16. September 2020 / 17:42 Uhr

Analyse vor dem Start: Was bei 96 schon gut funktioniert und wo es noch hakt

Analyse vor dem Start: Was bei 96 schon gut funktioniert und wo es noch hakt

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Bei 96 wächst etwas zusammen: Dominik Kaiser (vorn) und Marvin Ducksch leben es vor.
Bei 96 wächst etwas zusammen: Dominik Kaiser (vorn) und Marvin Ducksch leben es vor. © imago images/foto2press
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Die Generalprobe in Würzburg ist geglückt, doch richtig ernst wird es für Hannover 96 am Samstag mit dem Heimspiel gegen den Karlsruher SC. Wo steht die Mannschaft von Kenan Kocak? Vor dem Start in die Saison in der 2. Bundesliga benennt der SPORTBUZZER die Stärken und Schwächen.

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Vergleichswerte sind in der Vorbereitungsphase immer schwierig. Nach der 1. Runde im DFB-Pokal wird nun etwas deutlicher, welche Mannschaft reif ist für den Saisonstart in der 2. Bundesliga und welche nicht. Die meisten Rivalen patzten, Hannover 96 machte einen guten Job bei Aufsteiger Würzburg. Aber wo steht die Mannschaft nach dem 3:2 vor dem Karlsruhe-Spiel am Samstag? Eine Analyse.

Die Mannschaft

Hier wächst was zusammen. In den vergangenen Wochen wurde viel geschimpft über Kaderplanung, Transfers und die dünne Personaldecke. Es sah düster aus. Aber die knappe Besetzung brachte einen Vorteil ans Licht. Es ist einfacher, einen Stamm von 20 Spielern zu pflegen als einen Kaderauswuchs von 30. Den Wettlauf auf dem Transfermarkt um die schnellsten und besten Transfers hat Hannover verloren, aber gewonnen hat 96 eine stimmigen Verbund. Eine wertvolle Blüte, die Trainer Kenan Kocak schützen will.

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Er beklagte sich über die Berichterstattung am Spieltag vor dem Anpfiff in Würzburg – über den möglichen Transfer von Verteidiger Aleksandr Zhirov aus Sandhausen. „Nicht förderlich“, findet Kocak, weil er Unruhe befürchtet, wo Harmonie herrscht.

Ein Beispiel: Dominik Kaiser und Marvin Ducksch umarmen sich, als seien sie Sandkastenfreunde. Typen wie Timo Hübers (junge Spieler) oder Mike Frantz (neue und alte Spieler) halten die sozialen Fäden zusammen. So erklärt sich auch der „leidenschaftliche“ und „geschlossene“ (Kocak) Auftritt in Würzburg.

Die Flügel

Sei Muroya hat in Genki Haraguchi den perfekten Integrationshelfer. Die Japan-Connection funktioniert besser als vor zwei Jahren mit Haraguchi und Takuma Asano. Muroya kommt bescheiden und fast zart rüber, anders als der aufgepumpte Stürmer Asano. In Würzburg bereitete Muroya das Tor von Kaiser mit vor und biss sich defensiv in die Partie. „Hat sich gut angefühlt“, erklärte Muroya.

Es sah auch gut aus, genauso hinten links: Niklas Hult hat auch mit 30 noch Biss, schnelle Füße und ein Gespür für die emotionale Temperatur im Spiel. „Ich war mit beiden Spielern sehr zufrieden“, freute sich Kocak. Aus fünf mach zwei: Auf den Flügeln ist 96 nun mit nur zwei gelernten Außenverteidigern bissiger und wahrscheinlich verlässlicher besetzt als vor einem Jahr mit fünfen (Jannes Horn, Matthias Ostrzolek, Miiko Albornoz, Julian Horn und Sebastian Jung).

Der Angriff

Patrick Twumasi kann der neue Offensivstar werden. In Würzburg bereitete er fast ein Tor vor. Trainingsbeobachter berichten, bei Twumasi sei fast jeder Schuss aufs Tor ein Treffer. Davon wird 96 in Karlsruhe noch nicht profitieren – aber irgendwann schon. Kocak bemängelte in Würzburg: „Das einzige Manko ist, dass wir zahlreiche Torchancen liegen gelassen haben.“ Ducksch, Weydandt, Haraguchi und Florent Muslija durften sich angesprochen fühlen.

Allein der Fakt, dass 96 sieben statt drei Tore hätte erzielen müssen, zeigt, dass die Mannschaft viele Chancen herausspielt. Gefühlt sorgte jeder Befreiungsschlag in die Würzburger Hälfte für Gefahr, weil Weydandt und Ducksch es gemeinsam schlau machen und sich gute Aktionen gönnen. Bei so viel Harmonie innerhalb des Duos muss 96 es wohl in Kauf nehmen, dass nicht jede Torchance sitzt.

Bilder vom Training von Hannover 96 (16. September)

Trainer Kenan Kocak beobachtet, wie sich seine Spieler quälen. Zur Galerie
Trainer Kenan Kocak beobachtet, wie sich seine Spieler quälen. ©

Über allem schwebt immer die Verpflichtung des treffsicheren Serdar Dursun. Ihn zu holen und das Henne-Ducksch-Duo zu sprengen, scheint eigentlich nicht mehr nötig, zumal Twumasi auch noch in Form kommen dürfte. Dursuns Klub Darmstadt steht mittlerweile wieder auf dem Standpunkt: Entweder geht Dursun für viel Geld in die Bundesliga oder 96 tauscht ihn – für Ducksch. Darmstadt-Trainer Markus Anfang würde gern mit seinem früheren Kiel-Torjäger arbeiten. Das wäre für 96 sicher keine vernünftige Lösung.

Die Schwächen

Die Mannschaft hat „Luft nach oben“, gab Kocak zu. Und zwar oben, in der Luft, bei Standards. Torwart Michael Esser griff bei einem Eckball daneben, es passierte nichts. Die beiden Gegentreffer in der Schlussphase resultierten nach Standardsituationen. Ein Dauerthema? „Ich hoffe nicht. Ich bin fast dankbar, dass es passiert ist“, sagte der Trainer. „Das wird die Sinne schärfen.“

Dominik Kaiser fand auch „noch nicht alles perfekt“. Ein Manko hat 96 abgestellt. Hannover war bisher eine stille Mannschaft. In Würzburg hatten „gerade unsere Innenverteidiger eine gute Rolle, was Kommunikation angeht, eingenommen“, fand Torschütze Hendrik Weydandt. Wenn Stürmer laut rufende Verteidiger loben, dann wächst wirklich was zusammen.