11. März 2022 / 16:02 Uhr

„Bis auf Martin Kind...“: Dieter Hecking im Interview über Zukunft und Vergangenheit

„Bis auf Martin Kind...“: Dieter Hecking im Interview über Zukunft und Vergangenheit

Andreas Willeke
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Neue Rolle: Dieter Hecking (57) arbeitet seit Juli 2020 nicht mehr als Trainer, sondern als Sportvorstand in Nürnberg. Bei 96 war er sowohl
Spieler als auch Trainer.
Neue Rolle: Dieter Hecking (57) arbeitet seit Juli 2020 nicht mehr als Trainer, sondern als Sportvorstand in Nürnberg. Bei 96 war er sowohl Spieler als auch Trainer. © Imago
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Dieter Hecking will sich mit dem 1. FC Nürnberg nicht gegen den Aufstieg in die Bundesliga wehren. Der Sportvorstand kennt die Qualitäten von Hannover 96, sagt: „Wichtig wäre, mal Kontinuität auf wichtigen Positionen zu be­kom­men.“

Dieter Hecking, auf Ihrer kleinen Reise in die Vergangenheit folgt im Spielplan auf den HSV am Sonntag 96. Immer noch aufregend oder Alltag?

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So besonders ist es nicht mehr, weil es zeitlich ja auch schon etwas länger her ist. Bis auf Martin Kind habe ich zu keinem mehr Kontakt.

Durch das 2:1 gegen den HSV, den dritten Sieg in Serie, sind Sie im Aufstiegskampf dabei – eine überraschende Entwicklung?

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Wir gehen damit richtig um, wir wissen das einzuschätzen. Wenn man uns vor der Saison gesagt hätte, dass wir am 25. Spieltag Tabellenvierter sind, hätten wir das sofort unterschrieben. Wenn wir diszipliniert spielen, können wir für jeden Gegner sehr unangenehm sein. Aber wir wissen auch, jeder Gegner kann für uns unangenehm werden.

Der Spielplan von Hannover 96 in der Saison 2021/22 in der 2. Bundesliga

Der Spielplan von Hannover 96 in der Zweitliga-Saison 2021/22 in der Galerie - vom 1. bis zum 34. Spieltag. Zur Galerie
Der Spielplan von Hannover 96 in der Zweitliga-Saison 2021/22 in der Galerie - vom 1. bis zum 34. Spieltag. ©

Sie versuchen also aufzusteigen, ohne vorher darüber zu reden?

Wir sind entspannt, wir ge­hen das mit dem nötigen Realitätssinn an. Andere Klubs haben deutlich bessere Möglichkeiten und sind individuell besser besetzt. Wenn die je­doch ihre Chance nicht wahrnehmen und wir kontinuierlich punkten, würden wir uns natürlich nicht dagegen wehren. Fast jede Mannschaft, die vor uns oder bei uns steht, hat einen Topstürmer, der zweistellig ge­trof­fen hat. Ob Burgstaller bei St. Pauli, Ducksch und Füllkrug in Bremen, Tietz und Pfeiffer in Darmstadt, Glatzel in Hamburg oder Terodde bei Schalke – den haben wir nicht, un­ser bester Torschütze hat fünf Tore geschossen.

Sie liegen fünf Punkte hinter einem Aufstiegsplatz. Da ist alles möglich?

Da darf man sich dann aber auch nicht mehr viele Niederlagen erlauben. Wir ha­ben ein gutes und zugleich schweres Restprogramm, weil wir ge­gen jedes Team von oben noch spielen. Warten wir mal ab, ob wir noch die eine oder andere Überraschung landen können.

Letzte Saison waren 96 (13.) und Nürnberg (11.) Tabellennachbarn. Was haben Sie besser gemacht?


Es ist nicht meine Aufgabe, darüber zu urteilen, was sie wie bei 96 personell verändert haben. Ich bin nach der überstandenen Relegation im Juli 2020 nach Nürnberg ge­kom­men. Im ersten Jahr hatten wir noch nicht so viel Gestaltungsspielraum durch bestehende Verträge. Im Sommer haben wir – ohne das mit Hannover zu vergleichen – gute Transfers ge­macht. Eins kann ich doch noch zu 96 sagen – wichtig wäre, mal Kontinuität auf wichtigen Positionen zu be­kom­men.

Ihr Trainer Robert Klauß schien mal umstritten.

Robert ist in seiner ersten Cheftrainerposition, lernt wie wir alle dazu und war nie umstritten. Er hat einen gu­ten Draht zur Mannschaft. Trotzdem gibt’s im­mer mal wieder Dinge, die mir auffallen und über die wir offen sprechen. Das passt ganz gut. Er hat freie Hand, kann aber auf meine Erfahrung zurückgreifen, wenn er das will.

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Sie haben die 96-Spiele gegen Dresden und Kiel gesehen – Ihr Eindruck?

In Hannover gibt’s eine ähnliche Erwartungshaltung wie in Nürnberg. Man möchte sich nicht im Mittelfeld der 2. Liga aufhalten, sondern um den Aufstieg spielen. Gegen eine gute Kieler Mannschaft war das richtig gut. Da haben sie gezeigt, was ihre Qualität sein kann, wenn sie aus einer guten Ordnung schnell um­schal­ten.

Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit als Sportvorstand von der als Trainer?

Es hat nichts mit dem Tagesgeschäft zu tun. Ich bin nicht von Tabelle oder Ergebnis abhängig – ich gebe mit meinem Vorstandskollegen zu­sam­men die Gesamtstrategie vor. Wir diskutieren zum Beispiel über ein neues Stadion. Ich betrachte jetzt den Fußball von einer anderen Seite. Bislang geht die Kurve nach oben, dann kann es nicht so falsch gewesen sein. Corona bleibt aber das be­herr­schen­de Thema, auch wenn wieder mehr Zuschauer ins Stadion dürfen. Uns rennen die Fans auch nicht gleich die Bude ein. Der Fußball muss jetzt um die Fans kämpfen und neue Wege und Lösungen su­chen. Wir brauchen wieder mehr Nähe zu den Fans und müssen ihre Meinung ernst nehmen.

Werden Sie 2023 in Nürnberg verlängern oder dann bei 96 anfangen?

(lacht) Erst mal macht mir die Arbeit Spaß. Ob ich in Nürnberg weitermache oder was anderes anpacke, ist noch zu früh zu sagen. Das kann aber sehr wohl in Nürnberg sein.

Was passiert nun am Sonntag?

Ich glaube, es wird ein gutes Spiel. 96 hat was gutzumachen, und wir wollen den Lauf fortsetzen. Von daher erwarte ich ein offenes Spiel. Wir müssen aber aufpassen, dass 96 uns nicht mit seinen Waffen schlägt. Wenn wir nicht an die Leistung aus dem HSV-Spiel herankommen, wird’s für uns schwer.