13. Januar 2021 / 17:38 Uhr

Handballer aus der Region blicken mit gemischten Gefühlen auf die WM in Ägypten

Handballer aus der Region blicken mit gemischten Gefühlen auf die WM in Ägypten

Filip Donth
Göttinger Tageblatt
Nach der erfolgreichen EM-Qualifikation geht es für Kapitän Uwe Gensheimer mit der deutschen Nationalmannschaft direkt zur WM nach Ägypten.
Nach der erfolgreichen EM-Qualifikation geht es für Kapitän Uwe Gensheimer mit der deutschen Nationalmannschaft direkt zur WM nach Ägypten. © Marius Becker/dpa
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Spieler und Trainer aus der Region werden sich die Spiele der deutschen Nationalmannschaft bei der Handball-Weltmeisterschaft in Ägypten anschauen – auch wenn Trainer Alfred Gislason auf einige Leistungsträger verzichten muss. In einer Umfrage haben sie sich zu den Titelkämpfen geäußert.

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Zum zweiten Mal in der Geschichte wird eine Handball-Weltmeisterschaft auf ägyptischem Boden ausgetragen. Am Mittwoch eröffnet der Gastgeber das Turnier gegen Chile (18 Uhr). Zum ersten Mal spielen 32 statt 24 Mannschaften um den Titel. Und ebenfalls zum ersten Mal wird um den Weltpokal gekämpft, während eine internationale Pandemie wütet.

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Aufgrund dessen haben mit Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler, Steffen Weinhold und Finn Lemke gleich vier Leistungsträger der deutschen Mannschaft abgesagt. Ihre Entscheidung schlug medial hohe Wellen. Bei anderen Teilnehmer-Nationen gab es kaum coronabedingte Absagen. Als Favorit kann die deutsche Auswahl beim WM-Debüt von Bundestrainer Alfred Gislason, der zusätzlich noch auf verletzte Spieler verzichten muss, wohl nicht gelten. Zusätzlich für Gesprächsstoff sorgten zuletzt Pläne des Turnierausrichters, Zuschauer bei den Spielen zuzulassen. Nach lautstarkem Protest der Spieler, wurden diese Überlegungen am vergangenen Sonntag verworfen.

Bei all den Absagen auf deutscher Seite und Streitereien über Zuschauer auf den Rängen kommt schwerlich Vorfreude auf diese Weltmeisterschaft auf. Wir haben uns bei Handballerinnen und Handballern aus der Region umgehört: Sollte das Turnier unter den derzeitigen Bedingungen ausgetragen werden? Lohnt sich das Einschalten, obwohl Leistungsträger in der Heimat bleiben? Und welche Chancen haben die deutschen Handballer beim Turnier in Ägypten?

Viel hängt vom Hygienekonzept ab

Lennart Versemann, Trainer der Oberliga-Damen des MTV Geismar: „Auf den ersten Blick finde ich es schon kritisch, in dieser Zeit eine Weltmeisterschaft auszutragen. Allerdings hängt es stark von dem Hygienekonzept in Ägypten ab. Bei der Europameisterschaft der Frauen in Dänemark im Dezember, bei der es vor Ort keine Corona-Fälle gab, hat der Handball, wie ich finde, ein sehr positives Bild abgegeben und somit einen sicheren Eindruck hinterlassen. Deshalb würde ich auch jetzt auf ein sicheres Hygienekonzept vertrauen und erachte die Austragung als gerechtfertigt. Durch die Austragung wird dem Handball auf jeden Fall mehr Präsenz und Aufmerksamkeit geschenkt, was unserem Sport nur gut tun kann. Ich hoffe für alle Beteiligten, dass keine negativen Meldungen das Geschehen bestimmen werden.

Geismars Trainer Lennart Versemann bietet seinen Spielerinnen ein abwechslungsreiches Vorbereitungsprogramm.
Lennart Versemann (r.) © Niklas Richter

Ich werde die Spiele der deutschen Nationalmannschaft auf jeden Fall verfolgen und mir bestimmt auch einige Spiele anderer Nationen anschauen. Gerade bei einer Weltmeisterschaft ist es doch immer wieder interessant, zu sehen, ob es neue Entwicklungen gibt oder Dinge, die besonders häufig oder erfolgreich gespielt werden. Außerdem sieht man auch mal etwas andere Varianten, die vielleicht nicht klassisch europäisch sind. Gespannt bin ich beispielsweise auf Südkorea. Deshalb wird sich das Einschalten definitiv lohnen.

Ja, ich habe Verständnis für die Absagen einiger deutscher Spieler und finde es auch richtig, dass der DHB den Spielern diese Möglichkeit in der Form eingeräumt hat. Ich finde, wir sollten die individuelle Entscheidung einfach akzeptieren und gar nicht zu einem großen Thema machen, sondern es als Chance sehen, dass sich andere Spieler auf dieser Bühne zeigen können.

Die Chancen der deutschen Nationalmannschaft sind schwierig zu bewerten, weil man noch nicht genau sagen kann, wie schnell sie sich selbst finden wird und wie stark die Gegner sind. Bei so einer recht neu zusammengesetzten Mannschaft kann auch immer die Gefahr bestehen, dass in einem Spiel mal gar nichts zusammenläuft oder man sich schnell aus der Fassung bringen lässt. Außerdem hängt bei einem Turnier immer auch viel von der Stimmung ab, die sich im Verlauf des Turnieres entwickelt. Ich fand die beiden Spiele zur EM-Qualifikation gegen Österreich aber schon sehr ansehnlich und vielversprechend. Deshalb bin ich positiv und optimistisch gestimmt und denke, dass die Mannschaft mindestens bis ins Viertelfinale kommt. Wenn die Mannschaft dann in einen Flow kommt und keine unerwarteten Ausfälle zu verkraften hat, ist vielleicht auch das Halbfinale möglich.“

Hoffnung auf schönen, schnellen Handball

Maite Gutenberg, Spielerin der Oberliga-Damen des MTV Rosdorf: „Ich persönlich sehe es eher kritisch, dass in der aktuellen Coronasituation ein Turnier ausgetragen wird, bei dem Mannschaften aus aller Welt zusammenkommen. Letztlich werde ich die Spiele der deutschen Mannschaft dennoch verfolgen. Auch für mich ist es während des Lockdowns eine willkommene Beschäftigung, zumal man selbst noch lange nicht wieder spielen darf.

Ich verstehe die Entscheidung der Spieler, die abgesagt haben, zu hundert Prozent. Gerade mit der Begründung, dass sie ihre Familien unterstützen wollen in dieser Zeit. Auch Profisportler sind nur Menschen, Familienväter und Ehemänner. Nicht umsonst zeigt auch der DHB absolutes Verständnis.

Maite Gutenberg (M.) tritt mit dem MTV Rosdorf am Freitag schon in Northeim an.
Maite Gutenberg (M.) © Swen Pförtner

Ich kann die Chancen der Mannschaft nicht einschätzen, ehrlich gesagt. Dazu fehlt mir die Expertise. Gerade auch, weil einige bekannte Leistungsträger fehlen. Aber neue Gesichter und das Gefühl, dass niemand etwas Großes erwartet, kann auch dazu führen, sehr befreit aufspielen zu können. Ich bin gespannt und hoffe auf schönen, schnellen Handball.“

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Nationalmannschaft anschauen, lohnt sich immer

Jannik Burgdorf, Spieler der Oberliga-Herren des TV Jahn Duderstadt: „Ich finde es sehr wichtig, dass das Turnier stattfindet, einfach um den Sport am Leben zu halten. Ich glaube auch, dass die Mannschaft vor Ort vielleicht ein sich im Lockdown befindendes Deutschland begeistern kann und dass viele einschalten werden, wenn die ersten zwei, drei Spiele gewonnen werden.

Auf jeden Fall werde ich die Spiele gucken. Ich finde, es lohnt sich eigentlich immer, bei der Nationalmannschaft einzuschalten. Auch wenn ein paar Spieler fehlen, hat Deutschland immer noch einen guten Kader, womit sie es mindestens ins Viertelfinale schaffen sollten.

Jannik Burgdorf (hier im ersten Aufeinandertreffen mit dem Burgenteam) kommt immer besser in Form.
Jannik Burgdorf © Helge Schneemann

Klar habe ich Verständnis, dass die Spieler, die aufgrund von Corona abgesagt haben, nicht drei, vier Wochen in diesen Zeiten von ihren Familien getrennt sein wollen. Die Belastung ist enorm. Vielleicht brauchen die auch einfach eine Pause. Das wird diesen Spielern gut tun.

Das Viertelfinale sollte für die deutsche Mannschaft jedenfalls drin sein. Das Halbfinale wäre dann schon ein ganz starkes Ergebnis des Teams. In der Vorrunde und Hauptrunde scheinen machbare Gegner zu warten. Favoriten bei dieser Weltmeisterschaft sind, in meinen Augen, Spanien, Dänemark, Norwegen und Kroatien.“


Handball-Großereignis lockt vor den Fernseher

Marlon Krebs, Spieler der Oberliga-Herren der HSG Plesse-Hardenberg: „Ich denke, die nahe Zukunft wird zeigen, ob es die richtige oder falsche Entscheidung ist, diese Weltmeisterschaft stattfinden zu lassen. Als Handballer freue ich mich immer, wenn es so ein Großereignis gibt und man täglich Handball im Fernsehen gucken kann.

Ich werde in den nächsten Tagen also viel Handball gucken und auch die Spiele der deutschen Mannschaft verfolgen. Auch wenn einige Spieler und Stars nicht dabei sind, kann es sich trotzdem lohnen, die Spiele anzuschauen.

Marlon Krebs, hier im Trikot des Northeimer HC gegen den TV Großwallstadt, tritt wieder mal in der Schuhwallhalle an.
Marlon Krebs © Pförtner

Dass unter anderem Patrick Wiencek und Steffen Weinhold abgesagt haben, ist für die Mannschaft schade und sicherlich auch eine enorme Schwächung. Das mindert die Chancen der Nationalmannschaft, aber sie werden ihre persönliche Gründe haben. Die kennt wahrscheinlich keiner, außer das Trainerteam. Da erlaube ich mir kein Urteil, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Gerade mit Wiencek und Hendrik Pekeler im Innenblock fehlen aber feste Säulen, die wichtig für die Stabilität der Defensive sind. Ich persönlich traue der Mannschaft daher nicht so viel zu. Wenn wir ins Viertelfinale kommen, ist das ein achtbares Ergebnis.“

Hohe Fallzahlen: „Gewagte Sache“

Marcus Wuttke, Trainer der Oberliga-Herren des TV Jahn Duderstadt: „Aus der Sicht des Handballs ist es sehr wertvoll, dass das Turnier stattfindet, da unsere Sportart mal wieder etwas präsent sein muss in den Medien. Daher ist es schön, wenn Handball mal wieder an der Oberfläche auftaucht. Für den Handball ist es also gut, in Zeiten der Pandemie natürlich aber auch eine grenzwertige Entscheidung. Gerade in der momentanen Situation, wo wir weltweit wieder hohe Fallzahlen haben, ist das eine gewagte Sache. Aber man muss davon ausgehen, dass die Veranstalter alle Schutzmaßnahmen treffen, damit nicht Schlimmeres passiert.

Ich werde mir die Spiele der deutschen Mannschaft anschauen, wenn ich die Möglichkeit habe. Grundsätzlich habe ich, unabhängig von der Pandemie-Situation, Verständnis für die Absagen einiger Spieler, denn es ist die Entscheidung jedes Spielers, an einem Turnier teilzunehmen oder nicht. Die Leute stellen jetzt ihre Familien und die eigene Gesundheit in den Vordergrund, das kann ich nachvollziehen. Ich persönlich hätte nicht abgesagt, da es eine einmalige Chance ist und man sich auch abseits des Feldes so verhalten kann, dass das Ansteckungsrisiko möglichst gering ist.

„Der Aufstieg in den nächsten Jahren ist kein Thema“: Jahn-Trainer Marcus Wuttke beim Coaching.
Marcus Wuttke © Schneemann

Ich glaube, dass alle Mannschaften aufgrund der Situation vor einer ganz anderen Herausforderung stehen. Die Mannschaften, die es schaffen, zusammenzuwachsen, an einem Strang zu ziehen und das Drumherum auszublenden, habe gute Chancen. Alfred Gislason ist ein Typ, der mit dieser Situation umgehen kann und gute Ideen hat. Ich denke, die Mannschaft kommt ins Viertelfinale. Danach ist es dann egal, ob Pandemie oder nicht: die Tagesform zählt. Wenn man einen guten Tag erwischt, können auch die Jungs, die jetzt für Deutschland unterwegs sind, alle anderen Teams schlagen.“