12. April 2019 / 16:50 Uhr

Beispiel England: Stephan Schmidt, U19-Coach von Hannover 96, fordert mehr Freiraum für Talente

Beispiel England: Stephan Schmidt, U19-Coach von Hannover 96, fordert mehr Freiraum für Talente

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Stephan Schmidt, Trainer der U19 von Hannover 96, findet, dass im Nachwuchsbereich in Deutschland zu teamorientiert gedacht wird. Der Fußball aber werde über individuelle Qualität entschieden, über Spieler, die den Unterschied ausmachen. 
Stephan Schmidt, Trainer der U19 von Hannover 96, findet, dass im Nachwuchsbereich in Deutschland zu teamorientiert gedacht wird. Der Fußball aber werde "über individuelle Qualität entschieden, über Spieler, die den Unterschied ausmachen".  © Florian Petrow
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"Kreativität zuzulassen, bedeutet auch, loszulassen". Stephan Schmidt, der Trainer der U19 von Hannover 96, hat zuletzt zwei Akademien in London besucht, länger mit Per Mertesacker gesprochen und ist überzeugt: Der Nachwuchs in Deutschland wird zu teamorientiert ausgebildet.

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Heiße Zitrone mit Ingwer, empfiehlt die Kellnerin. „Perfekt“, sagt Stephan Schmidt respektvoll. Der 42-Jährige achtet auf den zwischenmenschlichen Ton. Schmidt bei Hannover 96 Trainer der A-Junioren, in einem Bereich, in dem die Musik aktuell hauptsächlich in England spielt. Vor einer Woche besuchte er zwei Fußball-Akademien in London, die von Arsenal, die von Chelsea. Er spionierte ein wenig in der Akademie von Leiter Per Mertesacker. Die zentrale Frage: Was machen die Engländer besser als wir?

Der menschliche Umgang ist Schmidt wichtig

Wir treffen uns im Bio-Restaurant „Zurück zum Glück“. „Genau unser Vereinsmotto“, scherzt Schmidt. Das Telefon vibriert, der Wolfsburger Redakteurs-Kollege Engelbert Hensel dran. Ich entschuldige mich. „Engelein, grüß Dich, was gibt's?“ Der Kollege und ich verabreden uns für später, ich lege auf. „Engelein“, wiederholt Schmidt. „Guter Umgang, interessant.“

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Schmidt spricht viel über menschlichen Umgang im Fußball: über Individualität, Persönlichkeitsentwicklung, allzu Zwischenmenschliches. Darüber redete er auch mit Ex-96-Profi und Weltmeister Mertesacker. „Ich bin ihm sehr dankbar, weil er sich Zeit für mich genommen hat, wir haben über alles Mögliche gesprochen, vor allem über Spielerentwicklung. Das war super spannend.“

Und – haben uns die Engländer wirklich so weit überholt in der Jugendförderung? „Ja“, sagt Schmidt: „Ich war vor drei Jahren schon mal in Liverpool, da gab es bereits einen Austausch. Und ich muss sagen: Die Lücke ist größer geworden, erheblich größer.“

Engländer schöpfen Potenzial "ganz anders aus"

Was machen die Engländer besser, nachdem der deutsche Fußball und die Talente-Entwicklung über Jahre gelobt wurde und als Vorbild galt in Europa? „Sie haben sich revolutioniert, waren selbstkritisch, sind in die Welt gegangen, haben Schlüsse gezogen und sich das Beste rausgesucht, auch bei uns. Die Persönlichkeitsentwicklung ist ein Hauptthema“, erklärt Schmidt.

In der deutschen Talenteförderung sei vieles zwar richtig gelaufen. „Aber das Potenzial, alle Stärken und Schwächen des Individuums zu sehen, im Fußball und anderen Bereichen, wird in England ganz anders ausgeschöpft.“

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Der deutsche Fußball folgt Regeln, Taktiken, vorgezeichneten Laufwegen. Schmidt hat „ein Spiel der U18 von Arsenal gesehen, da wird das letzte Drittel im Offensivbereich der Kreativität der einzelnen Spieler überlassen.“ Und schon denkt man an Leroy Sané, dem deutschen Wunderkind, das bei Manchester City spielt, wie er dribbelt, in Räume vorstößt, die verschlossen scheinen, egoistisch irgendwie, manchmal ist die Kunst brotlos, aber meistens effektiv. Warum? Weil er es kann – und weil man ihn lässt.

Kreativität zulassen

In Deutschland, sagt Schmidt, „haben wir eine starke Stringenz, wir denken zu teamorientiert. Die Seile, mit denen alle auf dem Platz miteinander verbunden sind, sollten wir ganz schnell kappen, sonst könnte die Lücke zu den großen Nationen noch größer werden. Der Fußball, und das wird immer so bleiben, wird über individuelle Qualität entschieden, über Spieler, die den Unterschied ausmachen.“

Mehr Macht den Spielern, weniger den Trainern? Das wäre die Konsequenz. „Ich spreche nicht von Macht, eher vom Einfluss des Trainers“, sagt Schmidt. „Ein Trainer kann viele Prozente herausholen, aber Kreativität zuzulassen, bedeutet auch, loszulassen. Dafür bekommt man etwas zurück.“

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In vier Jahren schon erwartet Schmidt eine englische Nationalmannschaft, „die ganz anders aussehen und auftreten wird.“ Er nennt die Jungstars des U17-Weltmeisters Phil Foden (Manchester City), Jadon Sancho (Dortmund), Cullum Hudson-Odoi (Chelsea) oder Emile Smith-Rowe (Leipzig). „Das ist ein Riesenpotenzial von Spielern, die alles vereinen: Speed, Eins-gegen-eins und Kreativität. Das wurde in England freiheitlich gefördert.“

Stendel hat Werte geschaffen

Der Weg zu den Profis wird theoretisch für junge 96-Spieler freier werden vor dem Abstieg und einem Umbruch der ersten Mannschaft. Bei Schmidt spielen Sebastian Soto oder Justin Neiß, zwei der stärksten Torjäger der A-Junioren-Bundesliga. Schmidt ist klug genug: Er singt seine A-Jugendlichen öffentlich nicht bei den Profis rein.

Er verweist stattdessen auf einen seiner Vorgänger. Auf Daniel Stendel, der Waldemar Anton oder Noah Sarenren Bazee bei Hannover 96 zu Profis machte „und damit Werte geschaffen hat für den Verein“, sagt Schmidt. Stendel ist mittlerweile in England, und steigerte seinen eigenen Wert als gefeierter Trainer beim FC Barnsley.

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