18. Dezember 2020 / 21:59 Uhr

Grizzlys-Manager Fliegauf: "Es ist ohne Zuschauer nicht das gleiche Spiel"

Grizzlys-Manager Fliegauf: "Es ist ohne Zuschauer nicht das gleiche Spiel"

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Charly Fliegauf
Gepannt vor einer für alle schwierigen Saison: Charly Fliegauf, Manager der Grizzlys Wolfsburg. © Boris Baschin (1), Grizzlys Wolfsburg/City-Press GmbH (1)
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Es wird eine besondere Saison für das deutsche Eishockey und die Grizzlys Wolfsburg. Im Sportbuzzer-Interview spricht Manager Charly Fliegauf über Zusammenhalt in der Corona-Krise, Kader-Planung mit Reise-Beschränkungen und die mentalen Herausforderungen für die Spieler.

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Er hat schon viel erlebt im deutschen Eishockey – aber diese Saison wird auch für Karl-Heinz „Charly“ Fliegauf, Manager der Grizzlys Wolfsburg, eine ganz besondere. Im AZ/WAZ-Interview spricht der 60-Jährige über Zusammenhalt in der Corona-Krise, Kader-Planung mit Reise-Beschränkungen und die mentalen Herausforderungen für die Spieler.

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Wie ist ihre Befindlichkeit vor dem Start?Freude. Es war ein langer Weg, wir mussten den Start zweimal verschieben. Aber: In den Spielen, die wir hatten, da stellst du schon fest, dass Eishockey ohne Zuschauer nicht das gleiche Spiel ist.

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Aufs Jahr zurück geschaut, was waren die einschneidendsten Momente? Die Play-Off-Serie absagen zu müssen, das war in dem Moment damals im März das Krasseste. Nach acht Monaten Saison sitzt das Team in der Kabine, eigentlich abreisefertig zum Spiel in Nürnberg, man wusste, vielleicht wird das Ende bekannt gegeben. Und man kommt als Manager in die Kabine und jeder schaut einen an... Und du musst sagen, dass die Saison abgesagt ist, das war heftig.

Da hing noch einiges dran... Oh, ja. Höhi hatte sein Karriere-Ende angekündigt, der Abgang von Felix Brückmann war klar, schlagartig hatten sie ihr letztes Spiel überhaupt oder bei uns bereits gehabt. Da sind richtig Tränen geflossen, das war ein Moment, der ans Gemüt geht, den es nicht braucht. Danach kam die Ungewissheit und Abreisen, teils panisch, vor allem bei den Spielern aus Übersee.

Wie stressig war das? Wir haben es abgearbeitet, wie es über uns reingebrochen ist, das hat alles gut geklappt mit unseren Partnern. Derpart etwa war da richtig gefordert, allen voran Frau Kano, mit der ich stets Flüge abwickele. Das war wegen der Zeitverschiebung zu Nordamerika Tag- und Nachtarbeit.

Hat die Situation zusammengeschweißt? Ich glaube schon. Auch, wie wir die ganze Krise jetzt bewältigt haben. Mit den Gehaltsstundungen und Restriktionen, um die Voraussetzungen zu schaffen, um dabei zu sein. Das Commitment vom Hauptsponsor Volkswagen sowie die vielen Gespräche mit den Sponsoren und deren Bereitschaft weiter dabei sein zu wollen waren in dieser Zeit sehr motivierend. Die Art und Weise, wie wir es gemacht haben, die Transparenz – was ich von meinen Spielern über andere Klubs höre, ist, dass es da nicht immer so war, dass die Spieler auch von A bis Z wussten, was Sache ist und sich viele auch bei unseren Spielern erkundigt haben, wie und was wir machen. Das zeigt, dass wir diesen Teil so gut es geht gemeistert haben. Natürlich sind wir nicht perfekt, aber wir sind sehr offen mit der ganzen Geschichte umgegangen. Das wird sich vielleicht in der Zukunft ein bisschen auszahlen - diese Fairness und Offenheit, ohne etwas vorzugaukeln.

Corona-Zeiten heißt auch: Abstand halten. Was fehlt Ihnen am meisten im Umgang mit den Spielern? Es ist eine größere Distanz da, die sich über die letzten Monate aufgebaut hat und die nicht mein Ding ist. Ich mag Gespräche, Small Talks mit den Spielern, wenn sie mir über den Weg laufen. Das fehlt. Man versucht automatisch, Abstand zu halten, obwohl man zum Pool gehört, obwohl man getestet wird. Das ist eine Entwicklung, die einen im Privatleben auch erwischt – das Zwischenmenschliche, das ist ein bisschen verloren gegangen.

Wie wirkte sich Corona auf Spielerverpflichtungen aus? Wir waren recht weit, da kann man sagen, das war ein Nachteil, weil viele Spieler auf den Markt gekommen sind, auch durch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die sich weltweit geändert haben. Klubs, die weniger Spieler unter Vertrag hatten, hatten Vorteile, konnten Spieler bekommen, die sie für das Geld sonst sicher nicht bekommen hätten. Da weine ich nicht nach, das konnte keiner voraussagen. Es war in diesem Jahr leichter, Europäer zu bekommen als Nordamerikaner.

Es gab Corona-Fälle, auch die Grizzlys hatten einen mit Janik Möser. Inwieweit hat das Augen geöffnet... Es muss ja meistens immer irgendetwas passieren, damit man noch genauer drüber nachdenkt und sensibilisiert ist. Natürlich haben wir von Anfang an auf alles hingewiesen, ein Hygienekonzept durchgezogen. Und dann hatten wir einen Fall, zufällig entdeckt. Janik hatte leichte Symptome, als er aus der Quarantäne war, wollte er sein Programm starten, um aufs Eis zurück zu kommen, zuvor gab es einen Test bei Teamarzt Dr. Nazem Hamade, der hat festgestellt, dass da was nicht hinhaut, dann haben wir Janik nach Berlin geschickt, da war bei den Untersuchungen alles okay – außer bei einer, in der Röhre, die zeigte, dass da was am Herzen ist.

Symptomfrei schien er, war es aber noch nicht… Die Wahrscheinlichkeit ist einfach groß, dass es mit Corona zusammenhängt. Janik hatte sich gut gefühlt, hatte auf dem Ergometer einen guten Wert gehabt, dann musst du ihm sagen – du darfst die nächste Zeit gar keinen Sport mehr machen. Die Geschichte hat schon Augen geöffnet, dann haben wir mit der Liga zusammen das Return-To-Play-Programm für Corona auf den Weg gebracht, mit Beteiligung unserer Ärzte Dr. Hamade und Dr. Axel Gänsslen. Das Programm leben wir jetzt als Liga, das ist das Gute, was man aus der Geschichte mitnehmen kann.

Wie geht es Möser? Gut soweit. Anfang Januar ist der nächste Stichtag, dann stellen wir ihn wieder auf den Kopf, dann werden wir sehen. Für den Spieler wünscht man sich, dass er schnell zurückkommen kann. Zumal er sich ja auch topfit fühlt.

Die Grizzlys hatten mal mehrere Jahre einen Psychologen, inzwischen nicht mehr, aber bräuchte man den nicht gerade in diesen Zeiten? Das ist eine gute Frage. Pavel Gross hatte einen Psychologen damals sehr befürwortet. Die ganze Situation wirkt sich auf jeden aus, und die ganzen Folgen liegen noch nicht auf dem Tisch. Gut ist, dass wir mit Tyler Haskins noch einem Trainer dazu bekommen haben, mit dem die Jungs auch reden können. Letztlich ist es eine individuelle Sache, aber wenn einer zu mir käme, er bräuchte professionelle Hilfe, dann würde ich jemand finden. Klar ist: Mental wird das für die Spieler sicher die schwierigste Saison.

Diese Saison wird es, anders als ursprünglich geplant, keinen Absteiger geben, entlastet das finanziell und wie steht es überhaupt für die Nachfolgesaison? Gibt es wieder Staatshilfe? Wer hinten steht, müsste nicht mehr mit Gewalt nachverpflichten, um sich vor dem Abstieg zu retten, ansonsten dürfte aber bei allen sportlicher Ehrgeiz da sein. Unser Anspruch ist es, unter die ersten Vier in unserer Gruppe zu kommen und damit in die Play-Offs. Das nächste Jahr wird in Sachen Budgets sicher für alle schwierig, weil die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie nicht absehbar sind. Staatshilfe soll für die ersten drei, vier Monate 2021 wieder kommen. Es würde Sinn machen.

Normalerweise haben Sie um diese Zeit schon Spieler gebunden oder neu verpflichtet. Und diesmal? Nein, noch nichts. Das ist eine neue Situation.

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Wird es schwierig? Das kann ich noch nicht sagen. Von der Strategie her ist vielleicht zu überlegen, abzuwarten, weil eh viele Spieler da sein werden, weil die wirtschaftliche Situation bei vielen Klubs nicht besser werden wird. Da habe ich viel Arbeit vor mir, das weiß ich. Die Spieler, die wir halten wollen würden, die wissen jetzt durch die Krise, was sie bei uns haben, das ist ein wichtiger Faktor, diese Karte werde ich logischerweise in Verhandlungen spielen. Erstmal ist wichtig, dass alle Teams durch die Saison kommen.