30. August 2017 / 10:42 Uhr

Hannover 96: Wenn der Boykott boykottiert wird

Hannover 96: Wenn der Boykott boykottiert wird

Carsten Bergmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Hoch die Hände: Die 96-Fans feiern gemeinsam mit den Spielern den Sieg gegen Schalke. 
Hoch die Hände: Die 96-Fans feiern gemeinsam mit den Spielern den Sieg gegen Schalke.  © Petrow
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Darüber spricht man noch Tage nach dem Spiel: Hannover setzt im Spiel gegen Schalke ein Zeichen gegen den Liebesentzug der Ultras und sorgt für eine Gänsehaut-Stimmung bei der Heimpremiere.

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Diese Ehrenrunde haben sich die 96-Kicker verdient. Nach dem 1:0-Überraschungscoup gegen Schalke schlendert der Aufsteiger von Kurve zu Kurve, erst Süd, dann West, dann in den Norden. So wie nach jedem Spiel in der HDI-Arena. Dieses Mal jedoch ist etwas anders. 

Dort, wo sonst der harte Kern der Fanszene steht, im Block N16/17, herrscht Leere, in Ultra-Sprache: Stimmungsboykott. 

Heimpremiere wurde erst zum Auswärtsspiel - doch dann...

Ein paar Meter tiefer auf den Stehplätzen klettern die Fans auf den Zaun, stimmen mit ihren 96-Helden die Welle an. Verkehrte Welt, und doch bleibt eine Erkenntnis dieser Heimpremiere. Trotzt – oder gerade wegen – des partiellen Liebesentzugs hat Hannover wie selten zuvor geschlossen hinter seinem Team gestanden und den Boykott boykottiert.

Fotos vom Spiel Hannover 96 gegen FC Schalke 04

<b>Martin Harnik</b>: Hat die dritte große 96-Chance, aber trifft den Ball aus 16 Metern nicht richtig. Erwischt überhaupt einen schrägen Tag mit Fehlpässen und Ballverlusten. Eine typische Chance für eine Viertelstunde vor Schluss kann er nicht nutzen. Note: 4 Zur Galerie
Martin Harnik: Hat die dritte große 96-Chance, aber trifft den Ball aus 16 Metern nicht richtig. Erwischt überhaupt einen schrägen Tag mit Fehlpässen und Ballverlusten. Eine typische Chance für eine Viertelstunde vor Schluss kann er nicht nutzen. Note: 4 ©
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Es wurde viel gesprochen, noch mehr geschrieben, vor allem in den sozialen Netzwerken. Mal sachlich kritisch, häufiger emotional feindlich.

 Vielen 96-Anhängern, bei Weitem nicht nur den Ultras, gefällt der Weg, den 96 im Allgemeinen und Boss Martin Kind im Speziellen mit der Abschaffung der 50+1-Regel, der Verweigerung von 120 Mitgliedsanträgen und dem Verkauf der Vereinsanteile an der Profisparte für 12.750 Euro eingeschlagen haben, gar nicht. Zu intransparent, zu wenig Kommunikation.

Einen kreativen Protest haben die Ultras angekündigt, sie wollten auf verbale Entgleisungen in Richtung Reizfigur und Clubbesitzer Kind verzichten. Und tatsächlich: Während die 8000 Schalke-Fans nicht müde wurden, ihr Team lautstark nach vorn zu brüllen, drückte die Nordkurve ihre Unzufriedenheit mit zahllosen Bannern aus. 

„Freie Meinungsfreiheit“, nennt das Stadionchef Thorsten Meier, bei dem die Zuschauer ihre Transparente anmelden mussten. Die Bundesliga-Heimpremiere wurde so in weiten Teilen der ersten Hälfte zum Auswärtsspiel.

Die Fan-Proteste beim Spiel Hannover 96 gegen Schalke 04:

Vor dem Spiel wurden in der Nordkurve zahlreiche Transparente für den Erhalt der 50+1-Regel präsentiert.  Zur Galerie
Vor dem Spiel wurden in der Nordkurve zahlreiche Transparente für den Erhalt der 50+1-Regel präsentiert.  ©

Doch die Geschichte des Abends wurde eine andere. Spätestens als die Schalke-Kurve Schmähgesänge gegen Kind anstimmten und die 96-Ultras intonierten, kippte die Stimmung. „Man kann geteilter Meinung sein und das auch kundtun“, sagt Burkhard Mensing, Kartenbesitzer im Block W und seit vielen Jahren Stadionbesucher. „Aber wieso soll man der Mannschaft die Unterstützung verwehren? Ich fand, gegen Schalke herrschte eine Stimmung wie schon lange nicht mehr im Niedersachsenstadion.“

Mehr und mehr Anhänger wendeten sich von den Ultras ab

Der Spielverlauf, der Liebesentzug der Ultras, die Anfeindungen gegen Kind – mehr und mehr Anhänger wendeten sich von den Ultras ab, besonders in der Nordkurve. „Wir können uns von vielleicht 1000 Leuten doch nicht abhängig machen“, sagt ein anderer Fan.

Keine Einzelmeinung. Hannover setzt ein Zeichen. In unmittelbarer Nähe des N-Blocks, nur ein paar Meter weiter rechts, steht eine Gruppe von rund 20 langjährigen 96-Fans. Als die Ultras schweigen und sich abwenden, stimmen sie Fangesänge an.

Lange haben sie die Ultras toleriert, doch diese Rücksicht ist weg.„Wenn der heutige Tag mir eines gezeigt hat, dann, dass es ohne Ultras möglich ist. Aber die Saison ist noch lang. Trotzdem: Gänsehaut“, schreibt Tim Block. „Der Stimmungsboykott ist verpufft, aus ihm ist ein großes Nichts geworden. Wegen infantiler Rufe hauptsächlich und, nun, Stimmung“, ergänzt Marelie Hide.

Stadionchef Meier betont: Die Stimmung auf den Rängen sei grandios gewesen. „Damit hat das Publikum unser Team zum Sieg getragen.“ Und auch die Mannschaft, die selbst nicht wusste, was sie an diesem Abend in der Arena erwarten würde, war beeindruckt: „Es war der Wahnsinn, wie geil uns der Großteil unterstützt hat.“

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