11. Januar 2019 / 18:12 Uhr

Handball-WM: Brandenburger Trio als Sehbehinderten-Reporter im Einsatz

Handball-WM: Brandenburger Trio als Sehbehinderten-Reporter im Einsatz

Lars Sittig
Als Sehbehinderten-Reporter bei der WM im Einsatz, Philipp Rother (l.) und Broder-Jürgen Trede begleiteten das Eröffnungsspiel. 
Als Sehbehinderten-Reporter bei der WM im Einsatz, Philipp Rother (l.) und Broder-Jürgen Trede begleiteten das Eröffnungsspiel.  © Philipp Dienberg
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Handball-WM: Erstmals gibt es in den Hallen spezielle Live-Reportagen für Zuschauer mit eingeschränktem Sehvermögen.

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In der 12. Minute wurde die Situation unübersichtlich, in der Mercedes-Benz-Arena setzte allgemeines Rätseln ein: Für Philipp Rother war Schwerstarbeit angesagt, als er den Überblick behalten musste: „Die rote Karte für das koreanische Team war die kniffligste Szene des Abends, ich habe intensiv geschildert, was passiert ist, aber es war ein ganz schönes Durcheinander auf dem Spielfeld“, berichtet der Beelitzer. Rother war am Donnerstagabend beim Eröffnungsspiel der Handball-Weltmeisterschaft zwischen Gastgeber Deutschland und dem Team Korea maßgeblich an einem wichtigen Schritt in Sachen gesellschaftlicher Gleichbehandlung und Barrierefreiheit beteiligt: Der 30-jährige gehörte zu einem Duo, das als Sehbehinderten-Reporter erstmals ein Handball-WM-Spiel begleitete.

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„Das war natürlich auch für uns sehr, sehr aufregend und intensiv“, sagt der Brandenburger, der zwar seit 2011 Spiele des Fußballclubs 1. FC Union für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen wortreich begleitet – die Ereignisdichte eines Handballspiels aber ist schon wegen der sehr viel höheren Trefferzahl ungleich höher. Jubel, Empörung – der Geräuschpegel schlägt gerade in turbulenten Situationen enorm aus. Rother und seine Reporter-Kollegen, zu denen unter anderem auch die beiden Bad Belziger Peter Lomb und Tobias Potratz gehören, werden sozusagen als Mittler eingesetzt, um per Sprache einen Spielfilm zu inszenieren. Eine Partie pro WM betreut jeder des Trios auf Honorarbasis. Initiatoren sind der Deutsche Handball-Bund, die Aktion Mensch und die Arbeiter-Wohlfahrt (AWO) mit ihrem Projekt T_OHR für Sehbehinderten- und Blindenreportage in Gesellschaft und Sport.

Philipp Rother: "Man muss immer sehr aufmerksam sein"

Das Feedback der 35 Nutzer des Services in der Mercedes-Benz-Arena, die mit einer Begleitperson per Kopfhörer über das Spielgeschehen in Szene gesetzt wurden, fiel positiv aus. Sven Bartlau aus Würzburg etwa befand: „Ich finde es wirklich toll, dass so etwas angeboten wird. Es ist mein erstes Handballspiel und ich hätte nicht gedacht, dass ich durch die Reportage so viel vom Spielgeschehen mitkomme.“

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Fortsetzung folgt: Am Sonnabend kommentierten Peter Lomb und Tobias Potratz die Begegnung Deutschland gegen Brasilien. Beide haben jahrelange Erfahrung als Sehbehinderten-Reporter gesammelt – Lomb beim Handball-Bundesligisten SC DHfK Leipzig, Potratz kommentiert mit Rother gemeinsam Spiele der Eisernen. Ein Reporterteam besteht aus zwei Kollegen. „Einer der Unterschiede ist, dass wir uns beim Fußball alle fünf Minuten abwechseln, aber das Handballspiel nach den Angriffen der Mannschaften aufgeteilt haben. Da der Ballbesitz sehr schnell wechseln kann, muss man immer sehr aufmerksam sein“, berichtet Rother.

Reportagen für Sehbehinderte sollen zum Standard werden

Die Kommentare werden per Kopfhörer zu den Nutzern transportiert. Um sich für den Einsatz während der WM vorzubereiten, kommentierte Rother Szenen der Vorbereitungsspiele des DHB-Teams auf der heimischen Couch. Als Mitarbeiter der Untertitel-Redaktion der ARD kennt sich der 30-Jährige außerdem mit der Verknüpfung von Bild und Sprache bestens aus.

Insgesamt werden bei der WM, die bis zum 27. Januar in Dänemark und der Bundesrepublik ausgetragen wird, acht Partien für Sehbehinderte aufbereitet – fünf Vorrundenspiele in Berlin und drei Duelle der Hauptrunde in Köln. Wenn es nach Projektleiter Florian Schneider geht, soll dieser Service zur Normalität werden. „Durch die demographische Entwicklung wird sich die Zahl der potenziellen Nutzer der Reportagen in den kommenden Jahren spürbar erhöhen“, sagt Schneider, „dann werden Reportagen für Sehbehinderte zum Standard. Wir bringen im Moment etwas auf den Weg, das wir in den kommenden Jahrzehnten verstärkt brauchen werden.“ Rund 1,2 Millionen Blinde oder stark seheingeschränkte sind derzeit in der Bundesrepublik erfasst – Tendenz wegen der zunehmend höheren Lebenserwartung steigend.

Rother besteht Feuertaufe

Philipp Rother würde auch in Zukunft bei Handballspielen weiter am Mikrophon sitzen und die Hallen-Atmosphäre mit der Handlung der Partien für Zuschauer mit Handicap wortreich verweben. „Es geht auch darum, diesen Service als etwas Selbstverständliches anzubieten“, sagt das Vereinsmitglied der SG Blau-Weiß Beelitz, „dass man als sehbehinderter Mensch weiß, ich kann ein Handballspiel besuchen und teilhaben.“ Seine Feuertaufe hat der Märker jedenfalls bestanden, nach dem Durcheinander auf dem Spielfeld in der 12. Minute.

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