07. Februar 2018 / 17:49 Uhr

Hannover 96: So umstritten war die Entscheidung gegen den Stimmungsboykott - eine Einschätzung

Hannover 96: So umstritten war die Entscheidung gegen den Stimmungsboykott - eine Einschätzung

Sascha Priesemann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Die Nordkurve zu Gast im Chéz Heinz: Beim zweiten Fantreffen in diesem Jahr beschloss die aktive Fanszene von Hannover 96 ein (vorläufiges) Ende des Stimmungsboykotts.
Die Nordkurve zu Gast im Chéz Heinz: Beim zweiten Fantreffen in diesem Jahr beschloss die aktive Fanszene von Hannover 96 ein (vorläufiges) Ende des Stimmungsboykotts. © Christian Behrens/imago/Kaletta (Montage)
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Der Stimmungsboykott bei Hannover 96 hat vorerst ein Ende - das haben Vertreter der aktiven Fanszene am Dienstagabend im Chéz Heinz in Limmer demokratisch entschieden. Mitten unter den mehr als 500 Anhängern der Roten war auch Sportbuzzer-Mitarbeiter Sascha Priesemann. Wie er die Stimmung beim Fantreffen erlebte, schildert er hier.

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Es ist 21.28 Uhr als sich die 514 Anhänger von Hannover 96 am Dienstag im Veranstaltungszentrum Chéz Heinz aufteilen. Die einen gehen links durch den Haupteingang, die anderen rechts durch den Notausgang – ein Hammelsprung. Was man sonst nur aus dem Bundestag kennt, dient nun bei einer Abstimmung unter Fußballfans als letztes Mittel, um im Dauer-Streit um den Stimmungsboykott eine Lösung zu finden.

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Ein knappes Ergebnis

Zuvor hatten die 96-Fans fast anderthalb Stunden dicht gedrängt und bei schlechter Luft konstruktiv und sachlich miteinander gestritten. Soll die Nordkurve die Profis von Hannover 96 wieder unterstützen oder nicht? Eine klare Mehrheit kristallisierte sich nicht heraus, sogar eine Einigung schien in Gefahr. Am Ende schritten jedoch 265 Anhänger von Hannover 96 durch den Haupteingang und nur 249 durch den Notausgang.

Eine knappe Mehrheit von „50+1 Prozent der Stimmen“ - wie es die 96-Fans hinterher schmunzelnd feststellen - hatte sich dafür entschieden, wieder Stimmung zu machen. Doch der Stimmungsboykott „ruht“ nur, wie es ein weiblicher Fan treffend formulierte. Denn sollte Hannover 96 nicht bis Ende des Monats auf die Forderungen der Fans eingehen, droht ein neues Schweigegelübde.

Choreos, Spruchbänder, Schweigen: Die Proteste bei Hannover 96 in Bildern.

Protestbanner beim Heimspiel am 15. Dezember 2018 gegen Bayern München. Zur Galerie
Protestbanner beim Heimspiel am 15. Dezember 2018 gegen Bayern München. ©

Von Beginn an war greifbar, dass der Stimmungsboykott beim mittlerweile sechsten Fanszenetreff erstmals ernsthaft ins Wanken geraten würde. Seit Montag ist bekannt, dass 96-Klubchef Martin Kind seinen Übernahmeantrag bei der DFL ruhen lässt. Daraus hat ein großer Teil der Fans neuen Mut geschöpft. 

Sie wollen nicht mehr schweigend auf der Tribüne sitzen, sondern endlich wieder ihr Team anfeuern. „Wir gehen doch nicht für Martin Kind ins Stadion, sondern für die Mannschaft“, sagt einer. Einer anderer bekommt für seine fast schon pathetisch wirkende Rede viel Applaus: „Mein Herz will gegen Freiburg wieder eine laute und lebendige Kurve sehen. Kind erreicht nicht mehr das, was er wollte. Das würde ich gerne feiern.“

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Eine andere Gruppe warnte davor den Stimmungsboykott als „machtvolles Schwert“ zu beenden. „Was hat Martin Kind dafür getan, dass im Stadion wieder Stimmung ist“, warf Fan-Anwalt Andreas Hüttl in die Runde – und zählte anschließend mehrere Zusagen an die Fans auf, die die 96-Verantwortlichen nicht eingehalten hätten.

Andere fragten sich, warum immer die Fans in Vorleistung gehen müssten, wo doch der Verein ihnen immer nur kleine „Brotkrumen“ zuwerfe und jegliche Wertschätzung vermissen lasse. Gerade Kinds finale Aussage bei der Pressekonferenz am Dienstag, dass „viele in der Nordkurve erst 16 oder 17 Jahre alt“ seien, stieß vielen Anhängern sauer auf. Sie bezeichneten sein Verhalten als „arrogant“ und „abschätzig“. „Ich fühle mich nicht ernst genommen, wenn ich so tituliert werde“, sagte ein Fan mittleren Alters.

Kinds Wortwahl hatte auch Einfluss darauf, dass sich die 96-Anhänger nicht auf ein Ende des Stimmungsboykotts ohne jegliche Bedingungen einigen konnten. Vier zentrale Forderungen richten die Fans an Hannover 96. Werden sie bis Ende Februar nicht umgesetzt, will die aktive Fanszene wieder schweigen. 

Eine Forderung ist, dass die 119 abgelehnten Mitglieder rückwirkend in den Verein aufgenommen werden und zwar ohne Vorstellungsgespräch beim zuständigen Abteilungsleiter. Weiter fordern sie, dass die für den 26. Februar geplante Podiumsdiskussion zwischen Vereinsvertretern und den Fans „fair ablaufe“. Zudem soll 96 bis Ende Februar zusichern, dass ein Notar die Abstimmungen bei der Jahreshauptversammlung beobachtet und auch kritische Anträge den Mitgliedern im Vorfeld zugeschickt werden.

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Und die 96-Fans wollen von den 96-Verantwortlichen endlich wertgeschätzt werden. Sie erwarten einen anderen Umgang, obwohl viele der Überzeugung sind, dass bei Kind bereits „Hopfen und Malz“ verloren seien. Dennoch: Gerade die Rädelsführer achteten beim Fantreffen sehr auf ihre Wortwahl und argumentierten stets sachlich - wohl wissend, dass sich auch die Presse unter die Zuschauer gemischt hatte.

Einzelne Fans waren hingegen weniger zurückhaltend, gingen Kind mit scharfen Worten an. Die meisten anwesenden 96-Anhänger scheinen aber begriffen zu haben, dass auch sie für einen besseren gegenseitigen Umgang in der Verantwortung stehen. Auf „Kind-muss-weg-Rufe“ wollen die aktiven 96-Fans jedenfalls in den nächsten Wochen erstmal verzichten. Darauf konnten sie sich einigen – auch ohne lange Debatten.