15. Januar 2020 / 19:02 Uhr

Handball-EM: Deutschland auf der Suche nach Emotionen - "Müssen jetzt zeigen, was wir draufhaben"

Handball-EM: Deutschland auf der Suche nach Emotionen - "Müssen jetzt zeigen, was wir draufhaben"

Jens Kürbis
Lübecker Nachrichten
Ein Mann für die 3. Liga? Martin Weiß will den ehemaligen Handball-Bundestrainer Christian Prokop zum TuS Vinnhorst lotsen.
Ein Mann für die 3. Liga? Martin Weiß will den ehemaligen Handball-Bundestrainer Christian Prokop zum TuS Vinnhorst lotsen. © imago images/Agentur 54 Grad
Anzeige

Die deutsche Nationalmannschaft sucht bei der Handball-EM nach ihrer Form. In der am Donnerstag beginnenden Hauptrunde muss sich das DHB-Team deutlich steigern. Die Mannschaft um Trainer Christian Prokop will mehr Emotionen zeigen.

Anzeige

Den Kopf in die Hände gestützt verfolgt Uwe Gensheimer von einem Stehtisch aus die Auslosung der U20-EM. 2006 hatte er mit den deutschen Junioren in Österreich Gold gewonnen, wurde ins All-Star-Team gewählt. Jetzt ist er mit Deutschlands Handballern zurück. EM-Hauptrunde in Wien. Erster Gegner ist am Donnerstag Weißrussland (20.30 Uhr, ARD).

Handball-Bundestrainer Christian Prokop ist als Psychologe gefragt

Gensheimer ist beim Medientermin in der Stadthalle ein gefragter Gesprächspartner. Von Gold und All-Star will er nach der erschreckend schwachen Vorrunde aber nichts wissen. „Wir müssen jetzt zeigen, was wir draufhaben, mehr Emotionen ins Spiel reinbringen, uns gegenseitig pushen, an gelungenen Aktionen hochziehen“, sagt der 33-Jährige und schiebt „das brauchen wir unbedingt“ hinterher. Die Stimme ist dabei leise. Überzeugung hört sich anders an.

Mehr vom SPORTBUZZER

Die demonstriert dafür der Bundestrainer. Christian Prokop spricht mit fester Stimme von „wichtigen Vorrundenerkenntnissen“. Und darüber, dass er für die beiden, hinter den Erwartungen zurückgebliebenen Torhüter Andreas Wolff und Jogi Bitter ein gutes Gefühl habe. Dazu erklärt er, dass er jetzt mehr als Psychologe gefragt sei.

EM 2020: Das ist der Kader der deutschen Handball-Nationalmannschaft

<b>Trainer Christian Prokop </b> hat sich auf 16 DHB-Spieler festgelegt, mit denen er in die Handball-EM 2020 starten wird. Der <b>SPORT</b>BUZZER stellt die Mannschaft vor. Zur Galerie
Trainer Christian Prokop hat sich auf 16 DHB-Spieler festgelegt, mit denen er in die Handball-EM 2020 starten wird. Der SPORTBUZZER stellt die Mannschaft vor. ©

Deutsche Abwehr wackelt bedrohlich: Johannes Golla soll nachnominiert werden

Prokop gibt sich locker. Hier ein flotter Spruch, da ein Scherz. Auch die Kommunikation mit den Spielern scheint intakt. In den ersten Trainingsminuten in der kalten Wiener Nebenhalle nimmt er Spielmacher Paul Drux beiseite, redet lange mit ihm. Prokop ist überzeugt, dass der Turnaround gelingt. „Deutschland ist eine große Handball-Nation. Das wollen wir jetzt zeigen.“ Doch auch sein Pathos kann die bisher dürftigen EM-Auftritte nicht verdecken.

Mehr zur Handball-EM

Da ist die Abwehr samt Torhüter. Und die wackelt bedrohlich. Die Keeper und die Abwehr mit dem Mittelblock Hendrik Pekeler/Patrick Wiencek verdiente sich vor einem Jahr bei der WM das Prädikat Weltklasse. Jetzt sind die beiden allenfalls Mittelmaß. Prokop holt dem Vernehmen nach Johannes Golla (Flensburg) für Marian Michalczik (Minden) ins 16er Team, will so die Abwehr stabilisieren.

Deutsche Leistung bei der Handball-EM: Selbst Experten rätseln

Da ist der Angriff. Drux, Michalczik und Philipp Weber sind mit der Spielführung überfordert. Ins Bild passt die Fehlerzahl. Nur 88 von 129 Würfen fanden bisher das Ziel. Und da ist die Körpersprache. Noch vor zwölf Monaten verbreiteten Wiencek und Pekeler mit jeder Faser ihres Körpers die Aura einer unüberwindbaren Mauer, feierten jede gelungene Aktion. Wiencek beförderte seine Gegner dabei auch schon mal in Wildwestmanier ins Seitenaus. Es war die Erkenntnis: Abwehr ist sexy. Zwölf Monate später ist davon noch nichts zu sehen.

Das gibt selbst Experten Rätsel auf. „Nichts gegen Lettland, aber die schießen wir mit unserer Oldie-Truppe noch weg“, sagt 2006-Weltmeister Markus Baur in Anspielung auf das Zitterspiel gegen die Balten in der Vorrunde (28:27). Für ihn stimmt das Gesamtpaket nicht. „Torhüter und Abwehr funktionieren nicht. Dadurch fehlen die einfachen Tore.“ Der 48-Jährige ist aber sicher, dass es jetzt besser wird: „Die Jungs zeigen das doch Woche für Woche in der Liga. Die müssen nur den Schlüssel umdrehen.“

Die Handball-Europameister seit 1994

Die Handball-Europameisterschaft wird erst seit 1994 ausgetragen. Das sind die bisherigen EM-Gewinner. Zur Galerie
Die Handball-Europameisterschaft wird erst seit 1994 ausgetragen. Das sind die bisherigen EM-Gewinner. ©

Das will Juri Schewzow verhindern. Er ist seit 2009 Coach der Weißrussen. Für ihn ist „Deutschland noch nicht im Turnier angekommen“. Auf das Warum hat er eine vage Antwort: „Deutschland hat viele Ausnahmespieler, aber entscheidend ist die Mannschaft.“ Seine eigene schätzt er als „unberechenbar“ ein. „Und die Weißrussen werden laufen wie die Hasen“, weiß Baur. Das hat auch Prokop im Videostudium ausgemacht: „Das ist eine Geschwindigkeitsmannschaft. Die müssen wir stoppen.“ Wenn nicht, ist der Halbfinaltraum geplatzt.