24. November 2021 / 16:00 Uhr

Gute und wichtige Begleitung: Leipziger Fanprojekt feiert in aller Stille Geburtstag

Gute und wichtige Begleitung: Leipziger Fanprojekt feiert in aller Stille Geburtstag

Britt Schlehahn
Leipziger Volkszeitung
Das Fanprojekt Leipzig betreut die Fans von RB, Chemie und Lok.
Das Fanprojekt Leipzig betreut die Fans von RB, Chemie und Lok. © dpa/Christian Modla/SPORTBUZZER-Montage
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Das Leipziger Fanprojekt feiert sein zehnjähriges Bestehen: Sie begleiten die Fanszenen von RB Leipzig, dem 1. FC Lok Leipzig und der BSG Chemie - ein Unterfangen, das bei der gegebenen Konstellation nicht einfach ist. Vorsteher Christian Kohn ist aber mit der bisherigen Bilanz zufrieden.

Leipzig. Viele lassen vor allem an runden Geburtstagen so richtig die Korken knallen und feiern gern üppig. In Zeiten der Corona-Pandemie fällt alles deutlich kleiner und leiser aus. Und so feierte in der vergangenen Woche das Leipziger Fanprojekt ganz still seinen zehnten Geburtstag. Am 15. November 2011 startete das Projekt in einem ehemaligen Ladengeschäft in der Brandstraße mit seiner Arbeit. Vier Mitarbeiter unter Leitung von Sarah Köhler verantworteten in der Trägerschaft von Outlaw - einer gemeinnützigen Gesellschaft für Kinder- und Jugendhilfe mit Sitz in Münster - die sozialpädagogischen Angebote. Vor zehn Jahren - das war die Zeit, als sich der FC Sachsen auflöste und die SG Leipzig-Leutzsch entstand, die wie die BSG Chemie in der Landesliga spielte, Lok war in der Oberliga und RB in der Regionalliga zu Hause.

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Arbeit "ganz gut hinbekommen"

Der 15. November 20011 markierte einen Neuanfang. Bereits zwei Jahre zuvor hatte die Stadt die Neu-Ausschreibung für die Trägerschaft initiiert. Berichte wie das Dossier "Angriff von rechts außen" von Ronny Blaschke in der Wochenzeitschrift Die Zeit aus dem September 2009 warfen kein gutes Licht auf den Vorgänger, die Leipziger Sportjugend mit ihrem einzigen Mitarbeiter Udo Ueberschär. Das eigentlich bereits 1992 gegründete Fanprojekt stand seit Jahren in der Kritik. So konnte beispielsweise der spätere NPD-Stadtrat Enrico Böhm unter dem Mantel der akzeptierenden Sozialarbeit Nazi-Treffen in den Fanprojekt-Räumlichkeiten organisieren. Aus deshalb kam es zum Tärgerwechsel.

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Seit 2017 steht Christian Kohn dem Projekt vor, das heute mit drei Stellen die Fanszene von Bundesligist RB und mit je einer Stelle die jugendlichen Anhänger der Regionalligisten 1. FC Lokomotive und BSG Chemie Leipzig begleitet. Wie fällt das Resümee zum Jubiläum aus? "Wir werden ja oft von ganz verschiedenen Seiten gefragt, wie wir eigentlich den Erfolg unserer Arbeit messen - und ich sage dann immer, dass wir dann erfolgreich sind mit unserer Arbeit, wenn wir ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Fans haben, wenn wir als verlässliche Ansprechpartner wahrgenommen werden und es eine belastbare Kommunikation zu den Vereinen und ins Netzwerk gibt, ohne dass wir unsere Unabhängigkeit dabei verlieren", so Kohn im Gespräch mit dem SPORTBUZZER. Die Situation vor Ort mit den drei Vereinen und deren Anhängern ist sehr heterogen. Oder wie es Kohn beschreibt: "Unser Standort wird immer als kompliziert wahrgenommen." Nichtsdestotrotz kann das Fanprojekt realistisch einschätzen, dass es seine Arbeit "ganz gut hinbekommen hat."

"Hilfe- und Beratungsbedarf bei vielen jugendlichen Fußballfans"

Befragt nach dem besten Moment in den vergangenen zehn Jahren, verweist der promovierte Kulturwissenschaftler darauf, dass es keine konkreten besten Ereignisse gebe. Maßgebend seit stattdessen, "wenn man sieht, wie sehr einzelne Fans und auch Fangruppen wachsen an ihrem Engagement und den Erfahrungen, die sie mit ihrem Fansein machen." Die andere Seite - die schlimmen Momente - blieben dem Fanprojekt natürlich nicht erspart. Für Kohn bestehen diese darin, "wenn unsere Arbeit auf Unverständnis oder Geringschätzung stößt."

Aber auch noch ein anderes Thema beeinflusst das Tun - die Finanzierung des Projektes. 50 Prozent liefert der Deutsche Fußball-Bund (für Vereine ab der 2. Liga übernimmt diesen Anteil die Deutsche Fußball Liga). Die andere Hälfte kommt aus den Kassen der Stadt und des Landes. Der DFB hat nach Debatten im vergangenen Jahr und einen möglichen Ausstieg aus der Finanzierung nun erst einmal die Zusage bis zum 31. Dezember 2022 gegeben.

Im aktuellen Teil-Lockdown mit Geisterspielen in der Regional- wie auch Bundesliga stellt sich natürlich die Frage, wie die Zukunft der Fankultur aussehen wird. "Es klingt fast ein bisschen abgedroschen, aber das hängt gerade wohl zu einem großen Teil auch davon ab, ob und wie sich die Gesellschaft, der Fußball und damit auch die Fanszenen durch die Coronakrise verändern werden," so Krohn. Seiner Meinung nach gibt es zukünftig drei Aspekte für die Fanprojektarbeit: "Zum Einen wird es darum gehen, die Zeit nach der Krise und die damit verbundene Neusortierung der Fankultur gut zu begleiten. Zum Anderen wird es auch für die Fanprojekte darum gehen, die mitunter konfliktreichen, aber ungemein wichtigen Diskussionen der letzten Monate, nämlich welche gesellschaftliche Verantwortung der Fußball hat, weiter zu führen. Zum Dritten sehen wir bei uns in Leipzig gerade einen steigenden Hilfe- und Beratungsbedarf bei vielen jugendlichen Fußballfans, die die Auswirkungen der Coronakrise besonders hart getroffen hat. Und dafür müssen wir gut aufgestellt sein, weswegen wir in naher Zukunft auch unsere Rahmenbedingungen weiter verbessern wollen."