26. Januar 2021 / 06:00 Uhr

DHB-Präsident Andreas Michelmann über Handball-WM in Corona-Zeiten: "Absage war niemals eine Option"

DHB-Präsident Andreas Michelmann über Handball-WM in Corona-Zeiten: "Absage war niemals eine Option"

Jens Kürbis
Lübecker Nachrichten
DHB-Präsident Andreas Michelmann verteidigt im SPORTBUZZER-Interview die Durchführung der Handball-WM - trotz des Corona-Virus.
DHB-Präsident Andreas Michelmann verteidigt im SPORTBUZZER-Interview die Durchführung der Handball-WM - trotz des Corona-Virus. © Imago Images/VIADATA/Holger John (Montage)
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Nach dem Verpassen des Viertelfinals bei der WM in Ägypten spricht Andreas Michelmann, Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB), im SPORTBUZZER-Interview über das deutsche Abschneiden, die Pandemie-Situation und die Olympischen Spiele.

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Andreas Michelmann, WM-Viertelfinale verpasst– ein zufriedener Präsident können Sie nicht sein?

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Erst einmal ziehe ich den Hut vor der Mannschaft. Arg dezimiert und neu zusammengestellt hat sie sich gut verkauft. Ja, das Ziel wurde verpasst, aber es fehlte nicht viel. Für unseren Bundestrainer Alfred Gislason war es aber zudem eine wichtige Erkenntnis, mit wem er in die Olympia-Qualifikation und dann, so hoffen wir, auch in die Tokio-Spiele gehen kann.

Wer hat Sie positiv überrascht?

Philipp Weber hat gezeigt, dass er auf dem besten Weg zu internationaler Klasse ist. Mit Marian Michalczik und Juri Knorr haben wir zwei junge Spieler dahinter. Und: Johannes Golla hat untermauert, dass er bei der Dichte an guten Kreisläufern, die wir haben, konkurrenzfähig ist.


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Seit Olympia-Bronze 2016 kann das Team die Erwartungen nicht erfüllen. Wie wichtig sind die Spiele und ein Erfolg in Tokio?

Es wird langsam wieder Zeit, einen Erfolg einzufahren. Da es für mich aktuell keinen Topfavoriten gibt und wir noch große Reserven haben, halte auch ich Gold für ein realistisches Ziel. Wir brauchen jetzt Olympia, um wieder die Kurve nach oben zu bekommen.

War es richtig, an der WM teilzunehmen?

Es war alternativlos. Eine Absage war niemals eine Option. Wir hätten uns in der Handball-Welt isoliert, das Recht auf eine Teilnahme an den nächsten vier Weltmeisterschaften verwirkt – auch die Austragung der Junioren-WM 2023, der Frauen-WM 2025 und der Männer-WM 2027 aufs Spiel gesetzt. Ich kann die Sorgen verstehen, aber die WM ist bis auf Norwegen und Dänemark nirgends so diskutiert worden, wie bei uns.

Doch der Gegenwind kam auch aus dem Handball-Lager...

Ein großer Teil der Bundesligisten war sogar dagegen. Dass wir als Verband gegen gehalten uns durchgesetzt haben, werte ich als Erfolg. Im Übrigen finde ich es respektlos, aus der Ferne Urteile über die Sicherheit vor Ort abzugeben.

War denn die Impfung von Team und Staff ein Thema?

Wir haben im Vorfeld kurz darüber diskutiert, denn wir sind auch verantwortlich für die Gesundheit all unserer Delegationsmitglieder. Den Gedanken haben wir aber sehr schnell verworfen. Erstens aufgrund der Knappheit des Impfstoffes. Zweitens gibt es die Einschätzung unserer Experten, wonach es in Deutschland bei 3000 infizierten Leistungssportlern bisher nur einen schweren Fall gab. Somit war eine bevorzugte Impfung nicht verantwortbar.

Fühlen Sie sich denn sicher in der Blase?

Zu jeder Zeit. Kellner, Köche, das komplette Personal – alle tragen Maske, leben auch mit uns in der Blase. Wir sind jeden Tag getestet worden. Wenn es Kritik oder Wünsche gab, wurde sofort nachjustiert. Besser kann man es kaum machen. Wir sind hier sicherer als im Supermarkt zu Hause oder zu Spielen der Handball-Bundesliga. Es war auch richtig, diese WM in Pandemie-Zeiten durchzuführen. Die Frauen haben es mit der EM in Dänemark bereits vorgemacht, dass es funktioniert. Da hat nur kaum einer hingesehen. Außerdem: Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben, und dafür braucht es auch Pioniergeist und Kreativität.

Es gab aber ein Spiel mit vier infizierten Spielern. Hatten Sie nie Angst, dass die Blase platzt?

Nein, hatte ich nicht. Denn von den Spielern ging nach den Einschätzungen der Experten vor Ort keine Ansteckungsgefahr mehr aus. Alle Fälle wurden von außen in die Blase hineingetragen und haben sich als sogenannte Altfälle erwiesen. In der Bubble selbst hat sich keiner infiziert. Sie ist sicher.

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Also gibt es keine Lehren für folgende Wettkämpfe? Stichwort Olympia.

Doch, sogar eine ganz wichtige. Alle Beteiligten müssen, bevor sie in die Blase eintreten, mehrere Tage isoliert werden. Dänen, Franzosen, auch wir haben das zum Beispiel so gemacht. Kap Verde und die USA hatten die Erfahrungen offenbar nicht.

Stichwort Strukturreform. Hat Corona den Verband ausgebremst?

Wir haben der Situation angemessen reagiert, wollen die Ligen und Verbände jetzt nicht weiter belasten. Wir haben deshalb das Thema Mitgliederentwicklung vorgezogen. Nach dem Aufschwung durch die WM 2019 hatten wir coronabedingt bei den Mitgliederzahlen einen massiven Einbruch. Wir investieren deshalb 500.000 Euro extra, um die Landesverbände bei der Bildung neuer Stellen zu unterstützen und auch hier in den nächsten zwei, drei Jahren die Kurve wieder nach oben zu drehen.

Und wo setzten Sie den Schwerpunkt beim Thema Leistungssport?

Zunächst im Frauen-Handball. Wir wollen die Strukturen so verändern, dass wir bis zur WM 2025 im eigenen Land erfolgreich sind und das nachhaltig. Konkret heißt das: Wir werden in der Entwicklung von Toptalenten einen anderen Weg als bei den Männern einschlagen und in Richtung Zentralisation gehen.