07. Mai 2020 / 17:15 Uhr

Derbysieger! Meister! Vor 22 Jahren nimmt Hannover 96 die Hürde Eintracht Braunschweig

Derbysieger! Meister! Vor 22 Jahren nimmt Hannover 96 die Hürde Eintracht Braunschweig

Sportredaktion Hannover
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
7. Mai 1998: Jürgen Degen und Hannover 96 nehmen die Hürde Eintracht Braunschweig (mit Sergey Fokin).
7. Mai 1998: Jürgen Degen und Hannover 96 nehmen die Hürde Eintracht Braunschweig (mit Sergey Fokin). © imago images/Rust
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Dieses Spiel werden die 96-Fans wohl nie vergessen - sofern sie schon alt genug sind: Am 7. Mai 1998 besiegt Hannover Eintracht Braunschweig dank des Treffers von Gerald Asamoah mit 1:0. Wir erinnern gern noch einmal an diesen Abend vor 22 Jahren, ging es doch um mehr als einen Derbysieg.

Hätte es sich nicht wirklich so zugetragen, wäre die Geschichte, die Hannover 96 am 7. Mai 1998 geschrieben hat, zu kitschig, um sie wirklich zu glauben. Zu viel „ausgerechnet“ rankt sich um das Meisterstück, das die Roten an diesem Donnerstagabend in der Regionalliga Nord anfertigten und damit den Grundstein für den bis heute unvergessenen Aufstieg in die 2. Bundesliga im Krimi gegen TeBe Berlin zweieinhalb Wochen später legten.

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Ende des Kopf-an-Kopf-Rennens

Da war zunächst die Ansetzung. Am 33. und damit vorletzten Spieltag ging es ausgerechnet zum Lieblingsrivalen Eintracht Braunschweig. Und damit trafen auf der Zielgeraden der Saison die beiden erstplatzierten Mannschaften der Vorsaison aufeinander. Da 96 1997 in den Aufstiegsspielen an Energie Cottbus gescheitert war, sahen sich die niedersächsischen Traditionsmannschaften also wieder und lieferten sich die gesamte Saison über – der Konkurrenz meilenweit enteilt – ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Doch die Braunschweiger schienen mit einem Vorsprung in das vorentscheidende Duell zu gehen, lagen sie doch lange und bis nach dem 31. Spieltag einen Punkt vor dem Konkurrenten aus der Landeshauptstadt. Eine Blöße schien sich niemand mehr zu geben, 96 hatte seit Mitte Februar alle acht Partien souverän gewonnen (die letzte Niederlage kassierten sie zuvor ausgerechnet gegen den Stadtrivalen Arminia Hannover), die Siegesserie der Blau-Gelben hatte sogar noch ein Spiel mehr umfasst.

Mehr über Hannover 96

Doch – ausgerechnet – eine Woche, bevor aus dem Fernduell der direkte Vergleich wurde, patzte die Eintracht beim VfB Oldenburg, bei dem mit Jörg-Uwe Klütz ausgerechnet ein früherer 96-Pokalheld die Abwehr zusammenhielt. Nach dem 1:1 des BTSV zogen die Hannoveraner durch einen 3:1-Sieg bei den Amateuren von Werder Bremen im günstigsten aller Momente in der Tabelle wieder vorbei und hatten nun rechtzeitig selbst wieder alle Trümpfe in der Hand.

Anreiz genug: Derbysieg = Meisterschaft

Dass die Aufgabe im Stadion an der Hamburger Straße alles andere als ein Spaziergang werden sollte, zeigte sich jedoch schon vor den Stadiontoren. Die Atmosphäre zwischen den Anhängern beider Lage war massiv aufgeheizt, die Polizei musste mehr als einmal eingreifen. Auf dem Rasen war die Ausgangslage klar: Ein Sieg würde 96 die Meisterschaft – nur der Tabellenerste bekam die Chance auf den Sprung in die 2. Bundesliga – bescheren, bei jedem anderen Resultat wäre die Entscheidung über den Titel auf den finalen Spieltag eine gute Woche später vertagt worden.

An der Seitenlinie des Gastgebers stand seinerzeit mit Michael Lorkowski ausgerechnet der Trainer, der nur sechs Jahre zuvor dem Widersacher mit dem DFB-Pokalsieg den bis heute größten Erfolg der jüngeren Vereinsgeschichte beschert hatte. Sein Gegenüber in diesem echten Finale am 7. Mai 1998 war Reinhold Fanz, den es ein paar Jahre später ebenfalls nach Braunschweig verschlagen sollte. Ausgerechnet ... Das Trikot der Braunschweiger trugen zudem in Andreas Winkler und Marco Dehne noch zwei weitere ehemalige 96-Spieler. Ihr wisst schon: aus...


Bilder vom Spiel der Regionalliga Nord zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 am 7. Mai 1998

Der eingewechselte Tobias Dietrich hat den Ball fest im Visier. Zur Galerie
Der eingewechselte Tobias Dietrich hat den Ball fest im Visier. ©

Die Partie vor mit knapp 24000 Zuschauern ausverkauftem Haus (bei weit mehr als 5000 angereisten Anhängern aus Hannover), die live im NDR-Fernsehen übertragen wurde und deshalb eigens auf den Donnerstag vorverlegt worden war, ging von Beginn an hin und her.

Arslan putzt Asamoah imaginär die Schuhe

Nur der überragende Jörg Sievers hielt die Gäste ein ums andere Mal im Spiel. BTSV-Coach Lorkowski verzweifelte am Seitenrand ausgerechnet an dem Mann, mit dem seine Trainervita zuvor noch so erfolgreich verknüpft schien, schließlich war es der langjährige 96-Schlussmann gewesen, der die Elfmeterschießen in DFB-Pokalhalbfinale sowie -endspiel 1992 fast im Alleingang gewonnen hatte.

Nachdem Gerald Asamoah in der 56. Minute die eigentlich gar nicht vorhandenen Lücken durch mehrere Braunschweiger Abwehrbeine gefunden und den Ball links unten im Kasten von BTSV-Schlussmann Mathias Hain untergebracht hatte, kannte der Jubel aufseiten der Gäste keine Grenzen mehr. Mitspieler Volkan Arslan putzte Asamoah imaginär die Schuhe und selbst Carsten Linke, der das Spiel in Zivil auf der Bank verfolgte, eilte zu der Jubeltraube aufs Spielfeld.

Als Schiedsrichter Carsten Kadach die Partie nach einigen weiteren halsbrecherischen Sievers-Paraden schließlich beendete, standen die Roten bei nun vier Punkten Vorsprung als verdienter Meister fest. Mit bengalischen Feuern und nicht enden wollenden Gesängen und Tänzen kosteten Mannschaft und Fans diesen Erfolg voll aus.

Der finale Spieltag war bedeutungslos geworden, die Aufstiegsspiele gegen den Meister der Parallelstafel Nordost konnten kommen. Und mit ihm der bis heute unvergessene Auftritt des Vladan Milovanovic, der kurz vor Schluss im Rückspiel mit seinem Tor die Verlängerung erzwang. Per Fallrückzieher. Ausgerechnet in so einer wichtigen – der allerwichtigsten – Partie. Aber das ist eine andere Geschichte.

von Ole Rottmann