15. Januar 2019 / 22:14 Uhr

Drama: Deutschland verspielt Sieg gegen Frankreich - Hauptrunde trotzdem erreicht

Drama: Deutschland verspielt Sieg gegen Frankreich - Hauptrunde trotzdem erreicht

Jens Kürbis
Lübecker Nachrichten
Deutschland hat gegen Frankreich hart gekämpft - und trotzdem nur ein Remis gegen den Weltmeister erreicht.
Deutschland hat gegen Frankreich hart gekämpft - und trotzdem nur ein Remis gegen den Weltmeister erreicht. © imago/Eibner
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Was für ein Drama: Deutschland liefert gegen Weltmeister Frankreich ein Spektakel ab, erreicht trotz zwischenzeitlicher Drei-Tore-Führung trotzdem nur ein Remis. Das 25:25 reicht trotzdem für die Qualifikation zur nächsten Runde.

Noch drei Sekunden. Freiwurf Frankreich. Die Spieler der Equipe Tricolore besprechen sich für den finalen Wurf. Timothey N’Guessan wird angespielt, steigt hoch, verzögert, wirft. Hart, gerade, über den Block. Andreas Wolff wählt die andere Ecke. Tor, Schockstarre. 25:25 (12:10). Einen Tag nach dem Remis gegen Russland verliert Deutschland wieder einen Zähler in letzter Sekunde. Doch das Unentschieden, es fühlt sich diesmal wie ein Sieg an. Gegen die scheinbar übermächtigen Franzosen hatte daran kaum einer geglaubt. Deutschlands Handballer wissen nun: Bei dieser Heim-WM ist alles möglich. Fabian Wiede: „Wir haben gezeigt, dass wir mit allen mithalten können – egal, wer da kommt. Deshalb müssen wir jetzt nach vorne schauen und weitermachen.“

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Der Kommentar zum Remis gegen Frankreich

Bundestrainer Prokop: "Irgendwann werden wir uns belohnen"

„Danke an meine Mannschaft, danke an Berlin. Wir haben gefightet um jeden Zentimeter, wir haben als Team zusammengestanden, wir haben Stresssituationen gemeistert und wir sind überglücklich, dass wir dem Weltmeister einen Punkt abluchsen konnten“, sagte Bundestrainer Christian Prokop. „Wir nehmen viel Selbstvertrauen mit. Irgendwann werden wir uns belohnen.“

Brasilien hatte die Steilvorlage gegeben, Russland mit 25:23 bezwungen. „Das war Beistand von oben“, bemerkte DHB-Präsident Andreas Michelmann. Das Remis gegen Russland ist damit so gut wie weggewischt, der Abflug zur Hauptrunde nach Köln gebucht.

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Der große Überblick: Wer steht auf Schlager? Warum trägt Matthias Musche einen Vollbart? So tickt die deutsche Handball-Nationalmannschaft! Klickt euch durch. ©

Deutscher Traumstart wird mit Halbzeit-Führung belohnt

Frankreich, der Titelverteidiger, hatte sich bis dato durchs Turnier gemüht – wie ein gutes Pferd. Das springt nur so hoch, wie es gerade muss. Ein Sieg mit Mühe und Not gegen Brasilien, die Pflicht gegen Serbien, 20 gute Schlussminuten gegen Korea. Es hatte gereicht, um mit weißer Weste ins Gipfeltreffen gegen Deutschland zu gehen. Das im übrigen noch ohne Nikola Karabatic stattfand. Zweieinhalb Monate nach seiner schweren Fuß-Operation hatte Cheftrainer Didier Dinart seinen blitzgenesenen Superstar nachgeholt.

Der sah von der Tribüne aus einen deutschen Traumstart – Jannik Kohlbacher und Steffen Fäth mit den ersten Toren, Andreas Wolff mit den ersten Paraden. Und 13 500 entfachten einen Sturm. So als wollten sie das Dach wegsprengen. Nicht nur jedes Tor, jeder Block, jedes Klammern, einfach jede positive Aktion wurde gefeiert, als ginge es bereits um Gold. Die Abwehr: bissig, leichtfüßig. Allen voran Patrick Wiencek. Der Kieler ging seine Gegner derart kompromisslos an, als wollte er die französische Attacke allein stoppen. Gepaart mit Hendrik Pekelers strategisch-klugem Verschieben – ein Pfund. Die Partie: nicht immer schön, etwas hektisch und mit leichten Fehler behaftet, aber von einer unheimlichen Intensität. Bis zum 5:5 (20.) war die Partie einer Choreografie der feinen Balance gefolgt. *Mal trafen die Deutschen, mal die Franzosen. Bis die Deutschen mit 10:7 (28.) führten. *

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Kein schönes Spiel, aber hochdramatisch

Das lag vor allem daran, dass sich Fabian Wiede nach unglücklichem Start ein Herz fasste, auf die Nahtstellen ging und auch aus dem Rückraum traf. Es lag auch an Regisseur Martin Strobel, der nicht nur Tempo ins Spiel brachte, sondern auch Torgefahr. Bis dato seine beste WM-Partie. 12:10 zur Pause – der Dreiklang aus Abwehr, Torhüter und Tempospiel, es war Musik in den Ohren der Fans.


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Es blieb ein Spiel, das hochdramatisch, aber nicht schön war. Die mangelnde Schönheit war darin begründet, dass beide Teams in der Abwehr eine nahezu unüberwindbare Wand errichtet hatten. Partien mit zwei derart starken Abwehrreihen werden meist durch Einzelaktionen entschieden. *Einem Torwart in Hochform, oder Torschützen – wie Strobel. Er war es, der mit seinen Treffern weiterhin für die Balance sorgte. *

Nur, damit war er aus dem Rückraum lange allein. Steffen Fäth wirkte verunsichert. Fabian Böhm, Paul Drux, der Strobel als Regisseur ablöste, und Wiede machten es besser. In der Partie zweier vom absoluten Willen beseelter Teams, hielt die Balance, bis Deutschland ein 22:20 vorlegte. Da waren noch acht Minuten zu spielen. Das Zwei-Tore-Plus hielt bis drei Minuten vor Schluss. Beinahe tragisch: Böhm, bis dato stark, scheiterte frei vom Kreis an Keeper Gerard, dann passte er 30 Sekunden vor Schluss ins Leere. Es war Handball mit Herz, am Ende fehlte nur das Quäntchen Glück.