14. September 2019 / 07:45 Uhr

Günter Netzer zum 75. Geburtstag im SPORTBUZZER-Interview: "Die anderen haben viel mehr geleistet"

Günter Netzer zum 75. Geburtstag im SPORTBUZZER-Interview: "Die anderen haben viel mehr geleistet"

Raimund Hinko
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Fußball: Bundesliga, Bayern München - Borussia Dortmund, 28. Spieltag am 08.04.2017 in der Allianz Arena in München (Bayern). Sokratis (l) und Marcel Schmelzer von Dortmund diskutieren nach Spielende miteinander. (Wichtiger Hinweis: Aufgrund der Akkreditierungsbestimmungen der DFL ist die Publikation und Weiterverwertung im Internet und in Online-Medien während des Spiels auf insgesamt fünfzehn Bilder pro Spiel begrenzt.) Foto: Andreas Gebert/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Eine Legende wird 75 Jahre alt: Günter Netzer. © Imago Images / Montage
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Günter Netzer wird 75 Jahre alt. Im Interview erzählt die Legende Persönliches, von Persönlichkeiten und von einem Talent, das in seine Fußstapfen treten kann.

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Er sorgte als Erster dafür, dass deutscher Fußball schön sein konnte, und polarisierte mit seinem extravaganten Lebensstil. An diesem Samstag wird Günter Netzer, der Zehner, der Mann aus der Tiefe des Raumes, 75 Jahre alt. Beim SPORTBUZZER-Interview in Zürich erzählt der „lange Blonde“, der auch als ARD-Experte arbeitete, von gestern, zwischendurch und heute.

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Herr Netzer, die Sportzeitung „Corriere dello Sport“ schrieb 1972 „Der weiße Pelé war in der Stadt“.

Dahinter steckt eine wunderbare und zugleich schreckliche Geschichte. Wir hatten mit Borussia Mönchengladbach ein Freundschaftsspiel bei der AS Rom. Ich hatte einen Zeh gebrochen, Hennes Weisweiler, unser Trainer, wusste das. Zwei Tage vorher sagt er: „Günter, Rom ist eine herrliche Stadt. Warst du schon dort?“ Ich: „Nein.“ Er: „Dann komm doch mit.“ Also flog ich mit. Nach dem Frühstück sagt er: „Wir müssen mal sprechen. Wir haben Schwierigkeiten, unser Geld zu kriegen.“ Ich: „Warum, das ist doch ein seriöser Verein.“ Er: „Im Vertrag steht leider, dass du spielen musst.“ Ich: „Das geht nicht.“ Er: „Doch, ich habe mit dem Vereinsarzt gesprochen. Bevor du rausgehst, kriegst du eine Spritze in den Zeh. Die wirkt eine Halbzeit. Dann kriegst du die nächste.“ Ich: „Sie sehen doch, dass ich kaum gehen kann. Wie konnten Sie mich nur nach Rom locken?“ Ich war stocksauer. Dennoch: Kumpel, wie ich bin, ging ich auf den Handel ein.

Pelé war der Größte aller Zeiten. Spielten Sie wirklich so gut?

Der Arzt beruhigte mich: „Günter, da kann nichts passieren.“ Ich habe bei der Spritze so laut geschrien, dass es die Jungs zwei Kabinen weiter hörten. Ich schoss zwei Tore, machte aus Groll gegen den Trainer eines der besten drei Spiele meines Lebens. Wollte allen beweisen, dass ich aufgrund meines Charakters zu besonderen Taten fähig bin.

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Sie waren also keine wehleidige Diva?

Schauen Sie sich das Pokalfinale 1973 gegen Köln an. Es war von Weisweiler richtig, mich nicht aufzustellen, da ich außer Form war. Als er zur Halbzeit zu mir kam, lehnte ich es ab, eingewechselt zu werden. Der Rest ist bekannt.

Sie wechselten sich zu Beginn der Verlängerung selbst ein und schossen das Siegtor zum 2:1.

Das war das größte Glück, was einem Fußballer je passiert ist. So was wird in den nächsten 100 Jahren nicht mehr passieren.

Günter Netzer: Eine Fussball-Legende wird 75

Schuhe aus Känguruleder und schnelle Autos

Sie waren der erste Spieler, der Schuhe aus Känguruleder trug.

Sie lagen am Fuß wie eine zweite Haut. Die totale Kontrolle über den Ball zu haben war für mich die pure Erfüllung. Der Nachteil: Wenn mir meine Gegner auf den Fuß traten, war der Schuh gerissen, die Attacken taten doppelt so weh. Außerdem waren die Schuhe blau. Ich war der Erste, der farbige Schuhe trug. Anfangs habe ich mich zu Tode geschämt damit.

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Als erster Fußballer extravagante Schuhe, als erster eine Diskothek, als erster Ferrari und Jaguar.

Die hätten mich zum Teufel gejagt, wenn ich den Ball nicht getroffen hätte mit all meinen Eskapaden. Es waren allerdings keine schlimmen, die das Gebilde infrage gestellt hätten. Ich bin erst spät dahintergekommen, dass mir dieser Fuchs Weisweiler für meine Verrücktheiten die nötige Freiheit gegeben hat.

1973 wechselten Sie zu Real Madrid.

Das Schlimmste war, dass geschrieben wurde, meine Mutter wäre an gebrochenem Herzen gestorben, weil ich nach Madrid gehe. Das Gegenteil war der Fall. Sie hat sich wahnsinnig gefreut. Ich war so erschüttert, dass ich drei Tage lang nicht mehr trainieren konnte, damals vor dem Pokalfinale 1973.

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Was für ein Mensch war Real-Präsident Santiago Bernabeu?

Er war die größte Sportpersönlichkeit, die ich je getroffen habe. Die Spieler erzitterten, wenn er den Raum betrat. Auch Fußballgötter wie Puskas, Di Stefano, Gento. Er stand noch nicht ganz in der Tür, da sind sie schon aufgesprungen vor Respekt, hat über eine Stunde lang Geschichten erzählt, niemand wagte zu sagen, dass es Zeit war, zu trainieren.

Netzer zur WM 1974: "Die anderen haben mehr geleistet"

Er mochte Sie – trotz Ihrer blonden Mähne.

Die Spieler feixten, wie das wohl ausgeht. Er hatte ihnen jahrelang verboten, Schnurrbärte zu tragen, das spanische Männlichkeitssymbol. Er schaute mich an, ich ihn, es begann ein herzliches Verhältnis, die Haare blieben lang.

Sie waren ein Weltstar, bei der WM 1974 verletzungsgeschwächt nur beim 0:1 gegen die DDR dabei.

Deshalb bin ich auch kein Weltmeister. Die anderen haben viel mehr geleistet. Ich habe erkannt, dass es fehl am Platz gewesen wäre, zu rebellieren. Ich habe mich bei niemandem beschwert, nichts gegen Wolfgang Overath gesagt, der prima gespielt hat.

Wenn Sie heute Kai Havertz sehen: Ein Schuss Genialität von Ihnen blitzt da schon auf, oder?

Havertz ist ein großartiger Spieler. Dem ich wünsche, dass er sehr schnell den Durchbruch schafft. Stammspieler dieser Nationalmannschaft wird. Ein solches Talent haben wir in Deutschland lange nicht mehr gehabt.

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Sie tragen sechs Bypässe – und sagen immer noch: „Ich möchte nie erwachsen werden.“

Ich benehme mich heute immer noch wie ein kleiner Junge, bin immer noch neugierig. Manchmal rieselt leise der Kalk. Jeden Tag ein anderer Schmerz. Es gehört eben die Akzeptanz dazu, dass so was im Alter passiert.

Ihr Wunsch zum Geburtstag?

Kleine Gesten. Dinge, die von Herzen kommen. Das ist wichtiger als jedes Geschenk.