14. April 2021 / 08:31 Uhr

Gröschel will bei Flughafen-Marathon seine Schallmauer durchbrechen

Gröschel will bei Flughafen-Marathon seine Schallmauer durchbrechen

Christian Lüsch
Ostsee-Zeitung
Tom Gröschel versucht sich vor dem Rennen in Enschede keinen Druck zu machen. Er will einen guten Marathon laufen, und wenn möglich, eine neue Bestzeit erreichen
Tom Gröschel versucht sich vor dem Rennen in Enschede keinen Druck zu machen. Er will einen guten Marathon laufen, und wenn möglich, eine neue Bestzeit erreichen © imago/Beautiful Sports
Anzeige

Erst sollte das Rennen in Hamburg starten, dann in Wien. Am Sonntag geht der Rostocker Leichtathlet Tom Gröschel auf dem Flughafen in Enschede in den Niederlanden an den Start. Er hat sich zwei Monate lang in Kenia auf diesen Marathon vorbereitet. Für Gröschel geht es um mehr als die Olympia-Quali für Tokio.

Anzeige

Die optimale Planung eines Marathon stellt sich Tom Gröschel anders vor. Vorbereitet und eingestellt hatte sich der Rostocker eigentlich für ein Rennen über 42,195 Kilometer, das am vergangenen Sonntag in Hamburg gestartet werden sollte. Wurde es wegen der hohen Corona-Zahlen aber nicht.

Anzeige

„Erst hieß es, der Lauf wird um eine Woche nach hinten und nach Wien verlegt. Dort ging es aber auch nicht. Jetzt startet das Rennen am Sonntag auf dem Flughafen in Enschede in den Niederlanden“, erzählt der 29-Jährige.

Mehr zum Sport in Mecklenburg-Vorpommern

Gröschels ganzer Trainingsplan war auf den Starttermin am 11. April ausgelegt. Dann sollte und wollte er eigentlich auf seinem Leistungszenit sein. Zweimal für jeweils vier Wochen bereitete sich der Langstreckenläufer im Hochland Kenias für den langen Kanten vor. „In den Jahren zuvor musste ich mein Pensum aufgrund meiner Fersenprobleme im Trainingslager stets drosseln. Diesmal bin ich so viel gelaufen wie nie zuvor“, erzählt der Leichtathlet. Bis zu zwei Laufeinheiten spulte er jeden Tag in Afrika ab. So sind vier Wochen jeweils 710 Kilometer zusammengekommen.



Trotz Startverschiebung und Ortsänderung – der Mecklenburger versucht, aus der Situation das Beste zu machen. Er habe zuletzt ein bisschen schwere Beine gehabt. Nun bleiben ihm ein paar Tage mehr, sagt er. Am Mittwoch macht er einen PCR-Corona-Test. Am Freitag geht es von Wattenscheid aus, wo Gröschel lebt und trainiert, in die anderthalb Autostunden entfernte Stadt in Holland.

Schwimmerinnen, Wasserspringer, Ruderer, Boxerinnen, Radsportler, Segler, Judoka, Goalballer, Leichtathleten, Fechter und Reiter: das sind die Kandidatinnen und Kandidaten aus Mecklenburg-Vorpommern, die sich Hoffnungen machen, im Sommer 2021 bei den Olympischen Spielen beziehungsweise den Paralympics in Tokio dabei zu sein.

Tom Gröschel lief 2018 und 2019 zum deutschen Marathon-Meistertitel. Der Mann vom TC Fiko Rostock hat sich 2018 einen Fersensporn operativ  entfernen lassen. Er plant seinen Formaufbau akribisch. Mit dem Ziel: Start beim Olympia-Marathon in Tokio. Zur Galerie
Tom Gröschel lief 2018 und 2019 zum deutschen Marathon-Meistertitel. Der Mann vom TC Fiko Rostock hat sich 2018 einen Fersensporn operativ  entfernen lassen. Er plant seinen Formaufbau akribisch. Mit dem Ziel: Start beim Olympia-Marathon in Tokio. ©

Einen Marathon auf dem Flugfeld zu laufen, ist neu für ihn. „Der Kurs ist eben und liegt ungeschützt. Hoffentlich ist es nicht so windig.“ Dann könnte es ein schneller Wettkampf werden. An den Start gehen insgesamt 70 Top-Läufer. Zuschauer dürfen nicht dabei sein. Unsicher ist sogar, ob Gröschels Trainer Tono Kirschbaum an der Strecke sein darf.

Lange Zeit hatte Gröschel den Traum von den Olympischen Spielen verfolgt. Geht man nach der aktuellen nationalen Rangliste, wird der Olympia-Marathon ohne ihn über die Bühne gehen. Der ständige Kampf und die ständige Fragerei nach der Olympia-Norm für Tokio habe auf ihn zunehmend zermürbend gewirkt, sagt er. „Es sind schon viele Deutsche schneller gelaufen als ich. Ich müsste unter 2:10,18 Stunden ankommen. Das ist eine andere Welt, dreieinhalb Minuten schneller als meine bisherige Bestzeit“, ordnet Gröschel die Aufgabe ein. Er hält es nicht für unmöglich, eine neue persönliche Bestzeit aufzustellen. „Dass ich dabei aber die Zeiten der anderen deutschen Top-Läufer unterbiete, ist weniger wahrscheinlich.“

Im Rennen um die drei deutschen Olympia-Startplätze im Marathon liegt der deutsche Rekordhalter Amanal Petros (Wattenscheid/2:07,18) vor Richard Ringer (Rehlingen/2:08,49) und Hendrik Pfeiffer (Wattenscheid/2:10:18). Simon Boch (LG Regensburg/2:10:48) rutschte auf Platz vier ab und könnte nach jetzigem Stand nicht beim Olympia-Marathon starten. Gleiches gilt für den Rostocker, dessen Bestzeit bei 2:13,49 Stunden liegt.

Olympia, so scheint es, spielt nur noch in Gröschels Hinterkopf eine Rolle. In den Mittelpunkt rückt der Mann vom TC Fiko Rostock andere Dinge. Er orientiert sich an der Olympia-Normzeit von 2:11,30, die zugleich die Schallmauer für eine WM-Nominierung im kommenden Jahr sein wird. „Ich bin froh und dankbar, die Chance zu haben, bei diesem Rennen dabei zu sein. Ich möchte nach zwei Jahren mal wieder einen Marathon zu Ende laufen. Zudem: Wer kann schon von sich behaupten, gemeinsam mit dem schnellsten Mann der Welt an der Startlinie zu stehen“, spielt Gröschel auf Eliud Kipchoge an. 2013 war der Rostocker als Zuschauer in Hamburg an der Strecke dabei, als der Marathon-Weltrekordler aus Kenia lief. Diesmal läuft der Deutsche mit seinem Idol in einem Feld.

Unabhängig von der Endzeit – Gröschel möchte nach dem Lauf „einfach stolz und mit mir zufrieden sein können.“ Aufzuhören ist auch nach Enschede kein Thema. Tom Gröschel freut sich auf einen ausgedehnten Urlaub – den er in seiner Heimatstadt Rostock verbringen wird. Und danach? „Ich würde sehr gern noch mal in Berlin durch die Straßen laufen“, meint er und spricht über die grandiosen Kulissen mit Abertausenden am Straßenrand. In Berlin feierte er 2018 bei der EM mit Rang elf den größten internationalen Erfolg seiner Karriere. Einen unvergessenen. Einen, der beim Läufer Lust auf mehr macht.