22. Februar 2021 / 19:01 Uhr

„Guten Tach, mein Name ist Schur“: Eine Legende des DDR-Sports wird 90 Jahre alt

„Guten Tach, mein Name ist Schur“: Eine Legende des DDR-Sports wird 90 Jahre alt

Max Hempel
Leipziger Volkszeitung
90 Jahre und bester Laune: Täve Schur zeigte sich im Gespräch mit SPORTBUZZER-Reporter Max Hempel in Plauderstimmung. Die Autorisierung des Interviews erfolgte übrigens, ganz unmodern, postalisch.
90 Jahre und bester Laune: Täve Schur zeigte sich im Gespräch mit SPORTBUZZER-Reporter Max Hempel in Plauderstimmung. Die Autorisierung des Interviews erfolgte übrigens, ganz "unmodern", postalisch. © Dirk Knofe
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Weltmeister, Friedensfahrtsieger, DDR-Sportikone: Zu seinem 90. Geburtstag am Dienstag blickt Radsport-Legende Gustav Adolf Schur auf ein bewegtes Leben zurück. Für den SPORTBUZZER erinnert sich „Täve“ an so manche Geschichte auf und abseits der Strecke. Eine Frage beantwortet er auch: Wie war das damals beim Weltmeisterrennen 1960?

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Leipzig. Vor ihm steht ein ganzer Käsekuchen – es ist sein Geburtstagskuchen. Und obwohl Gustav Adolf „Täve“ Schur bereits seinen 90. Geburtstag feiert, ist er noch immer ganz der alte Profi. „Seien Sie mal nicht so nervös. Wir können das hier alles fünf Mal, zehn Mal drehen, wenn Sie möchten“, sagt Schur und lacht danach herzhaft. Drei Stunden und einen Käsekuchen später endet das Interwiev. Es ist ein Gespräch, das einem jungen Journalisten in Erinnerung bleiben wird.

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SPORTBUZZER: Herr Schur, in den 1960er Jahren gab es wohl kein Kind, das nicht Ihren Namen kannte. Fanpost und Liebesbriefe kamen bei Ihnen in Heyrothsberge in Säcken an. Gibt es überhaupt Menschen, die Sie nicht auf Anhieb erkennen?

Gustav-Adolf Schur: Das passiert durchaus manchmal. Meist steuern dann Menschen auf mich zu und sagen: „Ich kenne Sie irgendwoher. Sie sind doch mal Rad gefahren.“ Dann antworte ich immer: Guten Tach, mein Name ist Schur. 15 Jahre Rennfahrer. Friedensfahrt.

Ein Seesack voller Täve-Fanpost, heute ausgestellt im Radsportmuseum Course de la Paix in Kleinmühlingen.
Ein Seesack voller Täve-Fanpost, heute ausgestellt im "Radsportmuseum Course de la Paix" in Kleinmühlingen. © Dirk Knofe

Sie haben als Radsportler alle möglichen Titel gewonnen, waren zweimal Weltmeister. Warum nennen Sie die Friedensfahrt noch immer als erstes, wenn es um Ihre Person geht?


Ich bin 1931 geboren und habe den Aufstieg Hitlers miterlebt. Als Pimpf musste ich in der Schule mitmarschieren. Der Nationalsozialismus hat sich mir eingeprägt als eine Zeit des Übermuts, des Hochgefühls und letztlich der Lebensangst. Für mich war Eines klar. Nach dem Krieg – mit über 60 Millionen Toten, die wir Deutsche zu verantworten hatten und ich stelle mich da mit dazu – kann es nur Eines geben: Nie wieder Krieg in Deutschland. Die Friedensfahrt hat dazu beigetragen, dass sich Polen, Tschechen, Russen und Deutsche wieder näher kommen konnten. Und so war es ja schließlich auch. Am Straßenrand standen Millionen Menschen.

Auch sportlich galt die Friedensfahrt als „Tour de France des Ostens“ und war mit über 2.000 Kilometern in zehn Tagen eine körperliche Tortur.

Auf jeden Fall. Als ich 1952 zum ersten Mal mitgefahren bin, dachte ich mir: „Das Scheißding fährst du nie wieder.“ Und dann bin ich sie elf Mal gefahren (lacht).

Ihr Teamkollege Günter Lux beschrieb ihre Zähigkeit als Rennfahrer. Sie sei letztlich auch der Schlüssel zu Ihrem Erfolg gewesen. Gab es auch mal Situationen, in denen Sie ans Aufgeben dachten?

Die Vorbereitungen zur Friedensfahrt waren immer eine enorme Belastung. Da spulten wir vor der Tour schon 12.000 Kilometer runter. Trotzdem bin ich immer mit einem Lächeln vom Rad gestiegen, um dem Gegner zu imponieren und keine Schwäche zu zeigen. Aber einmal hat es mich tatsächlich aus dem Sattel gehauen.

DURCHKLICKEN: Bilder aus Täve Schurs Radsport-Karriere

1953: Täve Schur (l.) gewinnt das Amateur-Eintagesrennen Berlin-Leipzig. Das Rennen wurde meist zu Beginn der Saison im April gefahren und wurde deshalb auch Osterfahrt genannt. Zur Galerie
1953: Täve Schur (l.) gewinnt das Amateur-Eintagesrennen Berlin-Leipzig. Das Rennen wurde meist zu Beginn der Saison im April gefahren und wurde deshalb auch Osterfahrt genannt. ©

Und zwar?

Bei einer meiner ersten Harzrundfahrten. Ich hatte bei einem Rennen zuvor vom Österreicher Franz Deutsch den Tipp bekommen, etwas Pfefferminzöl ins Trinken zu tröpfeln. Vor der Harzrundfahrt übernachtete Bernhard Trefflich bei mir. Am Morgen des Rennens kippte ich also ordentlich von dem Öl in unseren Salbeitee. Schon beim Start hat es im ganzen Feld danach gerochen. Nach den ersten 30 Kilometern wurde ich auf einmal richtig müde. Ich habe dann einen Fahrer gefragt, wo denn der Trefflich sei. Und der entgegnete mir nur: „Der ist hinten auf dem Lumpensammler.“

Dem Fahrzeug, das bei Straßenrennen hinter dem Fahrerfeld fährt und die Teilnehmer aufnimmt, die das Rennen aufgegeben haben.

Richtig. Der hatte schon längst schlapp gemacht. Ein paar Kilometer später wurde mir dann auch schummrig. Ich rollte aus, legte mich in den Straßengraben und schlief ein. Einige Zeit später wachte ich dann im Rettungswagen auf. Ich hatte mich mit Pfefferminzöl vergiftet.

Aus heutiger Sicht mutet das wie jugendlicher Leichtsinn an. Doch es hätte auch schlimmer kommen können. War der Druck, sich ständig gegen den Westen zu behaupten, nicht auch gefährlich für die eigene Gesundheit?

Mit meiner heutigen Erfahrung würde ich nie wieder Leistungssport betreiben. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich meinen Körper wieder auf ein normales Level gebracht hatte. Ich hatte Extrasystolen – mein Puls machte also dauernd Sprünge. Noch vor drei Jahren habe ich die Auswirkungen gespürt. Als es mir mal nicht gut ging, brachte mich mein Sohn ins Krankenhaus. Die Ärzte wussten nicht, wer ich bin. Und als ich denen dann erzählt habe, dass ich rund 400.000 Kilometer Rad gefahren bin, schlackerten die nur so mit den Ohren. Der Ehrgeiz, die Wessis zu schlagen, war immer präsent. Die fuhren Profirennen und wir mussten uns bewähren. Schon in der Ausbildung haben wir eingetrichtert bekommen: „Leute, wir müssen gewinnen!“

Geburtstagsgrüße des SC DHfK Leipzig an Täve Schur

Gab es da besondere Rivalitäten?

Nachdem ich die erste Friedensfahrt gewonnen hatte, war das der Brite Stan Brittain. Mein härtester Gegner war jedoch der Tscheche Jan Vesely. Mit dem lieferte ich mir immer packende Duelle. Wir fuhren bei einer Friedensfahrt-Etappe ins Ziel ein. Da hat er mich auf der Aschenbahn abgedrängt. Ich hätte siegen können, ich Idiot (Schur haut auf den Tisch). Nach dem Rennen kam Vesely dann lachend auf mich zu, streckte mir die Hand aus und sagte: „Ich entschuldige mich!“ Ein feiner Kerl.

Unvorstellbar in der heutigen Zeit. Derbys, Feindschaften, große Gegenspieler machen die Stadien ja erst richtig voll.

Ich behaupte: So etwas gab es bei der Tour de France nicht. Wir Fahrer saßen jeden Abend alle zusammen in einem Saal für das Abendessen. Wenn du tagsüber auf der Straße einen gerempelt hattest, dann hast du abends geschaut wo sitzen die Tschechen? Wo die Polen? Wo die Russen? Da musstest du hin und dich entschuldigen. Auf der Straße waren Vesely und ich Konkurrenten. Später wurden wir Freunde. Als Vesely starb, war es für mich selbstverständlich auf seiner Beerdigung zu sprechen.

Ihr sportmännisches Verhalten bei der Weltmeisterschaft 1960 war es auch, das Sie in der DDR zur Legende machte.

Bis heute wird mir noch angedichtet, ich hätte Bernhard Eckstein zum Sieg verholfen. So war es aber nicht.

DURCHKLICKEN: Täve Schur im Sportmuseum Leipzig

Täve Schur fuhr in seiner aktiven Zeit für den SC DHfK Leipzig und lebte auch in der Messestadt. Aus diesem Grund befinden sich zahlreiche seiner Trophäen, Radsporttechnik und Urkunden im Besitz des hiesigen Sportmuseums. Schur selbst schenkte sie dem Museum. Zur Galerie
Täve Schur fuhr in seiner aktiven Zeit für den SC DHfK Leipzig und lebte auch in der Messestadt. Aus diesem Grund befinden sich zahlreiche seiner Trophäen, Radsporttechnik und Urkunden im Besitz des hiesigen Sportmuseums. Schur selbst schenkte sie dem Museum. ©

Wie war es dann?

Wir haben uns morgens als DDR-Mannschaft zum Frühstück getroffen. Da lautete die Order: „Täve, du hast das Meiste drauf. Alle anderen, ihr müsst heute so fahren, dass Täve als Erster ins Ziel kommt.“ Mensch, das war mir so unlieb. Es war ohnehin schon so belastend – nach zwei Weltmeistertiteln zuvor – zu wissen, dass heute Tausende an der Strecke stehen werden. Und irgendwann riss während des Rennens das Feld auseinander, mit Eckstein vorneweg. Der lag wie drei Pfund Brot auf dem Fahrrad. In der letzten Runde schaffte ich wieder den Anschluss an die Spitzengruppe. Vor uns war noch der Belgier Willy van den Berghen. Am Berg bin ich ihm dann hinterher – volles Rohr. Oben hatte ich alle abgeschüttelt, bis auf Einen. Das war Eckstein. Bergab kamen wir schließlich an van den Berghen ran. Und da habe ich gerufen: „Ecke fahr!“ Das entschied ich innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde. Van den Berghen klebte weiter an mir dran und wartete auf meinen Vorstoß. Ich wäre gerne davongefahren, konnte aber einfach nicht mehr. Ich war zu erschöpft durch die Aufholjagd.

So entstand letztlich der Mythos vom selbstlosen Täve, der sich für den Sieg des Kollektivs geopfert hat. Geschadet hat es Ihnen nicht.

Natürlich stand ich im Blickpunkt. Die Presse hatte ein Interesse an mir und rückte mich ins Rampenlicht. Das habe ich alles getragen und für richtig befunden. Die Leute brauchen Vorbilder – jemanden, an den sie sich wenden können.

Sie waren Vorbild für Generationen von radsportbegeisterten Kindern. Welche Bedeutung hat eigentlich das Fahrrad in Ihrem Leben?

Dem Erfinder des Fahrrads würde ich erst einmal sagen: „Ein dreifaches Dankeschön!“ In meinem Leben hat das Fahrrad immer eine bewegende Rolle gespielt. Darüber hinaus wächst seine Bedeutung noch weiter mit dem Klimawandel. Klimaveränderungen werden unser Leben bestimmen. Und nur mit dem Fahrrad als Fortbewegungsmittel werden wir den Klimawandel aufhalten können.

Haben Sie zum Abschluss einen Geburtstagswunsch?

Wir müssen diese Pandemie bezwingen, Kriege verhindern und das Klima retten.