20. Juni 2021 / 18:40 Uhr

Göttinger Weitspringerin Homeier überragt bei Landesmeisterschaften im Jahnstadion

Göttinger Weitspringerin Homeier überragt bei Landesmeisterschaften im Jahnstadion

Eduard Warda
Göttinger Tageblatt
Merle Homeier begeistert am Sonnabend im Jahnstadion mit einem neuen Landesrekord im Weitsprung.
Merle Homeier begeistert am Sonnabend im Jahnstadion mit einem neuen Landesrekord im Weitsprung. © Swen Pförtner
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Besser hätten die Landesmeisterschaften im heimischen Jahnstadion für die Weitspringerin Merle Homeier von der LG Göttingen nicht laufen können: Am Sonnabend sprang sie zu Gold – und verbesserte dabei den 36 Jahre alten Landesrekord.

Für die überragende Leistung der Leichtathletik-Landesmeisterschaften, die am Wochenende coronabedingt ohne Zuschauer im Jahnstadion Göttingen ausgetragen wurden, sorgte Lokalmatadorin Merle Homeier von der LG Göttingen: Sie siegte im Weitsprung – und knackte dabei den 36 alten Landesrekord.

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Es war ein Rekord mit Ansage und mutete fast wie eine Drehbuchidee für das fulminante Finale einer sportlichen Heldengeschichte an: Der Stadionsprecher hatte sich mit Mikrofon an die Weitsprunggrube begeben, die Blicke von Betreuern und Trainern waren auf die hochgewachsene Homeier gerichtet, die bereits mit ihrer Eröffnungsweite von 6,45 Metern die Konkurrenz um Längen hinter sich gelassen hatte.

19.06.2021, Göttingen: Leichtathletik-Landesmeisterschaften. Merle Homeier (LG Göttingen) mit Trainer Frank Reinhardt. Foto: Swen Pförtner
Merle Homeier im Gespräch mit ihrem Trainer Frank Reinhardt. © (c) Swen Pförtner 2021 / swenpfoertner.com

Der Landesrekord, teilte der Sprecher den Augenzeugen auf der Tribüne mit, liege bei 6,58 Metern, und angesichts des ersten Riesensatzes von Homeier sei an diesem Tag einiges zu erwarten. Homeiers Trainer Frank Reinhardt, sprach später von Bedingungen, die für Schnellkraftdisziplinen wie geschaffen seien: „Es kann gar nicht heiß genug sein.“ Und in der Tat herrschten im Jahnstadion am Sonnabendnachmittag Temperaturen von jenseits der 30-Grad-Marke, selbst im Schatten der Tribüne, in dem die Weitsprungkonkurrenz stattfand.

Homeier überragt die Konkurrentinnen nicht nur sportlich

Da stand sie also: Merle Homeier von der LG Göttingen, Biologie-Studentin und mit 1,81 Metern nicht nur sportlich die Konkurrentinnen überragend. Der konzentrierte Blick war auf die Weitsprunggrube gerichtet, das rhythmische Klatschen der Zuschauer durchbrach die versammelte Stille in der Arena.

Dann lief Homeier an – mit ausladenden Schritten und kerzengerade aufgerichtet katapultierte sich die Springerin, die vor einigen Tagen bei den Deutschen Meisterschaften Dritte geworden war, dem Ziel entgegen. Die Einteilung stimmte bis zum Absprungbrett, und es folgte ein Satz, der in die Geschichtsbücher eingeht.

Die weiße Fahne wurde gehoben: ein gültiger Versuch. Der Sprecher mogelte sich hinter die Schulter des Kampfrichters, lunzte darüber, erspähte die Weite und setzte ein geheimnishütendes Lächeln auf. Homeier und ihr Trainer Reinhardt hingen an seinen Lippen, genau wie die Betreuer und anderen Sportler auf der Tribüne. Dann die Bestätigung: 6,59 Meter. Die 21-jährige LGG-Athletin hatte den 36 Jahre alten Rekord von Silke Harms vom TSV Stelle verbessert.


Jubel brandete auf, Homeier und Reinhardt fielen sich in die Arme. Der Athletin kamen die Tränen, und ihr Trainer sagte später: „Natürlich ist das ein bewegender Moment, wenn man so lange auf ein Ziel hingearbeitet hat.“ Auch er selbst sei überwältigt gewesen. „Ich hatte glücklicherweise eine Sonnenbrille auf“, sagte er später über die Sekunden nach dem Rekordsatz.

Im letzten Versuch sprang Homeier dann noch mal auf 6,57 Meter und hatte am Ende die Konkurrenz mit einem Vorsprung von exakt 52 Zentimetern vor Wiebke Oelgardt vom SV Werder Bremen (6,07 Meter) deutlich für sich entschieden. Dritte wurde die LGGerin Thea Schmidt, die sich im letzten Versuch auf 5,67 Meter gesteigert hatte – ein traumhaftes Ergebnis für den Göttinger Klub.

Eigentlich hatte Homeier mit der Weite gar nicht gerechnet, verriet sie später: „Die ganze Woche verlief desaströs. Ich habe mich müde gefühlt, wusste nicht, woran es lag“, sagte sie. Das Wetter und die hochsommerlichen Temperaturen hätten ihr allerdings auch geholfen. „Die letzten Wettkämpfe hatte ich immer viel Regen und Wind. Heute war das Wetter super“, unterstrich sie.

Dass auf der Göttinger Anlage viel möglich ist, auch ein Rekordsprung, hatte ihr Trainer Reinhardt regelrecht eingeredet. „Ich habe bei Wettkämpfen im Jahnstadion unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Frank hat aber immer wieder betont, dass Göttingen eine mega-gute Anlage hat, und ich dachte mir: Wenn Frank das sagt, glaubst du ihm das“, berichtete die 21-Jährige.

Reinhardt unterstrich, dass es sich in Göttingen um eine „vollkommen ebene Anlage“ handele, die damit ideale Verhältnisse biete. Homeier wiederum zeichne eine „sehr gute Zuverlässigkeit“ aus. Zwar habe es in den vergangenen Wettkämpfen „kleine Defizite“ gegeben, „aber umso besser war sie heute hier“.

Leichtathletik-Landesmeisterschaften im Jahnstadion Göttingen

Leichtathletik-Landesmeisterschaften im Jahnstadion Göttingen Zur Galerie
Leichtathletik-Landesmeisterschaften im Jahnstadion Göttingen © Pförtner

Nun stehen am kommenden Wochenende in Koblenz die Deutschen U23-Meisterschaften an und im Juli die U23-Europameisterschaften in Tallinn (Estland). Von einer Nominierung ist stark auszugehen, hat Homeier doch in Göttingen die Norm von 6,40 Metern eindrucksvoll zum zweiten und dritten Mal bestätigt. Was jedoch fast noch ein wenig mehr zählt: Die gebürtige Bückeburgerin ist am Sonnabend weiter gesprungen als jede andere Niedersächsin vor ihr.

Auch Schmidt war glücklich über ihre Bronzemedaille, hatte sie doch am Freitag als Dreisprung-Vierte das Podium nur knapp verfehlt. Wegen der Umstellung auf den Weitsprung habe sie zu Beginn des Wettkampfes Probleme gehabt, sei dann aber immer besser reingekommen. „Am Ende war ich sehr froh“, sagte sie.

Wittmann und Bruse gelingen am Freitag Favoritensiege

Im Glutofen Jahnstadion wurde um Titel bei den Frauen und Männern, in den Altersklassen U20, U18 und U16 sowie bei den Para-Leichtathleten gekämpft. Die LGGerin Beatrix Gross, die ebenfalls von Reinhardt trainiert wird, lief in der Konkurrenz der U20-Sprinterinnen am Ende in 12,51 Sekunden auf den undankbaren vierten Platz. „Schade, dass es nicht gereicht hat“, kommentierte sie. Dafür klappte es am Sonntag über 200 Meter – mit einer Silbermedaille.

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Auch 2022 Titeljagd im Jahnstadion

Gibt es auch im nächsten Jahr Leichtathletik-Landesmeisterschaften in Göttingen? Davon ist auszugehen, zumal Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) am Sonnabend in einer Ansprache seine Vorfreude bekundete. Eigentlich waren die Titelkämpfe von 2019 bis 2021 nach Göttingen vergeben worden, doch im vergangenen Jahr fielen sie wegen Corona aus. „Wir haben sie für drei Jahre vergeben“, sagte NLV-Präsident Uwe Schünemann und machte unmissverständlich klar, dass es auch im nächsten Jahr im Jahnstadion um Titel geht. Dann aber wahrscheinlich in abgespeckter Version mit Frauen-, Männer- und U18-Meisterschaften, wie die NLV-Kreisvorsitzende Corinna Klaus-Rosenthal verriet. Im Gespräch sind auch abendliche Hoch- und Weitsprungmeetings mit prominenter Besetzung.

Zu Beginn der Landesmeisterschaften im Jahnstadion hatte es am Freitag zwei Favoritensiege durch LGG-Athleten gegeben: Kira Wittmann – auch sie wird von Reinhardt trainiert – setzte sich mit 13,12 Metern im Dreisprung der Frauen durch, Maik Bruse gelang über 800 Meter der männlichen Jugend U20 ein Start-Ziel-Sieg – er gewann in 1:59,79 Minuten.

Eine Überraschung gab es am Freitag im Hammerwurf der Frauen durch die LGGerin Elena Gerland, die mit 41,28 Metern Silber holte – damit war nicht zu rechnen, liegt doch die Bestleistung der Lehrerin bereits neun Jahre zurück. Eine Medaille ging auch an Paulina Wüstefeld von der LG Eichsfeld, die über 1500 Meter der Frauen in 4:51,52 Minuten den dritten Platz belegte.

Weitere Namen und Ergebnisse von Sonnabend und Sonntag: LGG: Jonathan Kulp (3. im Speerwurf der Männer, 51,50 m/im Bereich seiner persönlichen Bestleistung), Maik Bruse (3. über 1500 m der U20, 4:13,81 Minuten/lief 800 Meter lang in einer Dreiergruppe vorweg, musste dann abreißen lassen), Benno Hogh-Holub (3. von vier Teilnehmern über 3000 Meter der M15 in 10:18,91 Minuten/Steigerung der persönlichen Bestleistung um 15 Sekunden), Benedict Busch (2. über 80 m Hürden der M15/pers. Bestleistung um mehr als eine halbe Sekunde gesteigert), David Lötzsch (3. im Diskuswurf der M15 mit 36,44 m/neue persönliche Bestleistung), Judith Prensa Aupetit (2. im Kugelstoßen der W14 mit 9,52 m und 34 Zentimeter Steigerung und 3. im Speerwurf mit 27,47 m), Ella Schüttler (4. über 2000 m der W14 in 7:13,89 Minuten/Steigerung um 20 Sekunden), Beatrix Gross (2. über 200 m der U20 in 25,33 s und damit im Bereich ihrer Bestleistung von 25,32 s), Paul Overbeck (3. über 200 m Männer in 22,33 s/Persönliche Bestzeit). Jonathan Kulp (2. im Weitsprung der Männer mit 6,67 m).– LG Eichsfeld: Jakob Kullmann (1. über 400 m der männlichen U20 in 51,51 s), Helena Wüstefeld (3. über 800 m der weiblichen U18 in 2:20,76/pers. Bestleistung), Jael Schild (2. über 2000 m der W14 in 7:05,09 Minuten/Steigerung der Bestleistung um zehn Sekunden).

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Stimmen

Uwe Schünemann (Präsident Niedersächsischer Leichtathletik-Verband/NLV): „Es sind optimale Bedingungen, und man spürt, dass sich die Athleten darauf gefreut und richtig darauf hingefiebert haben. Rund 850 Meldungen sind schon klasse. Dass es Titelkämpfe für Jugendliche und Erwachsene waren, hat die Meisterschaften zu einem großen Event gemacht.“

Corinna Klaus-Rosenthal (Vorsitzende NLV-Kreis Göttingen): „Ich bin super zufrieden: Mehr als 800 Teilnehmer nehmen zum Teil sehr weite Wege auf sich und kommenden in den südlichsten Zipfel von Niedersachsen. Wir hatten jeden Tag um die 100 ehrenamtlichen Helfer am Start, die für ihre Arbeit kaum etwas kriegen, aber es trotzdem machen, weil es eine Herzensangelegenheit ist. Für sie wollen wir uns eine Danke-Aktion überlegen.“