30. April 2020 / 22:05 Uhr

Groundhopper und 96-Fan Patrick Zube: Sehnsüchtiges Warten auf Spiel Nr. 5006

Groundhopper und 96-Fan Patrick Zube: Sehnsüchtiges Warten auf Spiel Nr. 5006

Uwe von Holt
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
96-Fan Patrick Zube: Nichts würde ich mir mehr wünschen, als sofort wieder in ein Stadion zu kommen.
96-Fan Patrick Zube: "Nichts würde ich mir mehr wünschen, als sofort wieder in ein Stadion zu kommen." © Uwe von Holt
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Patrick Zube ist 96-Fan und Groundhopper zugleich, seine sehr ausgeprägte Vorliebe ist also das Entdecken neuer Stadien und das Besuchen von Fußballspielen – alles live, und auf jeden Fall, wenn Hannover spielt. In der Corona-Krise leidet der 46-Jährige aus Nienburg "wie ein Hund", sein Leben ist nach seinen Maßstäben "sinnlos" geworden. Ein Interview.

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Hallo, Herr Zube, auf dem Foto zeigen Sie eine Karte für das 96-Zweitligaspiel in Osnabrück. Das wäre nach dem alten Spielplan Ihr nächster Auswärtseinsatz mit Hannover geworden.

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Ja, Bremer Brücke, 27. Spieltag, es sollte am 21. März stattfinden, 13 Uhr. Aber es war dann nicht so.

Wann haben Sie denn Ihr letztes Spiel in einem Stadion gesehen, bevor nichts mehr ging wegen Corona?

Das habe ich gewusst, dass Sie mich das fragen. Ich habe deshalb genau nachgeschaut in meinen Unterlagen. Es war am 8. März in der 1. luxemburgischen Liga. Union Titus Pétange gegen CS Fola Esch, Dritter gegen Erster, ein Spitzenspiel. 0:1 ist es ausgegangen. 189 Zuschauer im Stade Municipal, also im städtischen Stadion, das hat keinen Namen von einem Sponsor oder so was.

Ihr wievieltes Spiel war das in Ihrer Groundhopper-Karriere?

Na, das weiß ich aus dem Kopf. Mein 5005. Spiel.

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Hannover 96 hatte in den letzten Jahr(zehnt)en eine Reihe höchst unterschiedlicher Mannschaftsbusse. ©

Und wie viele davon waren mit 96-Beteiligung?

1782. Auswärts habe ich seit dem 27. Juli 1990 jedes 96-Spiel gesehen. Jedes, ohne Pause. Liga, Pokal, Freundschaftsspiele, in jedem Trainingslager, das sind jetzt fast 30 Jahre. Bei den Heimspielen fehlen mir leider zwei. 2004 hatte ich fast einen Blinddarmdurchbruch. Ich wollte trotzdem unbedingt ins Stadion, aber der Arzt hat gesagt, dass ich das nicht überleben würde. Als dann ohne mich gespielt wurde, habe ich geschlafen. Kein Radio, kein Fernseher, das hätte ich nicht ausgehalten.

Aber man hat doch auch mal wichtige private Termine am Wochenende oder muss vielleicht arbeiten. Wie bewältigt man ein Leben in der Stadionendlosschleife?

Ein bisschen krank ist das schon. Aber es ist mein Leben, und ich habe mich dem völlig verschrieben. Ich bin nicht arbeitsfähig, habe aber auch wenig Kosten. Ich wohne bei meinen Eltern und besitze auch nur ein altes Handy, mit dem man nicht mal Fotos machen kann. Ich brauche nicht viel, außer eben den Fußball. Aber ehe Sie das fragen: Ich habe auch Kumpels und einen Freundeskreis – und natürlich meine Familie.

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Wenn man so süchtig ist wie Sie und seine Fanrekorde weiter ausbauen will, dann sehnt man sicher den Liganeustart heftig herbei.

Ich habe schon schwere Entzugserscheinungen, das ist doch klar, mir ist megalangweilig. Nichts würde ich mir mehr wünschen, als sofort wieder in ein Stadion zu kommen. Die Fahrten zu planen, Ziele zu finden. Andererseits nützt mir das gar nichts, wenn die jetzt wirklich mit den Geisterspielen anfangen. Das ist kein Trost für mich, ich will dabei sein, aber Zuschauer sind ja nicht erlaubt. Deshalb habe ich sogar Angst vor diesem Neustart, ich bin keiner, der sich das im Fernsehen anschauen will.

Das ist eine fiese Klemme für Sie.

Mein Traum wäre deshalb, dass ich einen Job im Stadion übernehmen kann und so dabei sein kann. Ich würde alles machen, Kabelträger bei Sky, Aufpasser, egal was. Da fällt mir ein: Haben Sie nicht einen Job für mich, als Assistent für die Zeitung, als Praktikant? Die Medien dürfen schließlich rein ...

Keine Chance, tut mir leid.

Schade, das habe ich mir schon gedacht, aber ich gebe trotzdem nicht auf, vielleicht gibt es ja noch eine Idee.

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Wenn man mal Ihr persönliches Schicksal hintanstellt: Geisterspiele würden immerhin kurzfristig das Überleben der Klubs sichern. Es kann ja auch nicht in Ihrem Interesse sein, dass zügig der halbe Profifußball pleitegeht. Sonst können Sie nach Corona vielleicht überhaupt nicht mehr in ein Stadion, wenn alles den Bach runtergeht.

Theoretisch ist mir das klar, die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind ja bekannt. Praktisch finde ich es aber nicht so wichtig, ob 96 in der 1., 2., 3. Liga oder sonst wo spielt. Ich finde, Fußball ohne Fans darf es einfach nicht geben. Man braucht die Wallung, die Emotionen. Außerdem habe ich bei Geisterspielen den Eindruck, dass es auch für die Profis öde ist. Gladbach gegen Köln oder Frankfurt gegen Basel kurz vor der Pause, das war doch eine Katastrophe, da kommen die Spieler nicht an ihre Grenzen, da fehlt was.

Und was ist Ihr Vorschlag?

Ich weiß schon, dass die Politik das untersagt hat – es gibt aber bestimmt korrekte Möglichkeiten, zumindest eine begrenzte Zahl von Fans zuschauen zu lassen. In Hannover ist das Stadion so groß, 3000 oder 5000 Zuschauer könnte man da bestimmt reinlassen, ohne dass die sich zu nahe kommen. Und dann hätte ich auch eine Chance.

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Bilder aus sieben Jahrzehnten 96-Fans. Zur Galerie
Bilder aus sieben Jahrzehnten 96-Fans. ©

Haben Sie eigentlich auch ein kundiges Auge für die Leistungen auf dem Platz? Wie stark haben Sie die 96-Mannschaft zuletzt denn gesehen?

Lange Zeit hatte die Mannschaft nicht so den Draht zueinander und zu den Fans. Zuletzt hat sich die individuelle Qualität etwas mehr durchgesetzt. Aber schwer zu sagen, wo es hingeht. Ich fürchte, dass die letzten fünf oder sechs Spiele extrem langweilig werden, falls es um nichts mehr geht. Aber der Klassenerhalt am vorletzten Spieltag wäre natürlich schon wichtiger als ein spannender Abstieg am letzten Spieltag.

Zum Schluss bitte Ihre drei 96-Favoriten der letzten 30 Jahre: Freundlichster Spieler, bester Spieler, wichtigster Spieler.

Der sympathischste war ganz klar Robert Enke. Er hat mir sogar seine Torwarthandschuhe geschenkt. Der beste war Jan Simak im Aufstiegsjahr 2002, schnell, trickreich, torgefährlich. Und der wichtigste war Vladan Milovanovic. Ohne sein Tor 1998 gegen TB Berlin zum 2:0 und zu Verlängerung und Elfmeterschießen wäre 96 vielleicht nie mehr in die 2. Liga aufgestiegen. Dann hätte sich einiges anders entwickelt.