12. Juni 2020 / 13:33 Uhr

"Müssen zurück in die Öffentlichkeit": Recken-Aufstiegstrainer Frank Carstens würde gern gestern wieder spielen

"Müssen zurück in die Öffentlichkeit": Recken-Aufstiegstrainer Frank Carstens würde gern gestern wieder spielen

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
1. Liga - wir sind dabei: Am 6. Juni 2009 führte Trainer Frank Carstens die Recken im Relegationsrückspiel gegen die TSG Friesenheim in die Bundesliga.
"1. Liga - wir sind dabei": Am 6. Juni 2009 führte Trainer Frank Carstens die Recken im Relegationsrückspiel gegen die TSG Friesenheim in die Bundesliga. © Florian Petrow
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Hannover Frank Carstens führte die TSV Hannover-Burgdorf 2009 in die Handball-Bundesliga und schaffte dann den Klassenerhalt. Danach wechselte er als Trainer zum SC Magdeburg, war zwischenzeitlich in Personalunion Co-Trainer der Nationalmannschaft. Seit 2015 ist der 48-Jährige Coach von GWD Minden. Er gehört zur Trainer-Taskforce für den Neustart der Bundesliga nach der Corona-Pause.

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Leiden Sie schon unter Handballentzug, Herr Carstens?

Wenn Sie die Spieltage meinen, dann ja. Aber wir stehen hier in Minden ja schon seit ungefähr vier Wochen wieder in der Halle, konnten vorbereitendes Handballtraining machen. Und jetzt sind wir im Kleingruppentraining schon wieder bei 100-prozentiger Intensität.

Die Handball-Bundesliga wurde abgebrochen, die Fußballer spielen ihre Saison weiter? Hätte es nicht eine Möglichkeit gegeben, die Saison abzuschließen?

Das müssen in erster Linie diejenigen beurteilen, die auch die wirtschaftliche Verantwortung tragen. Es nützt ja nichts, wenn wir die Saison weiterführen – und das Ganze kann nicht mehr bezahlt werden. Aber klar ist auch: Wir müssen auf dem Radar bleiben, der Handball muss noch wahrgenommen werden. Und dann wäre natürlich ein Zuendebringen, so wie es die Basketballer vorleben, eine Option gewesen. Man wird sehen, wie sich das jetzt im Basketball entwickelt. Auf jeden Fall ist es für uns ex­trem wichtig, dass wir möglichst schnell wieder Wettkämpfe austragen können.

Die Handball-Bundesliga hat eine Taskforce gegründet, Sie sind in der Trainer-Taskforce zusammen mit Flensburgs Maik Machulla, Kai Wandschneider aus Wetzlar und Sebastian Hinze vom Bergischen HC. Wie kam das zustande?

Das war historisch. Ich bin seit 2009 Bundesliga-Trainer und habe es noch nie erlebt, dass sich die Trainer so zusammenschließen. Es ist bemerkenswert, was passiert ist. Das kam zustande, weil wir alle den Eindruck haben, dass der Sport gerade hinter den kaufmännischen Aspekten zurücksteht. Die sportliche Seite muss auch mit am Tisch sitzen. Die Sichtweise der Trainer ist enorm wichtig, weil wir die Sportler ja durch diese schwierige Phase bringen müssen.

Seit 2015 steht Frank Carstens an der Seitenlinie von GWD Minden.
Seit 2015 steht Frank Carstens an der Seitenlinie von GWD Minden. © imago images / Picture Point LE

Der Handball soll möglichst schnell wieder Trainings- und Spielbetrieb aufnehmen. Wie weit sind Sie da?

Wenn ich eines in dieser Corana-Zeit gelernt habe, dann, dass ich keine Ahnung habe. Wir sind alle keine Virologen – und selbst die müssen sich ja permanent korrigieren. Im Moment sieht es positiver aus, als von mir erwartet. Aber wenn Sie jetzt von mir das Datum hören wollen, an dem wir wieder anfangen, dann kann ich Ihnen das nicht sagen. Offiziell steht immer noch der 2. September mit dem Supercup zwischen Kiel und Flensburg. Ob der Termin gehalten wird, ist deshalb schwierig zu sagen, weil es ja bei uns um die Zulassung von Zuschauern geht. In unseren Budgets sind die Zuschauereinnahmen mit die größten Pakete. Das sind alles wirtschaftliche Aspekte.

Und die sportlichen?

Für uns Trainer ist wichtig: Was passiert mit dem Athleten, der bald drei Monate lang nicht handballspezifisch trainiert hat? Jeder, der mal drei, vier, fünf Monate verletzt war, weiß, wie lange es dauert, diese Selbstverständlichkeit der Bewegungen wiederzuerlangen. Im Rehabereich gilt ja die Faustformel: So lange, wie du raus warst, braucht du auch, um wieder reinzukommen. Wir können uns aber keine drei- oder viermonatige Vorbereitungszeit leisten.

Wie arbeiten Sie zurzeit in Minden?

Ich habe sehr dafür geworben, zumindest jetzt schon einzelne Trainingseinheiten handballspezifisch durchzuführen. Wir sind zwar in Kurzarbeit, trainieren aber vier Stunden die Woche. Das hat auch wirtschaftliche Folgen für meinen Klub, er war aber Gott sei Dank bereit, diese Einbußen hinzunehmen zugunsten der Sportler, die am Ende hoffentlich gesünder durch diesen Horrortrip hindurchkommen werden, der dann ja über zwei Jahre geht.

Zwei Jahre?

Die nächste Spielzeit endet am 27. Juni, im Anschluss finden die Olympischen Spiele statt – und dann beginnt sofort die neue Saison. Das heißt, die Topspieler werden 24 Monate am Stück spielen.

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Schauen Sie eigentlich Fußball-Geisterspiele?

Ja klar, unter zwei Aspekten. Erstens, weil ich mich für Fußball interessiere – und zweitens, weil ich mich dafür interessiere, wie die ihr Hygienekonzept umsetzen. Man muss als Trainer ja dazulernen, sonst kann man seine Einheiten nicht durchführen.

Machen die Fußballer das gut?

Im Moment sieht es gut aus. Über die moralische Frage, ein Spiel durchzuführen, will ich hier nicht entscheiden. Aber wir Handballer merken das ja auch: Unseren Beruf können wir im Moment nicht ausüben – das fehlt uns. Wenn ich die Spieler treffe, dann wollen die spielen, auch ohne Zuschauer.

Könnten Sie sich vorstellen, die neue Saison erst mal ohne Zuschauer zu starten?

Ich plane damit, dass wir Anfang September wieder anfangen, aber genauso, dass wir erst am 1. Oktober wieder einsteigen können. Ob mit oder ohne Zuschauer – dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Die Manager, die in erster Linie die Zahlen sehen, sagen: Dann wird es schwierig, alle Rechnungen zu bezahlen. Und der andere Aspekt ist eben: Wir müssen zurück in die Öffentlichkeit. Ich bin Trainer – und meine Meinung zu dem Thema ist: Ich würde gern gestern wieder spielen. Und das ist auch die Meinung aller Trainer und Spieler, wohl wissend, dass das eine Wunschvorstellung ist. Wir leben natürlich nicht auf einer Insel, es geht ja darum, dass das gesamte Geschäft funktioniert. Im Moment ist viel im Fluss, vielleicht entwickeln sich die Dinge positiver als gedacht.

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Kreative Recken-Fans in der Festung! ©

Zu Ihrer Zukunft: Sie haben in Minden bis 2023 verlängert. Was sind Ihre Ziele?

Wir sind ein Ausbildungsverein. Hier ist immer das Ziel, jungen Handballspielern, am besten aus unserem eigenen Verein, den Weg in die Bundesliga zu ermöglichen. Dabei wollen wir natürlich auch sportlich so erfolgreich wie möglich sein. Wir haben in den letzten Jahren auch immer wieder gute Mannschaften gehabt, mit denen wir für Aufmerksamkeit in der Liga sorgen konnten. Mein nächster Wunsch wäre, dass wir es mal schaffen, in den Bereich der einstelligen Tabellenplätze zu kommen.

Sie waren ab September 2011 auch mal für 15 Monate Co-Trainer der Nationalmannschaft unter dem damaligen Bundestrainer Martin Heuberger. Wäre so was noch mal eine Option?

Da habe ich meinen Haken drangesetzt. Nicht, dass das damals ein Fehler war, in der gleichen Situation würde ich das wieder machen. Aber in dem Jahr bin ich um die 200 Tage mit der Nationalmannschaft und Magdeburg unterwegs gewesen. Und in dem Jahr haben wir Zwillinge bekommen, meine Frau hat da schon Enormes geleistet. Wir haben insgesamt vier Kinder, das war schon ein Brett. Was ich mir noch mal vorstellen kann: dass ich in die Trainerausbildung einsteige. Aber eigentlich bin ich Trainer, das ist mein Leben.

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Morten Olsen schraubt sich zum Kopfball in die Luft. ©

Wie bewerten Sie das Abschneiden Ihres Ex-Klubs Burgdorf?

Seit Sie 2009 mit der TSV aufgestiegen sind, behauptet sie sich in der Bundesliga. Die Entwicklung in Burgdorf ist überragend. Die Erfolge sprechen für sich. Hannover-Burgdorf ist ein Bundesliga-Standort geworden, mit einem super Unterbau, mit sehr guter Jugendarbeit. Immer wieder dringend auch dort junge Spieler in die erste Mannschaft hinein.

Können die Recken den Weggang von Timo Kastening und Morten Olsen, den beiden überragenden Spielern der abgebrochenen Saison, verkraften?

Uff. Bei aller Wertschätzung für Timo: Einen Rechtsaußen zu ersetzen, muss gehen. Aber Morten Olsen in der Form … für mich war das der beste Morten Olsen, der je in Deutschland gespielt hat. Das aufzufangen ist eine schwierige Aufgabe. Aber Hannover hat schon öfter solche Situationen gehabt. Kai Häfner ist gegangen und wurde hervorragend ersetzt, Carlos Ortega macht gute Arbeit und hat immer wieder Lösungen gefunden.