30. Juli 2019 / 09:06 Uhr

Kind-Rückzug bei 50+1: Womit Hannover 96 jetzt wirklich rechnet

Kind-Rückzug bei 50+1: Womit Hannover 96 jetzt wirklich rechnet

Carsten Bergmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Wie geht es bei 96 weiter, nachdem Martin Kind den 50+1-Antrag zurückgezogen hat?
Wie geht es bei 96 weiter, nachdem Martin Kind den 50+1-Antrag zurückgezogen hat? © dpa / imago images
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Profichef Martin Kind hat den Kampf um eine Ausnahme von der 50+1-Regel bei Hannover 96 vorerst aufgegeben. Nun verhandelt er mit dem neuen Vorstand über die Vereins-Zukunft. Eine Analyse.

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Hannover Martin Kind gibt den Kampf um die Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Investorenregel auf. Die Klage vor dem Schiedsgericht gegen die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat der 96-Profichef zurückgezogen. Sein Anwalt Christoph Schickhardt erhob dabei schwere Vorwürfe gegen den Vorsitzenden des Gremiums, Udo Steiner, und warf ihm fehlende Unparteilichkeit vor.

Die 50+1-Regel gilt nur in Deutschland und soll den Einfluss externer Investoren im Profifußball begrenzen. Auch wird sichergestellt, dass der Verein das Sagen über die ausgegliederten Kapitalgesellschaften behält. Welche Folgen hat der Kind-Rückzug nun also? Wir klären die wichtigsten Fragen.

Ist 50+1 durch den Kind-Rückzug gerettet?

Nein. Das von der DFL im Juli 2018 zur Überprüfung der 50+1-Regel eingeschaltete Kartellamt könnte alles verändern und die grundlegende Reform ankurbeln. Spätestens im Herbst wird eine Entscheidung erwartet. Dies ist aber nur ein Strang. Auch der Gang vor ordentliche Gerichte wäre denkbar. Dieser würde aber sicher einige Jahre dauern. Schneller ginge es wohl über die EU-Kommission für Wettbewerbsrecht. Experten rechnen mit zwei Jahren.

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Wie geht es bei Hannover 96 nun weiter?

Die Verhandlungen zwischen Profiabteilung und Breitensportverein laufen weiter, biegen auf die Zielgerade ein. In zentralen Punkten haben sich beide Seiten weit angenähert, es gibt aber an einigen Stellen noch unterschiedliche Ansichten. Oberstes Ziel: Die drohende Insolvenz des Breitensportvereins soll verhindert werden – und damit ein immenser Imageschaden für alle Seiten.

Wäre durch eine Insolvenz auch die Lizenz für die Profis gefährdet?

Unklar. Es gibt diesbezüglich unterschiedliche Rechtsauffassungen. Lizenznehmer bei der DFL ist die 96-Profi-Firma (Kommanditgesellschaft auf Aktien). Der Breitensportverein ist aber Basis für die Profis und damit auch Grundlage für die Lizenz. Ginge der e.V. pleite, so eine Auslegung, wäre eine zentrale Bedingung für den Profibetrieb erloschen.

Andere Juristen wiederum halten dagegen, dass der Verein ungeachtet der Insolvenz Mitglied im Verband bliebe und die Zahlungsunfähigkeit grundsätzlich keine Auswirkungen auf die Teilnahme am Spielbetrieb habe. So weit wollen es weder der Vorstand des Breitensportvereins noch die 96-Geldgeber kommen lassen. Mit Spenden und Darlehen in Millionenhöhe soll dieses Szenario abgewendet werden. Natürlich mit entsprechenden Gegenleistungen.

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Wie geht es mit dem Breitensportverein 96 e.V. weiter?

Eine Einigung wird in den kommenden Tagen erwartet. Zentraler Punkt: das Finanzierungskonzept für das bisherige Minusgeschäft Vereinssportzentrum Stammestraße. Vor allem die offenen Forderungen von rund einer halben Million Euro an Handwerkerrechnungen, die den Breitensportverein belasten, sollen mit der Einigung beglichen werden. Ob Kind sich in dem Zug auch für den grundsätzlichen Erhalt der 50+1-Klausel ausspricht, ist unklar.

Was passiert, wenn sich Kind und der neue Vorstand nicht einigen?

Eine klassische Pattsituation. Im Falle einer Insolvenz wäre der e.V. ein Fall für den Insolvenzverwalter. Kind wiederum könnte vom Verein als Geschäftsführer abberufen werden. Folge: Kind könnte sein Kapital aus der Profigesellschaft abziehen. Hätte, könnte, wäre ...

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Welche Rolle könnte in dem Ganzen die Europäische Union einnehmen?

Von Sportverbänden aufgestellte Regeln unterliegen dem EU-Wettbewerbsrecht, sofern diese Verbände wirtschaftliche Tätigkeiten ausüben. Davon ist im Profifußball auszugehen. Die Wettbewerbshüter schrecken auch nicht davor zurück, Verbände scharf zu sanktionieren.

Gab es in der Vergangenheit bereits ähnlich gelagerte Fälle?

Ja. Zwei Eisschnellläufer hatten gegen eine Sperre durch den Weltverband ISU geklagt, weil sie bei einer lukrativen Konkurrenzveranstaltung starten wollten. Die EU-Kommission hob die Sperre auf. Begründung: Die ISU schränke die unternehmerische Freiheit der Sportler ein. Ähnlich, so beschreiben es Rechtsexperten, verhält es sich auch mit der 50+1-Klausel, die die DFL vorschreibt.

Die Fan-Szene demonstriert bundesweit für Erhalt von 50+1-Regel

Fans von Bayern München beim Auswärtsspiel in Leipzig. Zur Galerie
Fans von Bayern München beim Auswärtsspiel in Leipzig. ©

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