15. Februar 2021 / 18:15 Uhr

Große Sportvereine leiden in Brandenburg besonders an Mitgliederverlusten

Große Sportvereine leiden in Brandenburg besonders an Mitgliederverlusten

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
Der TSV Falkensee, einer der größten Vereine in Brandenburg, hat Mitgliederverluste im mittleren dreistelligen Bereich.
Der TSV Falkensee, einer der größten Vereine in Brandenburg, hat Mitgliederverluste im mittleren dreistelligen Bereich. © Tanja M. Marotzke
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Die Zahl der Mitglieder in Sportvereinen sinkt im Corona-Jahr 2020, allerdings nicht so dramatisch wie zunächst befürchtet – große Treue in ländlicheren Regionen.

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Noch, das betont Andreas Gerlach, ist die Statistik nicht endgültig. Laut dem Vorstandsvorsitzenden des Landessportbundes Brandenburg (LSB) läuft die Prüfung zur Mitgliedererhebung des Corona-Krisenjahres 2020 weiterhin, ehe Anfang März die finalen Zahlen bekanntgegeben werden sollen. Doch kann Gerlach, ohne konkret werden zu wollen, als Tendenz schon jetzt verkünden: „Es wird einen Verlust an Mitgliedern geben. Aber das ist nichts Dramatisches.“ Also weniger schlimm als befürchtet.

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10 bis 15 Prozent Verlust hatte er vor einiger Zeit, vergleichbar mit Bundesprognosen, als drohendes Szenario skizziert. Bei zuvor rund 355 000 Mitgliedern in Sportvereinen wäre das in der Mark ein Minus zwischen 35 000 und 53 000. Sachsen und Niedersachsen, die bereits eine vorläufige Analyse ihrer Erhebungen vorgelegt haben, liegen bei einem Rückgang der Mitgliederzahlen von etwa drei bis vier Prozent.

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„Wir sind vorerst mit einem blauen Auge davongekommen“, sagt auch Norman Grätz. Er ist Geschäftsführer des Kreissportbundes (KSB) Dahme-Spreewald. Die bisherigen Hochrechnungen sehen dort einen geringen Verlust von rund 200 Mitgliedern. Macht gerade einmal ein Prozent. Ähnliche Dimensionen sind es bei den KSB in Oberhavel, der Prignitz, Potsdam-Mittelmark und dem Havelland, wie eine Umfrage des SPORTBUZZER ergab. Ostprignitz-Ruppin wollte vor der LSB-Veröffentlichung keine Aussagen treffen.



Nahezu vierstellig ist in totalen Zahlen der Rückgang in Teltow-Fläming. 994 Vereinsangehörige weniger als ein Jahr zuvor sind gemeldet, was einem Defizit von 4,7 Prozent entspricht. Einige Vereine nutzten die diesjährige Befragung jedoch auch, um ihre „Karteileichen“ aus der Statistik zu streichen, erklärt Tomi Klischan. Thomas Bottke, Geschäftsführer des KSB Potsdam-Mittelmark, und sein Pendant im Havelland, Karsten Leege, haben derweil festgestellt, dass sich die Mitgliederzahlen stabiler gehalten haben, je kleiner und ländlicher die Clubs sind.

Überwiegend Frauen treten aus Vereinen aus

Eine Beobachtung, die sich mit Blick auf die Stadtsportbünde (SSB) Potsdam und Brandenburg an der Havel bekräftigen lässt. Dort sind die Verluste mit jeweils etwa 4,4 Prozent verhältnismäßig größer als andernorts. Brandenburg hat rund 500 Mitglieder weniger gezählt, in Potsdam als größtem Sportbund innerhalb Brandenburgs mit zuvor fast 34 000 Mitgliedern sind es sogar 1475 weniger. Auffällig in der Landeshauptstadt: Zwei Drittel der Abgänge sind Frauen, die im Gesamtsystem sonst die kleinere Gruppe bilden, weshalb zahlreiche Projekte zur Stärkung dieses Bereichs initiiert worden sind.

„Die Verluste bei den weiblichen Mitgliedern kann auf den fehlenden Betrieb im Gesundheits-, Reha- und Fitnesssport zurückgeführt werden“, sagt Anne Pichler, Potsdams SSB-Geschäftsführerin. Der SC Potsdam sei in dem Sektor besonders stark. Durch insgesamt 647 Mitglieder weniger als bei der vorherigen Erhebung ist der größte märkische Sportverein nun wieder unter die 5000er-Marke gerutscht. Laut Leege hat auch der TSV Falkensee als Großclub mit rund 4000 Aktiven größere Mitgliederverluste im mittleren dreistelligen Bereich gemacht.

Vielfach ist außerdem zu erkennen, dass gerade im Jugendbereich die Zahlen rückläufig sind. „Da sind die Eltern eher geneigt, die Kinder rauszunehmen, wenn eben kein Training und Wettkampf mehr möglich ist“, sagt Sebastian Bradke vom SSB Brandenburg/Havel. Insgesamt aber sei bisher die Vereinstreue in der Krisenzeit groß. Dass der LSB erstmalig seit Gründung 1990 keine steigenden Mitgliederzahlen verkünden werden kann, hängt nicht mit zunehmenden Frust-Austritten wegen Corona zusammen, wie Gerlach sagt. „Abmeldungen in der Fluktuation sind normal. Was uns jetzt aber als Handicap schwächt, sind die fehlenden Neuzugänge. Es fällt schwer, neue Mitglieder zu gewinnen, wenn das Angebot so eingeschränkt ist“, erläutert der LSB-Vorstandsvorsitzende.

Neugründungen von Laufvereinen

Allerdings gibt es auch die positiven Entwicklungen in der Pandemie. Grätz berichtet von zwei neu gegründeten Laufvereinen in Dahme-Spreewald in 2020. „Laufen ist eben ein Sport, der auch in Corona-Zeit gut funktioniert und sich gut organisieren lässt“, sagt er. Und Tino Gerloff, Mitarbeiter des KSB Prignitz, berichtet von Vereinen, die einen Mitgliederzuwachs im vorigen Jahr geschafft haben: „Das sind besonders diejenigen, die nach Alternativen in der Krise gesucht haben, um den Aktiven etwas zu bieten – zum Beispiel das Verschicken von Trainingsplänen oder Online-Kurse.“

Trotzdem: Die Lage ist kompliziert. Einer Erhebung der Deutschen Sporthochschule Köln zufolge erwartet jeder zweite Sportverein in den kommenden zwölf Monaten eine existenzbedrohliche Lage. Gerlach fällt es schwer, solche Umfragen mit unsicheren Variablen zu bewerten. Für Brandenburg könne er nur sagen, dass hinsichtlich des aufgelegten Landeshilfsprogramm etwa vier bis fünf Anfragen von Vereinen pro Woche eingehen. Nach der Prüfung seien bisher mehr als eine Million Euro an etwa 20 Clubs gegangen, so Gerlach. „Wohin sich die Situation entwickelt, ist aktuell kaum abzuschätzen“, meint er. Aber eines sei klar: „Je länger der Stillstand anhält, desto herausfordernder wird alles.“