberg. © Theodoro da Silva
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Der Fußball hat in den vergangenen Jahren eine rasante Entwicklung hinter sich gebracht. Im dritten Teil der Serie „Als ich noch Spieler war“ erinnert sich Stefan Claus. Trainer des Kreisligisten FC Höherberg, an seine aktive Zeit – und an schier endlose Laufeinheiten. 

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„Lange Suppe, und vorn hilft der liebe Gott“: Trainer-Weisheiten wie diese gehören längst der Vergangenheit an – der Fußball hat sich im Lauf der Jahre sehr verändert. Wir fragen heutige Trainer nach ihren Erinnerungen an die Zeit, in der sie selbst noch aktiv waren. Im dritten Teil von „Als ich noch Spieler war“ erinnert sich Stefan Claus, Trainer des Fußball-Kreisligisten FC Höherberg, an seine aktive Zeit.

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Stefan Claus im Trikot des 1. SC Göttingen 05.
Stefan Claus im Trikot des 1. SC Göttingen 05. © R

„Je älter ich wurde, desto weiter bin ich nach hinten gerückt“ – diese Entwicklung innerhalb der taktischen Aufstellung eines Fußballteams haben sicherlich viele Spieler hinter sich gebracht. Stefan Claus, der unter anderem für den 1. SC Göttingen 05 und die SVG Göttingen aufgelaufen ist, fing als offensiver Mittelfeldspieler an und agierte zum Schluss mit Mitte 30 beim Bovender SV auf der Liberoposition. „Ich war ein ganz guter Stürmer, aber im Alter wird man langsamer.“

Kopfballstark und gut im Abschluss

In seiner besten Zeit sei er sehr kopfballstark und „ganz gut im Abschluss“ gewesen, berichtet Rechtsfuß Claus, der auf der Zehner-Position in der Rolle des Spielmachers zu Hause war. Diesbezüglich sei ihm das Standardrezept der Trainer in der damaligen Zeit der 80er-Jahre entgegengekommen: „Hinten sicher und vorn lang rein“, habe es immer geheißen. „Also benötigte man vorn schnelle Leute und gute Kopfballspieler.“

In der Vorbereitung habe in den ersten zwei Wochen ausschließlich Lauftraining auf dem Programm gestanden. „Wir waren immer am Kiessee oder am Kehr. Da ist keiner auf die Idee gekommen, mal was mit dem Ball zu machen. Die Parole war: Du musst erst mal laufen können, alles andere kommt später.“ Heute sei das Training „besser und angepasster“.

Bestimmte Positionen werden gezüchtet

In anderer Hinsicht sei der Fußball heute statischer als zu seiner aktiven Zeit, findet Claus: „Heute werden bestimmte Positionen regelrecht gezüchtet: Der eine rennt links hoch und der andere rechts hoch. Damals war es individueller und flexibler, nicht so speziell taktisch geprägt.“ Auch seien die Mannschaften heute „häufig zu weich gespült“: Typen wie Matthäus, Effenberg oder Basler suche man vergeblich. „Der einzige, der mir einfällt, ist der Kruse von Union Berlin. Der passt in kein Schema, aber der haut sie halt rein.“

Stefan Claus im Trikot der SVG Göttingen.
Stefan Claus im Trikot der SVG Göttingen. © R

Das „Gleichgemache“ führe in der Folge dazu, „dass keiner mehr in der Lage ist zu sagen: ’Jetzt trete ich mal auf den Ball und mache eine Ansage!’ Es sind nicht alle gleich in einer Mannschaftssportart, es muss zwei, drei Spieler geben, die den Ton angeben und den anderen den Marsch blasen“ – wer in Gedanken beim 0:6 Deutschlands im Länderspiel gegen Spanien ist, liegt richtig.

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In seiner aktiven Zeit habe er sich, egal wie oft in der Woche trainiert worden ist, auf jede Übungseinheit gefreut „und auf die berüchtigte halbe Stunde danach“. Kaum einer habe das Zusammensein nach Training oder Spiel verpasst, „aber es war nicht nur bloß Zusammenbleiben, um Bier zu trinken: Man hat die 2:1-Situation, in der nicht abgespielt worden ist, noch mal Revue passieren lassen, und dann gab es eine deutliche Ansage.“ Andererseits habe es sogenannte Erbhöfe, feste mannschaftliche Strukturen von alteingesessenen Spielern, gegeben, „und es war sehr schwer, von unten da reinzukommen“. Als Trainer ging er dagegen vor: „Für mich gibt es gute und nicht so gute Spieler. Ob sie alt oder jung sind, spielt da keine Rolle.“

Rasante Entwicklung bei der Ausrüstung

Eine rasante Entwicklung habe es in der Frage der Ausrüstung gegeben: „Heute ist doch jede Kreisligamannschaft einheitlich ausgestattet und hat Trainingsanzüge und Aufwärmshirts. Das war damals undenkbar: Während früher beim Training der eine eine rote Hose und ein grünes Hemd hatte, war es beim anderen genau umgekehrt. Heute sind alle gleich ausgestattet“, sagt Claus. Eigentlich müsse man als Trainer regelmäßig ermahnen, dass immer noch der Fußball im Mittelpunkt stehen muss, „aber da stößt man an seine Grenzen“, unterstreicht der Coach. „Das fängt schon bei Kindern an: Die haben Schuhe für 180 Euro, die 25 Gramm wiegen und um die Ecke schießen können.“