24. Juli 2020 / 13:48 Uhr

Wer kann in seine Fußstapfen treten? Hannovers Handball sucht den nächsten Kastening

Wer kann in seine Fußstapfen treten? Hannovers Handball sucht den nächsten Kastening

David Lidón
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Timo Kastening (links) hat die Gegner
 mit den Recken oft schwindelig gespielt –hier ist Erlangens Nikolai Link überfordert.
Timo Kastening (links) hat die Gegner mit den Recken oft schwindelig gespielt –hier ist Erlangens Nikolai Link überfordert. © Florian Petrow
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Timo Kastening hat die TSV Hannover-Burgdorf verlassen und ist zur MT Melsungen gewechselt. Hannovers Handball ist nun auf der Suche nach dem nächsten Supertalent, das Stammspieler bei den Recken werden kann. Allerdings stehen viele Vereinsverantwortliche aus der Region diesem Vorhaben skeptisch gegenüber.

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Zugegeben, Timo Kaste­ning ist im Schaumburger Land geboren und aufgewachsen. Doch nach seiner Zeit beim TSV Barsinghausen wechselte er noch als C-Jugendlicher zur TSV Hannover-Burgdorf und ist in den meisten Köpfen als das lokale Regionstalent bei den Recken verankert gewesen. Nun hat der 25-Jährige Hannover verlassen und ist zur MT Melsungen gewechselt, doch wer kann der nächste Kastening werden? Burgdorfer Talente wie Veit Mävers, Jannes Krone und Hannes Feise könnten in seine Fußstapfen treten, doch diesen einen großen Hoffnungsträger aus der Region Hannover, der sich ganz sicher bei den Recken etablieren wird, gibt es zurzeit nicht.

"Da nehmen sich die größeren Vereine untereinander die Spieler schon in jungen Jahren weg"

Lars Denz, der Spartenleiter des Lehrter SV, sieht darin ein Problem, dass die Vereine im Jugendbereich nicht wirklich zusammenarbeiten, um das nächste Toptalent hervorzubringen. „Natürlich herrschen da Interessenkonflikte“, sagt er. Es gebe zu viele Handballmannschaften in der Region Hannover, sie sei zahlenmäßig die stärkste in ganz Deutschland. „Da nehmen sich die größeren Vereine untereinander die Spieler schon in jungen Jahren weg“, sagt Denz. Häufig kämen schwere Verletzungen bei den Talenten hinzu, die dann abwägen müssen, ob sie es riskieren können, eine Profikarriere im Handball einzuschlagen oder doch lieber den gewöhnlichen Weg über Studium oder Ausbildung gehen.

In Vinnhorst, Anderten und Burgdorf wird laut dem Lehrter Abteilungschef zwar eine gute Jugendarbeit geleistet, in den Folgejahren wechseln viele ambitionierte Spieler aber zu häufig den Verein. Das sei seiner Meinung nach aber auch kein Wunder, wenn man sieht, was einige Oberligisten jungen Handballern als Handgeld zahlen. „Wir in Lehrte hingegen haben kaum Geld zur Verfügung, und die Sponsoren in der Region sind beim Thema Handball nicht so offen“, sagt Denz. „Das wird durch Corona natürlich nicht besser werden.“ Stand jetzt werde der LSV bei den Heimspielen der nächsten Saison aufgrund der Bestimmungen mit 50 Prozent weniger Zuschauern leben müssen, „das ist ein großer Einschnitt“. In den nächsten vier bis fünf Jahren sieht Denz jedenfalls keinen Spieler aus der Region, der es in die Bundesliga schaffen und ähnlich stark werden kann wie Kastening.

Die Laufbahn von Timo Kastening in Bildern

Timo Kastening wechselt als Jugendspieler 2008 vom TSV Barsinghausen in den Recken-Nachwuchs. Dieses Bild zeigt ihn 2011. Zur Galerie
Timo Kastening wechselt als Jugendspieler 2008 vom TSV Barsinghausen in den Recken-Nachwuchs. Dieses Bild zeigt ihn 2011. ©

Zu viele Profiligen?

Dass es in Deutschland drei Profiligen gebe, ist für Gerd Köhler aus dem Vorstand des HV Barsinghausen ein Hindernis dafür, dass sich viele einheimische Jugendspieler mit Begabung durchsetzen. „Dadurch entsteht ein Sog, in dem Talentstaubsauger ganze Regionen leerpusten“, sagt er. Viel zu früh würde eine Entwurzelung stattfinden, die Youngster dann in die Internate nach Nettelstedt, Hamburg oder Berlin bringt.

Der Deisterstädter betont, dass es nur noch wenige Vereine gibt, die mit Lokalkolorit punkten könnten. „Als wir Timo und Marius Kastening nach Barsinghausen geholt hatten, konnten sie sich in Ruhe weiterentwickeln, um dann in Burgdorf den nächsten Schritt zu machen“, sagt Köhler. Talent will gepflegt werden, sagt der HVB-Offizielle. Eiserner Wille und Selbstdisziplin sind seiner Meinung nach ebenso wichtige Tugenden, um es nach ganz oben zu schaffen. Stark am Ball sein allein reicht nicht aus, um sich durchsetzen zu können. Für ihn gebe es einige Trainersöhne, die es in den nächsten Jahren weit bringen könnten. Der Nachwuchs von Robin Ko­the, Heidmar Felixson oder Andrius Stelmokas hätte das Zeug, groß rauszukommen.

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Gut vernetzt und verdrahtet

Mit Malte Semisch hat es ein Talent aus der Jugend des MTV Großenheidorn schon in die Bundesliga geschafft, sagt Bertrand Salzwedel aus dem Arbeitskreis Handball der Heidorner. Mittlerweile ist der Torwart von den Recken aber weitergezogen und kam über die Füchse Berlin zu GWD Minden. Der Erstligist aus Burgdorf sei einfach gut vernetzt und auch gut verdrahtet im Verband, „die wissen genau, wer da auf den Feldern rumläuft“. Früh werden die Talente zur TSV weggezogen. Konkurrenz gebe es lediglich beizeiten in Hildesheim, wenn die Eintracht zweite Liga spielt, selten werben auch die Mindener einige Juwelen aus der Region Hannover ab. „Wenn die Bundesligisten dann aber die Wahl haben zwischen einem 27-jährigen Kroaten, der etwas besser ausgebildet ist als ein 18-jähriger Rechtsaußen aus der Region, dann wird Erstgenannter bevorzugt“, sagt Salzwedel.

Eines darf aber auch nicht vergessen werden: Der Sprung in die stärkste Handballliga der Welt ist immens, sagt der Heidorner. Die Erstligisten hätten 16 bis 20 Plätze im Team, da wird die Luft dann dünn für die lokalen Jungs. Der Kategorie Bundesliga-Spieler in Deutschland anzugehören, sei ein weiter und schwieriger Weg. Einer, der es schaffen könnte vom MTV, sei Sven Bretz, sagt Salzwedel. Von der GIW Meerhandball ging es für den 20-Jährigen nach Nettelstedt, wo er Jugend-Bundesliga spielte. Nun ist er wieder in Großenheidorn. „Sven ist ein Mann der Zukunft. Er bringt alles mit und kann für Höheres berufen sein“, sagt der MTV-Sprecher. Doch die Fußstapfen von Timo Kastening sind sehr groß – es bleibt abzuwarten, ob es in den nächsten Jahren ein Talent aus der Region in die Stammformation der Recken schaffen wird.