02. April 2020 / 07:46 Uhr

"Klein bisschen wie nach dem Krieg": 96-Profichef Kind sieht in Geisterspielen Mutmacher

"Klein bisschen wie nach dem Krieg": 96-Profichef Kind sieht in Geisterspielen Mutmacher

Andreas Willeke
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Wenn in der HDI-Arena bald wieder gespielt werden kann, dann vor leeren Rängen.
Wenn in der HDI-Arena bald wieder gespielt werden kann, dann vor leeren Rängen. © Christian Charisius/dpa
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Dass Meister, Auf- und Absteiger in der 1. und 2. Bundesliga tatsächlich bis zum 30. Juni ermittelt werden, hält Martin Kind für ein "realistisches Szenario". Der Profichef von Hannover 96 ist sogar überzeugt davon, dass die dafür nötigen Geisterspiele ein wichtiges Zeichen an die Gesellschaft wäre.

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Die Not eint auch die größten sportlichen Gegner. Kein Verein, der nicht die „große Solidarität“ unter den 36 Profiklubs von erster und zweiter Liga lobt. Die gemeinsamen Stunden vor den Videoschirmen unter Führung der Deutschen Fußball-Liga schweißen offenbar zusammen. DFL-Chef Christian Seifert terminierte dabei die Wiederaufnahme der Saison auf das erste oder zweite Maiwochenende. Bis zum 30. Juni sollen Meister, Aufsteiger und Absteiger ermittelt sein.

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Geisterspiele "vielleicht sogar bis Jahresende"

Das klingt ambitioniert, doch auch Martin Kind, Profichef von Hannover 96, hält es für „ein realistisches Szenario“. Alles jedoch unter Voraussetzung, dass es Geisterspiele sind, „vielleicht sogar bis zum Jahresende“.

Der finanzielle Druck ist der Motor der Entscheidung. Bleibt die letzte Rate des für die Saison zugesagten TV-Geldes aus, droht dem ersten Klub schon im April die Insolvenz, im Mai wären es fast zehn Vereine. Für 96 schließt Kind das vorerst aus: „Insolvenzgefahr besteht bei 96 bis zum 30. Juni nicht.“

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Aber auch wenn gespielt werden sollte, rechnet Kind nicht mehr damit, dass die 96 zustehende letzte Rate von 5 Millionen Euro fließt. „Wir werden im vierten Quartal weniger Geld bekommen als berechnet.“

Mandat für Zugeständnisse

Der Grund ist, dass auch die TV-Rechteinhaber in der Corona-Krise große Probleme haben. „Es wurde deutlich, dass auch Sky und DAZN voll im Kreislauf mit drin hängen“, berichtet Kind. DFL-Boss Seifert hat das Mandat der 36 Klubs erhalten, bei den Pay-TV-Sendern Zugeständnisse zu machen. Kind zeigt Verständnis für die unabwendbaren Abzüge. „Es ist eine Partnerschaft“, da nehme man Rücksicht aufeinander. Oberstes Ziel ist für Kind: „Wir wollen überleben und die Bundesliga erhalten.“

Aber würde es gesellschaftlich überhaupt akzeptiert, wenn 22 Gladiatoren wie im alten Rom wieder übereinander herfallen, während in Zeiten von Kontaktverboten, Ausgangssperren und Quarantäne das Volk die eigenen vier Wände anstarren muss? Bitten Politiker und Virologen nicht inständig darum, sich an die Auflagen zu halten?

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Kind hat da aber keine moralischen Bedenken. „Erstens muss die Wirtschaft auch zeitnah wieder starten“, da spricht der Hörgeräte-Unternehmer, der auch in seinem Betrieb Kurzarbeit anordnen musste. „Es wäre zweitens ein emotionales und positives Signal, das den Menschen Vertrauen und Hoffnung gibt, wenn wir wieder spielen“, meint der 96-Chef.

Trainiert 96 ab 6. April?

„Es beginnt wieder, es geht wieder los“ – das wäre das Wiederaufbauzeichen an die Gesellschaft. „Es ist ein klein bisschen wie nach dem Krieg mit der Weltmeisterschaft 1954“, glaubt Kind.

In Schutt und Asche liegt der Fußball aber noch nicht. Es laufen jetzt sogar die Planungen für die Wiederaufnahme des Trainings. 96 will am 6. April starten, bis dahin hat die DFL um Zurückhaltung gebeten. Sportchef Gerhard Zuber kümmert sich um die Organisation. Entweder soll in der HDI-Arena oder im Nachwuchszentrum trainiert werden. Eine medizinische Taskforce soll das überwachen. Aber die muss noch gebildet werden.