21. Juni 2021 / 12:13 Uhr

Hannes Ocik und der Lebenstraum vom Gold

Hannes Ocik und der Lebenstraum vom Gold

Christian Lüsch
Ostsee-Zeitung
Trügerische Alpenidylle. Der Deutschland-Achter mit dem Schweriner Hannes Ocik (2.v.l.) – hier auf dem Rotsee bei Luzern – stimmt sich in Österreich auf die Olympischen Spiele in Tokio ein.
Trügerische Alpenidylle. Der Deutschland-Achter mit dem Schweriner Hannes Ocik (2.v.l.) – hier auf dem Rotsee bei Luzern – stimmt sich in Österreich auf die Olympischen Spiele in Tokio ein. © Pier Marco Tacca/Getty Images
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Seit Jahren lebt und arbeitet Hannes Ocik dafür, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Bei den Olympischen Spielen möchte der 30-jährige Schweriner mit dem Deutschland-Achter als Erster über die Ziellinie rudern.

Momente wie dieser sind selten im Leben von Hannes Ocik. Der Ruderer sitzt entspannt auf der Terrasse des Mannschaftshotels und schaut über den Klopeiner See. Die Sonne scheint. Ringsherum malerische Berglandschaft. Eine halbe Stunde bleibt dem Sportler zwischen zwei Trainingseinheiten für ein Wasser und einen Snack.

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Für Ocik ist das beschauliche Ambiente in Österreich mit dem glitzernden Wasser und der sanften Bergkulisse nicht mehr als nette Kulisse in der harten und entbehrungsreichen Olympia-Vorbereitung. Im Trainingslager in Völkermarkt in Kärnten geht es für ihn und seine Teamkollegen aus dem Deutschland-Achter darum, möglichst nah an ihre Top-Form zu kommen. Im Sportsprech heißt dass Kraft-/Ausdauertraining. Es geht darum, Bärenkräfte zu entwickeln und diese möglichst lange auf die Ruderblätter wirken zu lassen.

„Ganz ehrlich: So viel und so hart wie in dieser Woche habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht trainiert. Mehr geht nicht. Und ich dachte wirklich, schon viel mitgemacht zu haben.“ Was Ocik sagt, ist nicht als Klage gemeint. Es ist die nüchterne Beschreibung seines Lebens, für das er sich vor vielen Jahren entschieden hat. Und das er ganz bewusst so leben möchte.

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„Dass wir unsere Möglichkeiten voll ausschöpfen und kompromisslos trainieren, ist notwendig. Wir haben alle das gleiche Ziel“, beschreibt der Sportler die Mission. So kurz vor den Spielen in Tokio hat Ocik und alle anderen um ihn herum das Goldfieber gepackt. Bei den Olympischen Spielen wollen sie den Traum, dem sie ihr Leben verschrieben haben, wahr werden lassen. Den Traum vom Olympiasieg.

Den Fahrplan bis dahin hat Schlagmann Ocik fest im Kopf: „Am 30. Juni fliegen wir um 18.15 Uhr nach Tokio. Nach zehn Stunden Flug und allen Einreiseformalitäten geht es acht Stunden per Bus nach Kinosaki. Zur Eingewöhnung und zum Trainieren. Am 17. Juli ziehen wir ins Olympische Dorf. Am 25. Juli ist unser Vorlauf. Das Finale am 30. Juli, 3.30 Uhr deutscher Zeit“, spult der 30-Jährige das Programm bis zum Tag aller Tage runter.

In Japan wartet ein nagelneues Boot auf Deutschlands Vorzeigeruderer, 80 000 Euro teuer und laut Hersteller Empacher das beste, das es je gegeben hat. „Wir trainieren in Österreich mit einem identischen Modell. Das Boot ist sehr steif. Wir haben viele Testfahrten gemacht und sind dabei, es optimal einzustellen.“ Wenn Ocik das Tuning am Paradeboot beschreibt, klingt es, als wäre es eine Wissenschaft. Nichts soll bei den erfolgsverwöhnten Wassersportlern dem Zufall überlassen werden.


Dinge, die anderen Menschen wichtig sind – für Ocik derzeit völlig nebensächlich. Sein 30. Geburtstag zum Beispiel, den er am 8. Juni erlebte. Nach dem Weltcup in Sabaudia (Italien) ging es nicht nach Hause, sondern direkt ins Camp nach Österreich. Dort nahm Ocik die Glückwünsche seiner Familie am Telefon entgegen. „Ich habe das ja nicht zum ersten Mal erlebt. Insofern hat es mich kaum gestört. Und für solch persönliche Dinge ist ja später auch noch Zeit.“

Der Mann lebt in einer Blase. Ocik teilt sich seit Wochen sein Hotelzimmer mit Jakob Schneider. Der Mecklenburger und sein 27-jähriger Ruderkollege aus Baden-Württemberg haben sich aufeinander eingestellt. „Zum Glück sind wir in vielen Dingen ähnlich, zum Beispiel bei unserem Schlafrhythmus“, erzählt der Norddeutsche. Die Lebensumstände werden sich auch in Japan kaum ändern. Denn vor dem Einzug ins Olympische Dorf bleiben die geimpften deutschen Sportler weiter abgeschirmt und unter sich.

Einen Reiseführer hat sich Ocik nicht zugelegt und auch noch keine japanischen Redewendungen auswendig gelernt. Ob es Kobe-Rind oder Sushi geben wird? – Ocik ist es wurscht. „Damit beschäftige ich mich überhaupt nicht“, sagt der Schweriner, der Rostock sein Zuhause nennt. Schon sechs Wochen vor dem Achterfinale in Tokio ist er voll auf das 2000 Meter lange Rennen geeicht. Auf sein Team. Auf jeden einzelnen seiner Schläge. Auf das Ziel. Gold!