02. Dezember 2020 / 10:54 Uhr

„Haben einen guten Griff gemacht“: Turbine-Präsident Rolf Kutzmutz im SPORTBUZZER-Interview

„Haben einen guten Griff gemacht“: Turbine-Präsident Rolf Kutzmutz im SPORTBUZZER-Interview

Christoph Brandhorst
Märkische Allgemeine Zeitung
Rolf Kutzmutz (rechts)
Turbine-Präsident Rolf Kutzmutz. © Jan Kuppert
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Frauen-Bundesliga: Turbine Potsdams Präsident Rolf Kutzmutz spricht im Interview über die Trainerwahl, einen möglichen Wechsel der Frauen-Bundesliga zur DFL und Potsdamer Nationalspielerinnen.

Mit einem neuen Trainer und einer Kooperation mit Hertha BSC ist Frauenfußball-Bundesligist Turbine Potsdam ambitioniert in die Saison gestartet. Mindestens auf Platz drei, der erstmals zur Teilnahme an der Champions League berechtigt, will der sechsfache deutsche Meister einkommen und nach sieben Jahren Pause wieder im Europapokal starten. Präsident Rolf Kutzmutz zieht im großen SPORTBUZZER-Interview eine Zwischenbilanz, spricht über die Trainerwahl, die Personalplanungen und das Engagement von Hertha.

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Herr Kutzmutz, erst eine Punktspielabsage wegen Corona beim Gegner, dann Länderspielpause und nun wartet man auch noch auf den nächsten Pokalgegner. Vermissen Sie den Fußball schon?

Rolf Kutzmutz: Wenn man im Fernsehen fast jeden Tag Bundesliga, Champions League oder Europa League der Männer sehen kann, denkt man schon mal traurig daran, dass die eigenen Spiele ausfallen.

In Bildern: 50 ehemalige Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam – und was aus ihnen wurde

Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam. Zur Galerie
Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam. ©

Sind Sie trotzdem zufrieden damit, wie der DFB den Spielbetrieb der Frauen-Bundesliga in Corona-Zeiten organisiert?

Dass wir dadurch in den Profibereich gerückt worden sind, bringt natürlich auch Vorteile mit sich, etwa was die Zusammenarbeit mit der Stadt und die Entwicklung von Hygienekonzepten angeht. Daran hat der DFB sehr konzentriert gearbeitet. Das muss man, bei aller Schelte, die sonst oft Richtung Frankfurt geht, auch mal sagen.

Diskutiert wurde zuletzt, dass die Bundesliga der Frauen vom DFB unter das Dach der Deutschen Fußball-Liga wechseln könnte.


Naja, Herr Seifert (DFL-Geschäftsführer Christian Seifert; Anm. d. Red.) scheidet ja 2022 aus, der kann sich ja zu allem äußern. Da muss ja auch für die DFL etwas rauskommen. Aber mit einem Zuschauerschnitt von unter tausend werden wir da immer das fünfte Rad am Wagen sein. Aus meiner Sicht ist man da zu euphorisch.

Vor allem Siegfried Dietrich, der Manager der Frankfurter Frauen, begrüßt die Pläne. Er und sein 1. FFC haben im Sommer mit der Eintracht fusioniert. Das erste Duell hat Turbine zuletzt aber 1:0 gewonnen. Haben Sie da Genugtuung verspürt?

Nein, Genugtuung ist immer ein Gefühl von kurzer Dauer. Die Freude hat überwogen. Die Freude, gezeigt zu haben, dass es auch so funktioniert.

Im Gegensatz zum Frankfurter Modell setzen Sie bei Turbine auf die Eigenständigkeit des Vereins.

Wir wollen, dass der Name Turbine erhalten bleibt und mit ihm die Tradition dieses Vereins. Wir werden im nächsten Jahr 50 Jahre. Ich weiß, allein von Tradition kann man nicht leben. Aber ich halte diese Punkte für sehr wichtig für die Entwicklung und den Bestand des Vereins.

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Trotzdem ist der Club vor Saisonbeginn eine Kooperation mit Hertha BSC eingegangen. Wie sieht die inhaltlich aus?

Was wir Schwarz auf Weiß haben, ist die Zusage des finanziellen Engagements für drei Jahre. Außerdem arbeiten wir in Marketingfragen zusammen, hatten ja am Tag der Deutschen Einheit unseren ersten gemeinsamen Auftritt. Auch was das Training oder etwa die medizinische Betreuung angeht, können wir profitieren. Ich würde mir natürlich auch wünschen, dass Hertha in der Tabelle weiter oben steht.

Aus Berlin kam vor der Saison auch Ihr neuer Trainer. Scherzhaft sagten Sie, dass Guardiola und Klopp schon abgesagt hätten. Sind Sie froh, dass es Sofian Chahed geworden ist?

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Bei Sofian hatte ich schon im ersten Gespräch das Gefühl, dass wir schnell eine gemeinsame Sprache gefunden haben. Die Entscheidung für ihn finde ich gut und richtig – unabhängig vom Punktestand. Ich habe den Eindruck, dass die Mannschaft konditionell noch fitter ist. Ich denke, mit Sofian haben wir einen guten Griff gemacht, und hoffe, dass er das auch so sieht.

Wie bewerten Sie die sportliche Situation ein knappes halbes Jahr nach seiner Amtsübernahme?

Wir haben an Punkten geholt, was man holen kann – mit einer Ausnahme. Ich habe nicht mit Siegen gegen Wolfsburg und Bayern gerechnet, auch wenn mich die Höhe der Niederlagen gewurmt hat. Diese beiden Mannschaften haben bis auf die Ersatzbank Spielerinnen in ihren Reihen, die ein Spiel entscheiden können. Was mich richtig ärgert, ist das 2:2 in Meppen. Da gebe ich dem Trainer Recht: Das war eine Kopfsache. Die drei Punkte hätte ich gerne noch gesehen.

Wäre denn Turbine, sieben Jahre nach der letzten Teilnahme, für die Champions League gewappnet?

Die Champions League und der Bekanntheitsgrad in Europa wäre natürlich auch ein Wert für Sponsoren. Die internationalen Vergleiche mit Teams aus England, Frankreich oder Spanien ziehen wieder Menschen an. Wir werden alles tun, um das nicht nur sportlich zu schaffen, sondern auch organisatorisch.

Wird Turbine dafür personell im Winter noch einmal nachlegen?

Wir wollen den Kader nicht aufblähen. Mit Meaghan Nally (steht vor der Rückkehr in USA; Anm. d. Red.) würden wir gerne weitermachen, aber das ist auch ihre Entscheidung. Ansonsten stehen wir seit Langem mit zwei dänischen Abwehrspielerinnen in Kontakt. Große Veränderungen wird es aber nicht geben.

Deutschland will 2027 Mitausrichter der Frauen-Weltmeisterschaft sein. Wird es bis dahin auch wieder deutsche Nationalspielerinnen von Turbine Potsdam geben?

Das sieht man natürlich immer ein bisschen durch die Vereinsbrille. Aber wenn ich an Vanessa Fischer denke, muss ich sagen: Auf der Torwartposition könnten wir immer was anbieten (lacht). So ein sportliches Großereignis im eigenen Land kann eine Triebfeder sein für das Medieninteresse und das Interesse der Mädchen am Fußball. Und ich bin sicher, dass wir in Zukunft auch wieder mehr Nationalspielerinnen stellen werden.