25. Januar 2023 / 22:47 Uhr

"Luft ausgegangen" in zweiter Halbzeit: Deutschland scheitert im WM-Viertelfinale an Frankreich

"Luft ausgegangen" in zweiter Halbzeit: Deutschland scheitert im WM-Viertelfinale an Frankreich

Jens Kürbis
Lübecker Nachrichten
Für die deutschen Handballer um Kapitän Johannes Golla (Zweiter von rechts) war im WM-Viertelfinale gegen Frankreich Endstation.
Für die deutschen Handballer um Kapitän Johannes Golla (Zweiter von rechts) war im WM-Viertelfinale gegen Frankreich Endstation. © Jan Woitas/dpa
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Der WM-Traum ist für die deutschen Handballer geplatzt. Im Viertelfinale der Weltmeisterschaft in Polen und Schweden war für das DHB-Team gegen das favorisierte Frankreich Endstation. Bis in die zweite Hälfte hinein hatten die Deutschen jedoch gute Aussichten auf den Halbfinal-Einzug.

Alfred Gislason tanzte an der Seitenlinie wie Rumpelstilzchen auf Speed. Es fuchtelte wild mit den Armen, ging bei jedem Wurf mit dem Oberkörper mit, ballte die Faust bei jedem Tor. Doch nach einer furiosen, ersten Halbzeit, 45 Minuten auf Augenhöhe, wurde er immer ruhiger. Der Traum von einer Medaille ist geplatzt. Deutschlands Handballer sind raus aus dem WM-Wettrennen, spielen nach der 28:35 (16:16)-Viertelfinalniederlage gegen Frankreich nur noch um die Plätze fünf bis acht. Der Rekordweltmeister und Olympiasieger war eine Nummer zu groß.

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"Das war ein großer Kampf von uns, wir nutzen die freien Chancen nicht, um ins Halbfinale zu kommen. Das Ergebnis fällt am Ende zu hoch aus. Der Weg zurück in die Weltspitze ist noch weit", war Kapitän Johannes Golla enttäuscht. Auch Gislason fand, dass "uns in der zweiten Halbzeit die Luft ausgegangen ist. Da waren einige Jungs ganz schön leer. Entscheidend war: Wir bringen zu viele Chancen nicht unter. Trotzdem bin ich sehr stolz auf die Jungs."

Kurz vor dem Viertelfinale wurde der französische Handball von einem Skandal erschüttert. Der Sender France Info hatte enthüllt, dass Bruno Martini (52), Weltmeister von 1995 sowie 2001 und aktuell Präsident der französischen Handball-Liga, wegen des Verdachts des Missbrauchs Minderjähriger und des Besitzes kinderpornografischer Aufnahmen strafrechtlich verfolgt wird. Der ehemalige Torhüter, der zuletzt 2009 beim THW Kiel spielte, soll laut Pariser Staatsanwaltschaft nach zwei Tagen im Polizei-Gewahrsam die Vorwürfe eingeräumt und einer einjährigen Bewährungsstrafe zugestimmt haben. Frankreichs Sportministerin Amélie Oudéa-Castéra zeigte sich "zutiefst schockiert", forderte schnelle Konsequenzen.

Wolff anfangs mit starken Paraden

Frankreich, die Grande Nation. Bundestrainer Alfred Gislason wäre der Übermacht gern aus dem Weg gegangen. Für ihn ist es "der schwerstmögliche Gegner. Die sind super besetzt, in der Breite überragend besetzt. Da müssen wir ein überragendes Spiel machen, um eine Chance zu haben." Erst einmal mussten sich beide Mannschaften in Geduld üben, denn im Viertelfinale zuvor wollten Spanien und Norwegen nicht gewinnen, brauchten zwei Verlängerungen, ehe die Iberer 35:34 siegten. Die Partie der Deutschen begann so 22 Minuten später.

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Doch die DHB-Auswahl war in der nicht mal zur Hälfte gefüllten Ergo-Arena von Danzig hellwach, spielte sich immer besser in die Rolle des David hinein. Und das mit einem nahezu fehlerlosen Angriff, einer stabilen Deckung und vor allem einem Andreas Woff in Galaform. Mit stellenweise akrobatischen Paraden war er der Turm in der Abwehrschlacht. Und vorn fassten die Deutschen mit jedem Angriff, jedem Tor immer mehr Mut. Spielmacher Juri Knorr packte im für ihn bisher größten Spiel seiner Karriere aus seinem Werkzeugkasten erneut seine ansatzlosen Peitschenwürfe aus, ging auf Nahtstellen, setzte seine Nebenleute wie die Kreisläufer Johannes Golla und Christoph Steinert in Szene. Und immer wieder biss der Wolff zu – allein bis zur Pause zehnmal. Weltklasse! Die Überirdischen aus Frankreich waren plötzlich geerdet, als Deutschland nach gut einer Viertelstunde auf vier Plus enteilt war (11:7). Der Glaube an die Sensation war da. Aber: Drei, vier Ballverluste – der Vorsprung war dahin. Die Partie nun rassig, mit einem hohen Tempo – ein Spiel auf Augenhöhe

Deutschland leistet sich zum Ende hin zu viele technische Fehler

Auch nach der Pause nahmen die Deutschen das Herz in die Hand, machten die fehlende Erfahrung mit Kampf wett (19:17). Doch mehr und mehr wurde der eingewechselte Franzosen-Keeper Remi Desbonnet zum Faktor. Mit dem "Man of the match", seinen 14 Paraden, fast 50 Prozent abgewehrter Bälle, drehte der Rekordweltmeister das Spiel, clever, abgezockt. Gut neun Minuten vor dem Ende war Frankreich auf 29:24 enteilt – die Entscheidung. Am Ende war es eine bittere Lehrstunde, fast so wie bei Französisch für Anfänger.

Unterm Strich bleibt: Die DHB-Auswahl hat seit sieben Jahren, seit Olympia 2016, kein K.o.-Spiel gewonnen. Jetzt heißt es erneut Sachen packen. Nach 48 Stunden in Danzig, geht es am Donnerstag um 10.30 Uhr mit dem Flieger weiter nach Stockholm, wo am Freitag das erste Platzierungsspiel gegen Ägypten ansteht. Dann entscheidet sich, ob Deutschland am Sonntag - erneut in Stockholm - um Platz fünf oder sieben spielt.

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