26. März 2020 / 08:28 Uhr

Hannover 96: Gehaltsverzicht als Charakterfrage

Hannover 96: Gehaltsverzicht als Charakterfrage

Andreas Willeke
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Martin Kind sieht im Gehaltsverzicht Kenan Kocaks ein tolles Signal, auch an die Mannschaft. Gerhard Zuber wird wohl nachziehen - und soll die Mannschaft vom Kurs des Trainers überzeugen.
Martin Kind sieht im Gehaltsverzicht Kenan Kocaks ein tolles Signal, auch an die Mannschaft. Gerhard Zuber wird wohl nachziehen - und soll die Mannschaft vom Kurs des Trainers überzeugen. © Florian Petrow
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96-Trainer Kenan Kocak kündigte bereits an, Teile seines Gehalts streichen zu lassen. Profi-Boss Martin Kind lobte das tolle Signal - auch an die Mannschaft. Nun stellt sich den Spielern die Charakterfrage, denn die Solidarität dürfe nicht beim Steuernzahlen aufhören.

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In der Corona-Krise funktionieren eingeübte 96-Mechanismen nicht mehr, oder jedenfalls nicht auf Anhieb. Trainer Kenan Kocak hat die Spieler sportlich auf Linie gebracht. In Sachen Gehaltsverzicht folgt die Mannschaft dem Trainer allerdings nur zurückhaltend. Kocak hatte am Sonntag angekündigt, Teile seines Gehalts streichen zu lassen. „Ein tolles Signal auch für die Mannschaft“, lobt 96-Profichef Martin Kind.

Seitdem spricht Sportchef Gerhard Zuber mit dem Mannschaftsrat und einzelnen Spielern, laut Kind noch ohne Ergebnis. „Die Begeisterung dafür scheint nicht sehr groß zu sein“, sagt der 75-Jährige. Die Gespräche dauern an – jeder einzelne Profi muss sich erklären. Im Mannschaftsrat sind neben Kapitän Marvin Bakalorz noch Edgar Prib, Waldemar Anton, Felipe und Ron-Robert Zieler vertreten.

Die Vertragslaufzeiten der Spieler von Hannover 96

Hendrik Weydandt (im Team seit 2018): Vertrag <b>läuft zum Saisonende aus</b> Zur Galerie
Hendrik Weydandt (im Team seit 2018): Vertrag läuft zum Saisonende aus ©

"Solidarität zeigen, das darf nicht beim Steuernzahlen aufhören.“

Für Kind ist es „auch eine Charakterfrage“, ob jemand bereit sei, in dieser besonderen Situation Abstriche zu machen. Neben den Bundesligisten sind in der zweiten Liga Karlsruher und jetzt auch Stuttgarter Profis zu Einschnitten bereit. Eigentlich können sich die 96-Profis dem durch andere Teams aufgebauten Druck gar nicht entziehen.

„Es wäre ungewöhnlich, wenn unsere Spieler nicht zustimmen“, meint Kind, „ich wäre dann auch enttäuscht.“ Der 96-Chef argumentiert so: „Die Profis kassieren hohe Einkommen, das wird auch ohne Neid akzeptiert.“ Doch in der Krise müssten „sie dann auch Solidarität zeigen, das darf nicht beim Steuernzahlen aufhören.“ Zumal der Gehaltsverzicht ja voraussichtlich nur für zwei oder drei Monate gelten dürfte.

Kind rechnet fest damit, dass Zuber nach Kocak ebenfalls Einbußen zustimmt. Es wäre auch kurios, wenn der Sportchef die Spieler überzeugen wollte, auf Gehalt zu verzichten, selbst jedoch dazu nicht bereit wäre. Da ginge die Glaubwürdigkeit komplett verloren.

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Keine Kurzarbeit wie bei vielen Drittligisten

Auf den deutlich stärkeren Eingriff, der beim Zweitligisten Bochum angedacht und von vielen Drittligisten umgesetzt wird, soll es bei den 96-Profis nach Kind nicht kommen. Lautern, Magdeburg, Halle und andere Vereine haben Kurzarbeit eingeführt. Für Erst- und Zweitligisten ist das „theoretische, aber rechtlich komplizierte Modell“ keine Lösung – Kind erklärt für 96, warum: „Die Spieler müssen zustimmen, das werden sie aber nicht machen, denn das Delta ist zu groß“, der Unterschied eben zwischen üppigen Gehältern und dem, was das Amt zahlt.

Die Agentur für Arbeit überweist 60 bis 67 Prozent (wenn’s Kinder gibt) des Nettogehalts, allerdings nicht über die Obergrenze eines monatlichen Bruttogehalts von 6900 Euro hinaus.

Bei vielen 96-Spielern, die 50 000 bis 80 000 Euro monatlich kassieren, wäre ein Gehaltsverzicht von 20 Prozent die günstigere Variante.

Sollten die 96-Profis auf einen Teil ihres Gehalts verzichten?

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Anders kommt Corona in der Geschäftsstelle an. „50 Prozent der 96-Mitarbeiter“ werden laut Kind in Kurzarbeit geschickt. „Wir machen das, weil wir die Arbeitsplätze erhalten wollen.“ Ticketing, Fanshop und Nachwuchszentrum sind betroffen. Im ersten Monat stockt 96 das Kurzarbeitergeld auf 95 Prozent des normalen Gehalts auf – im zweiten Monat auf 75 Prozent, ab dem dritten bliebe es bei den 60 oder 67 Prozent. Vielleicht sollten sich die 96-Profis diese Abrechnungen mal ansehen.

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