11. Februar 2021 / 11:05 Uhr

Grimmaer Zweitliga-Schiri Sather über das Pfeifen in Corona-Zeiten: "Fühle mich wie in einer Blase"

Grimmaer Zweitliga-Schiri Sather über das Pfeifen in Corona-Zeiten: "Fühle mich wie in einer Blase"

Steffen Enigk
Leipziger Volkszeitung
Alexander Sather
Alexander Sather würde auch gerne in der 1. Bundesliga pfeifen. © Getty Images
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Alexander Sather ist Mitteldeutschlands ranghöchster Schiedsrichter. Für den Grimmaer verändern die Geisterspiele während der Pandemie einiges. Zwar werden die Referees nicht mehr durch den Druck der Zuschauer beeinflusst, doch fehlen eben diese auch als Indikator für ihre Entscheidungen.

Grimma. Fast 40 Zweit- und 60 Drittliga-Spiele hat Alexander Sather bereits gepfiffen. In der Bundesliga steht Mitteldeutschlands ranghöchster Schiedsrichter als Assistent oder Vierter Offizieller an der Linie und ist auch in Köln im Video-Assist-Center (VAC) im Einsatz. Doch die Corona-Krise hat vieles verändert und schwieriger gemacht, und so ist der 34-Jährige dankbar, dass er seiner Leidenschaft weiter nachgehen kann. „Den Profifußball hat es noch am wenigstens getroffen, auch ich fühle mich wie in einer Blase“, sagt der Mann vom FC Grimma, „wir müssen deshalb gegenüber der Gesellschaft demütig sein und vor allem unserer striktes und geradliniges Hygienekonzept, das von DFB und DFL gemeinsam erarbeitet wurde, konsequent einhalten.“ Aber er sagt eben auch: „Ich versuche, im Negativen das Positive zu sehen. Was wäre ein Wochenende ohne die Live-Konferenz für die Fans?“

Von seinen Einsätzen erfährt er wenige Tage vorher. Dann kann er beginnen zu planen, auch beruflich. Alexander Sather ist bei GRUMA-Automobile als Abteilungsleiter für den LKW-Vertrieb und deren Vermietung verantwortlich. „Ich habe einen verständnisvollen Chef, aber die Arbeit muss natürlich trotzdem gemacht werden. Sonderurlaub bekomme ich nicht.“ Vier Tage der Woche gehören in der Regel seinem Job, dann stockt er sein Zeitkonto auf, manches Telefonat erledigt er zudem auf den langen Reisen zu den Spielen.

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Für die braucht er zunächst einen negativen Corona-Test und hat dabei zwei Möglichkeiten: Sich bei Profi-Vereinen ins Test-Regime eintakten zu lassen oder in ein Labor nach Jena zu fahren. Meist macht er sich an „Matchday minus zwei“, also zwei Tage vor dem Anpfiff, auf den Weg vom Grimma nach Thüringen. Das Labor übermittelt das Ergebnis dann direkt an den DFB. Erst wenn den Ansetzern der negative Test vorliegt, legen sie die Schiedsrichter für die einzelnen Partien fest, erst dann erfährt Alexander Sather, in welcher Stadt er welche Mannschaften pfeifen wird.

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Videoassistent "ist wie ein Airbag"

An „Matchday minus eins“ fährt er – Fliegen ist kompliziert geworden – zu Hause mit dem Auto los, direkt ins Hotel. Früher traf er sich mit den Schiri-Kollegen zum Abendessen im Restaurant, heute bleibt nur der Roomservice im sterilen Zimmer. Erst zum Frühstück sieht er seine Mitstreiter, dann geht es ins Stadion.

Geisterspiele verändern einiges für die Referees. Der Druck der Zuschauer, die hitzige Atmosphäre beeinflussen sie nicht mehr. Der nicht mehr anschwellende Lärmpegel entfällt allerdings auch als Indikator für ihre Entscheidungen. „Dafür hört man auf dem Feld jetzt alles“, sagt Alexander Sather, „den Assistenten kann das beim Abseits helfen, weil sie eben auch den Zeitpunkt des Abspiels hören und nicht nur im Augenwinkel sehen.“ Fairer sei es aber nur in den ersten Partien nach dem Frühjahrs-Lockdown zugegangen. „Jetzt gibt es wieder böse Fouls, Reklamieren und Meckern, die Spieler haben die Bühne neu für sich in Besitz genommen und wollen nur eines: gewinnen.“

Nach Abendpartien verbringt Alexander Sather oft noch eine Nacht im Hotel, um runterzukommen. „Wenn man erschöpft bist, noch viele Szenen im Kopf hat und sich vielleicht über Fehler ärgerst, ist es besser, sich nicht gleich für mehrere Stunden ins Auto zu setzen.“ Der Videoassistent sei zwar eine wichtige Hilfe, die er nicht missen möchte, aber: „Er ist wie ein Airbag: Er lindert die Folgen, verhindert aber nicht den Einschlag. Eine Unterstützung, die man im besten Fall nicht braucht, die einem aber unter Umständen eine zweite Chance liefert, auf eine Situation zu schauen und einen Fehler zu korrigieren.“


Grauzonen und Interpretationsspielräume

Gleich nach den Spielen erhält Alexander Sather eine erste telefonische Einschätzung des vor dem heimischen Bildschirm sitzenden Schiedsrichter-Beobachters, der später seinen Berichtsbogen erstellt und an den Schiri-Coach weiterleitet. Dieser ruft einige Tage später den Referee zur detaillierten Analyse an und bewertet ihn dann nach einem Punktsystem.

Im „VAC“ (Video-Assistent-Center) war Alexander Sather in dieser Saison erst einmal, beim Zweitliga-Spiel zwischen Heidenheim und Regensburg. Die Anreise nach Köln ist für ihn wegen der fehlenden Flugverbindung zeitaufwendiger geworden, „und meine Einsätze deshalb stadionlastiger.“

Der Grimmaer weiß, dass über den Videoassistenten noch immer kontrovers debattiert wird und sagt: „Es gibt keine absolute Gewissheit, sondern Interpretationsspielräume und Grauzonen, die aber mehr dem klassischen Regelwerk geschuldet sind als dem technischen Hilfsmittel. Wir sind Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen, und Menschen machen Fehler.“

Mischung aus "Wachhund und Seelsorger"

Und die unerträglich erscheinende, manchmal minutenlange Warterei? „Gibt es nur selten bei wirklich schwierigen und komplexen Situationen. Klar ist: Je länger der Check dauert, desto größer wird der Druck. Schlussendlich auch für den Schiedsrichter. Aber am Ende geht Richtigkeit nun mal vor Schnelligkeit.“

Wenn er als Vierter Offizieller eingesetzt wird, sieht er sich „als Mischung zwischen Wachhund und Seelsorger“. Er ist nicht nur für die Abläufe auf den Wechselbänken zuständig, sondern schützt und unterstützt auch seine drei Kollegen auf dem Rasen. „In manchen Situationen hilft ihnen ein zusätzlicher Blickwinkel auf das Geschehen.“

Gleiches gilt, wenn aufgeregte Trainer oder Sportdirektoren gegen Entscheidungen rebellieren. Dann versucht er zu beruhigen und zu erklären. Dabei sei der Respekt ihm gegenüber gewachsen. „Nach fünf Jahren in der Bundesliga hat man sich schon ein wenig einen Namen gemacht“, meint Alexander Sather, „inzwischen bin ich für die Trainer keine Nummer mehr, sondern schon zu einem Gesicht gereift.“ Was er gar nicht mag, sind Herumschreien und wildes Gestikulieren. „Das ignoriere ich weitgehend.“

Nichts dem Zufall überlassen

Mit seinem Vater Harald – der 60-Jährige stand einst als Fifa-Assistent bei über 100 internationalen Spielen an der Linie – spricht Alexander immer noch über jeden Einsatz. „Er ist mein größter Kritiker, aber ich schätze seine fachlich fundierte Meinung, auch wenn sie manchmal weh tut.“ Allerdings habe sich der Fußball weiterentwickelt und er könne in den fruchtbaren Familien-Diskussionen auch etwas zurückgeben.

Ab und zu erreichen ihn Reaktionen von Fans, meist postalisch oder digital. „Wenn Sather und Grimma auf dem Brief steht, kommt das an.“ Lob gebe es im Grunde nur selten, ihm werde in erster Linie geschrieben, wenn etwas schief gelaufen sei. „Auf sachliche Kritik antworte ich gelegentlich auch mal, auf Beleidigungen oder Anfeindungen allerdings nie. Ich bin nicht der Mülleimer für Emotionen. Aber hin und wieder kommen auch mal Briefe mit Zeitungsausschnitten oder netten Worten.“

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Alexander Sather schwört auf absolute Fitness, hartes Training und Physiotherapie, ist mindestens viermal in der Woche unter Anleitung seines Personal-Trainers auf der Laufbahn im Stadion oder im Grünen unterwegs. Nichts mag er dem Zufall überlassen, Professionalität in allen Bereichen heißt die Devise, und sein Ziel, Bundesliga-Schiedsrichter zu werden, muss keine Utopie bleiben. „Träume sind zum träumen da“, sagt er dazu, „aber das ist nicht meine Wiese, das entscheiden andere. Ich bin jetzt 34, und es gibt in Deutschland viele sehr junge talentierte Schiedsrichter, die mehr Zeit zum Reifen haben. Deshalb bin ich da auch ein Stück weit Realist.“