15. April 2021 / 15:34 Uhr

Grizzlys-Coach Pat Cortina: Wie aus dem Dolomiten-Vulkan der stoische Fels wurde

Grizzlys-Coach Pat Cortina: Wie aus dem Dolomiten-Vulkan der stoische Fels wurde

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Cortina
Emotionslos? Pat Cortina verfolgt die Spiele der Grizzlys meist unbewegt (r.) auf der Bank. Emotionslos ist er nicht. Früher ließ er die Emotionen raus (l.). Das hat sich gewandelt. © Imago Images, Grizzlys Wolfsburg/City-Press GmbH
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In der Wolfsburger Fan-Szene kam er nie richtig an, immer wenn es nicht lief wurde Pat Cortina gern seine scheinbare Emotionslosigkeit an der Bande vorgeworfen. Aber emotionslos ist er nicht, war früher sogar wild. Vor den entscheidenden Spielen um die Play-Off-Teilnahme im Eishockey-Oberhaus erklärt der SPORTBUZZER den Wandel des Trainers der Grizzlys Wolfsburg.

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In der Wolfsburger Fan-Szene kam er nie so richtig an, immer wenn es nicht lief wurde Pat Cortina gern seine scheinbare Emotionslosigkeit an der Bande vorgeworfen. Aber emotionslos ist er nicht, war früher sogar wild. Mit den Spielen in Straubing (Freitag, 19.30 Uhr) und gegen Straubing (Sonntag 14.30 Uhr) endet für die Grizzlys Wolfsburg die Hauptrunde der DEL-Saison 20/21. Ein Sieg sollte für das Erreichen der Play-Offs reichen. Einfach wird es nicht. Coach Pat Cortina hätte damit aber zum zweiten Mal das Ziel erreicht und das geschafft, was auch unter Pavel Gross stets gelungen war. Das Erreichen der Endrunde.

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Ob das die Kritiker beruhigen würde? Zumindest überzeugen die Wolfsburger seit Kurzem mit zuvor in dieser Spielzeit nicht gesehener Offensivpower und vielen Toren. "Weil wir das System jetzt besser ausführen", sagt Cortina. Er steht für Organisation im Spiel, Struktur und gute Defensive. Und so wirkt er auch. Ruhig, geduldig. Er beschwört immer wieder Konstanz, lässt Spieler nie vorschnell fallen. So hatte Cortina schon früh in dieser Spielzeit gesagt, dass Phillip Bruggisser Teil der Mannschaft sei, noch wertvoll werden könnte. Auch wenn er meist den inzwischen suspendierten Stürmer Jordan Boucher im Sinne des Team-Erfolges vorzog. Die Zeit des Dänen scheint nun gekommen. Und der Coach hat die Mannschaft in der schwierigen Spielzeit nun offenbar wieder auf Kurs.

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Eine schwierige Spielzeit - nicht nur wegen Corona. Erst fehlten mit Dominik Bittner (Bauchmuskelriss) und Janik Möser (Herzmuskelentzündung) zwei wichtige Verteidiger lange. Fabio Pfohl quälte sich erst mit einer Handverletzung durch, dann war Saison-Ende für ihn. Gerrit Fauser wurde zweimal von Adduktoren-Problemen ausgebremst. Armin Wurm hatte eine Corona-Zwangspause, Ryan Button ereilte das Saison-Aus, Mathis Olimb verpasste nach Check von Mitspieler Spencer Machacek einige Spiele, genau wie Center Garrett Festerling. So wurde Jan Nijenhuis zum Mittelstürmer umfunktioniert, ist nun aber auch raus, genau wie Bittner.

Markenzeichen Unaufgeregtheit

Doch Coach Cortina blieb und bleibt unaufgeregt. So, wie er an der Bande agiert. Ruhig, fast stoisch. Das kreideten ihm manche Fans an. Insbesondere in der kritischen Phase der Saison vor der Siegesserie. Zu emotionslos sei er.

Dabei ist Cortina nicht emotionslos. Und an der Bande war er es früher auch nicht. Der Coach hat sich gewandelt. "Ich versuche zu denken, bevor ich spreche", sagt er. Und: "Wichtig ist, dass die Message ankommt." Wer sich mit ihm unterhält, merkt schnell: Er wägt die Worte ab, möchte verstanden werden. Nicht missverstanden.

Sehr jung hatte der Italo-Kanadier seine Trainer-Karriere gestartet, ging mit 23 ins Land seiner Vorfahren nach Italien, wurde später beim EHC München zur Ikone, führte das Team aus der bayerischen Landeshauptstadt in die DEL, wurde deutscher Nationaltrainer, für einige Monate sogar in Doppelfunktion. In München nannte man ihn den "Dolomiten-Vulkan", was einiges über seine Auftritte auf der Spielerbank verrät. Die Spieler riefen ihn "Sheriff". Cortina war laut und gestenreich. Und beim Aufstieg machte er auf dem Eis sogar die Raupe mit. Lange her.

"Vor 15 Jahren", so sagt er, "waren es Spieler gewohnt, angebrüllt zu werden." Und: "Die Kader waren kleiner, als Trainer war ich allein." Da musste man schon mal laut sein, um auch am anderen Ende gehört zu werden. Der Trainerstab ist im Profi-Eishockey längst viel größer geworden. Ohne Gebrüll kann heutzutage jeder Akteur für kurze Ansprachen erreicht werden. Cortina, der Teamwork von den Profis verlangt, aber auch im Stab aufs Kollektiv baut, sagt: "Ich habe mit Tyler Haskins und Petteri Väkiparta zwei kompetente Assistenten, sie machen einen unglaublichen Job, genau wie unser Torwart-Trainer Ilari Näckel und Fitness-Coach Peter Kruse."

Was Gestik und Lautstärke der Coaches angeht, so weiß er, "gibt es inzwischen auch eine andere Generation Spieler als früher". Und es gebe ganz andere Möglichkeiten. Um zu überzeugen. Man kann den Spielern anhand von eindeutigen Bildern und Statistiken Fakten belegen. Es gibt Videos, Nachbereitungen.

Einen konkreten Grund für den Wandel vom Vulkan zum Fels habe es nicht gegeben, erklärt Wolfsburgs Cheftrainer. "Aber die Zeiten als Nationalcoach haben sicher mit dazu beigetragen." Er war nicht nur Trainer der deutschen A-Nationalmannschaft, sondern auch der italienischen und der ungarischen, trainierte noch Klub-Teams in Italien und Österreich.

Er wirkt immer ruhig, was aber nicht heißt, dass Cortina nicht immer noch Klartext reden kann. Was in der Kabine passiert, bekommen die Fans niemals mit. Und auf dem Eis hat man den Coach schon wütend erlebt. Da unterscheidet er sich dann durchaus in seiner Art nicht vom langjährigen Grizzlys-Coach Pavel Gross, auch wenn der auf der Bank meist lebhafter wirkt. Bei beiden aber sind die heftigen Wutausbrüche im Training, bei der dann auch schon mal der Schläger an die Bande gedroschen wird, eben selten. Denn nur dann kommt auch so eine Botschaft in der Regel an.

Cortinas aktueller Nachfolger auf Münchens Bank ist übrigens der DEL-Trainer mit den meisten Titeln: Don Jackson. Auch ein meist ganz ruhiger Vertreter während des Spiels hinter der Spielerbank.