23. April 2020 / 09:23 Uhr

"Mit 50.000 Fans im Rücken...": 96-Fußballgott Carsten Linke erinnert sich an den Aufstieg 1998

"Mit 50.000 Fans im Rücken...": 96-Fußballgott Carsten Linke erinnert sich an den Aufstieg 1998

Jonas Szemkus
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Das Sorgen-Level von Carsten Linke vor seinem Elfmeter gegen TeBe Berlin? Null, gar nichts.
Das Sorgen-Level von Carsten Linke vor seinem Elfmeter gegen TeBe Berlin? "Null, gar nichts." © Madsack-Archiv
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Dieses Spiel wird wohl kein Fan von Hannover 96 im entsprechenden Alter jemals vergessen. Für "Fußballgott" Carsten Linke ist es der 96-Moment schlechthin gewesen. Gemeint ist das Aufstiegsspiel gegen TeBe Berlin im Mai 1998. Der 54-Jährige war sich immer sicher, "dass wir das schaffen".

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„Ich war mir immer sicher, dass wir gewinnen, dass wir das schaffen“, sagt Carsten Linke. „Mit 50.000 Fans im Rücken, das war einfach greifbar. Das waren pure Emotionen, eines der wichtigsten Spiele für Hannover in den letzten Jahrzehnten.“ Sein schönster 96-Moment? Keine schwere Frage für den von den Fans gekrönten Fußballgott: Der Sieg im Aufstiegsrunden-Rückspiel gegen Tennis Borussia Berlin am 24. Mai 1998, der die Rückkehr in die 2. Liga brachte.

"Von der Dramatik her einfach etwas anderes"

„Kämpferisch war das von unserer Mannschaft wahrscheinlich das beste Spiel, bei dem ich mit auf dem Platz stand“, sagt Linke. Nicht schlecht, schließlich stand er zwischen 1996 und 2003 in Liga und Pokal 233-mal als Roter auf dem Feld. Da gab es viele spannende Partien, „aber von der Dramatik her war das einfach etwas anderes“. 50 000 euphorische Fans im Nie­dersachsen­stadion, das Hinspiel hatte 96 mit 0:2 verloren, im Rückspiel Verlängerung und Elfmeterschießen. TeBe war obendrein Favorit.

„Die hatten uns im Hinspiel dominiert und in der gesamten Drittligasaison nie zwei Gegentore in einem Spiel bekommen“, erinnert sich Linke. „Aber ich war mir einfach sicher. Wenn das Stadion so voll ist und alle wollen dich siegen sehen, wenn dich alle so nach vorne brüllen – da kannst du gar nicht anders als voll in jeden Zweikampf gehen. Die Tribüne hat uns angestachelt. Das hast du an unserer Körpersprache gesehen und an der Zweikampfführung.“

In Bildern: Die Auf- und Abstiege von Hannover 96

Der Gang in die 2. Liga scheint für Hannover 96 in dieser Saison unvermeidbar. Es wäre der siebte Abstieg der Vereinsgeschichte. Oft ging es aber schnell wieder hoch. Das sind die Auf- und Abstiege der Roten seit Gründung der Bundesliga. Zur Galerie
Der Gang in die 2. Liga scheint für Hannover 96 in dieser Saison unvermeidbar. Es wäre der siebte Abstieg der Vereinsgeschichte. Oft ging es aber schnell wieder hoch. Das sind die Auf- und Abstiege der Roten seit Gründung der Bundesliga. ©

Ein Glück für Linke, dass er nicht schon in der Anfangsphase für einen harten Einsatz die Gelbe Karte sieht. Die bekommt er erst später, der Verteidiger kann sich also ungehemmt reinwerfen. Und er bereitet das späte, wunderschöne 2:0 durch Vladan Milovanovic vor. Der 1,89 große Linke setzt sich gegen Bewacher Olaf Kapagiannidis durch, legt eine weite Flanke per Kopf zurück in den Fünfer, Milovanovic trifft per Fallrückzieher (84.) – die Fans im Niedersachsenstadion drehen komplett durch.

"Wenn du mit Jörg Sievers in ein Elfmeterschießen gehst..."

Das zweite Tor egalisiert das Hinspielergebnis, so bleibt es bis zum Elfmeterschießen. Auch Linke tritt an. Sein Sorgenlevel vor dem Schuss? Auf einer Skala von eins bis zehn? „Null, gar nichts“, sagt Linke genauso locker, wie sein Schuss damals mit der Innenseite in die Mitte geht – aber drin. „Wenn du mit einem Torwart wie Jörg Sievers in so ein Elfmeterschießen gehst, ziehst du unheimlich viel Kraft daraus.“

Szene aus dem Hinspiel: Carsten Linke (rechts) setzt gegen Francisco Copado zur Grätsche an.
Szene aus dem Hinspiel: Carsten Linke (rechts) setzt gegen Francisco Copado zur Grätsche an. © imago images/Höhne
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Er behält recht: Nur der erste TeBe-Elfer geht rein, Sievers lenkt den nächsten neben das Tor, der dritte geht von allein daneben, den vierten hält der Keeper sogar fest. „Dann erinnere ich mich nur daran, dass wir alle zu Jörg laufen“, erzählt Linke. „Du bist so voller Adrenalin, das entlädt sich explosionsartig.“ Bei NDR gibt Linke Minuten später ein TV-Interview. Doch dem Sender geht der Ton abhanden. „Man sieht nur, wie ich immer wieder die Arme hochreiße“, erzählt Linke lachend.

Der Moment, der von diesem besonderen Tag am meisten nachhallt, ist dennoch ein ruhiger. „Ich bin dann irgendwann zu meiner Familie und hab mir meinen Sohn geschnappt. Der war damals erst sechs Jahre alt, wir sind ein paar Meter allein über den Rasen gegangen“, erzählt Linke. „Das war wirklich schön. Da fängst du dann ganz langsam an, zu realisieren.“

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Und welcher Mitspieler ist ihm aus den sieben 96-Jahren besonders in Erinnerung geblieben? „Am allermeisten ist mir Bastian Reinhardt ans Herz gewachsen. Er ist mir über die Jahre ein sehr guter Freund geblieben, wir haben eine ganz enge Freundschaft“, sagt Linke.

Auch sportlich „waren einige mit außergewöhnlichen Fähigkeiten dabei“, sagt Linke. Fredi Bobic, Gheorghe Popescu, Altin Lala zum Beispiel. „Aber wenn ich mich entscheiden muss, sag ich Jan Simak. Jan hat im Aufstiegsjahr den Unterschied zu den anderen Teams ausgemacht.“

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Lustige Bilder aus dem 96-Kosmos! ©

Mittlerweile hat Linke – zumindest im Hauptberuf – dem Fußball den Rücken gekehrt. Nach Zeiten als 96-Manager und für Carl Zeiss Jena ist er nun seit neun Jahren Sporttherapeut für psychisch Erkrankte im Klinikum Wahrendorff. Linke kümmert sich mit drei Kollegen um das Sportangebot für die rund 1800 Patienten und Bewohner, hilft mit Bewegung fürs Körpergefühl.

"Wir wollen den Verein transparenter machen"

„Den Wechsel habe ich nie bereut, Managersein hat mir nie gefehlt. Ich habe einen fantastischen Beruf“, sagt Linke. Seit einem Jahr ist er außerdem im Aufsichtsrat des 96 e. V. Sein Ehrenamt? Ehrensache, sagt Linke. „Wir wollen den Verein und Entscheidungen transparenter machen, da sind wir auf einem guten Weg. Ich wohne in Hannover und 96 ist ein Teil von mir. Das ist immer so geblieben.“