03. Oktober 2021 / 12:28 Uhr

Neun Jahre Wachkoma: Früherer 96-Dribbelkönig Hakan Bicici bleibt unvergessen

Neun Jahre Wachkoma: Früherer 96-Dribbelkönig Hakan Bicici bleibt unvergessen

Josina Kelz
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Kümmern sich um ihn: Mama Fatma (links) und Tante Hülya Häseler unternehmen mit Hakan Bicici einen Ausflug in die Stadt. Die 96-Trainingsjacke trägt er noch immer.
Kümmern sich um ihn: Mama Fatma (links) und Tante Hülya Häseler unternehmen mit Hakan Bicici einen Ausflug in die Stadt. Die 96-Trainingsjacke trägt er noch immer. © Rainer Dröse
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Seit mittlerweile bald neun Jahren liegt Hakan Bicici als Folge eines schweren Verkehrsunfalls im Wachkoma. Doch der frühere Dribbelkönig von 96 zeigt immer wieder starke Reaktionen, vor allem, wenn es um seine Tochter geht. Auch auf Fußballplätzen fühle er sich immer noch wohl.

Hülya Häseler gibt Hakan Bicici einen dicken Kuss – die Liebe, die sie für ihren Neffen empfindet, ist unübersehbar. Die beiden sind nur drei Jahre auseinander, Häseler ist 54, Bicici 51.

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„Wir sind wie Geschwister aufgewachsen. Wir hatten ein gemeinsames Zimmer, haben in einem Bett geschlafen und unsere Geburtstage zusammen gefeiert, die liegen nur ein paar Tage auseinander“, erzählt Häseler von einer schöneren Zeit. Bevor ihr geliebter Hakan bei einem schweren Verkehrsunfall verunglückte. Seitdem liegt Bicici, der einst so beliebte Dribbelkönig von Hannover 96, im Wachkoma.

Hakan Bicici: Eine Karriere in Bildern

Hakan Bicici wurde bei Hannover 96 ausgebildet und kam 1989 zu den Profis. Dort avancierte er direkt in seinem ersten Jahr zum Stammspieler in der 2. Bundesliga.  Zur Galerie
Hakan Bicici wurde bei Hannover 96 ausgebildet und kam 1989 zu den Profis. Dort avancierte er direkt in seinem ersten Jahr zum Stammspieler in der 2. Bundesliga.  ©

Heute wirkt er wach, hat die Augen geöffnet, sitzt in seinem Rollstuhl. Auf die Küsse seiner Tante reagiert er mit einem kaum wahrnehmbaren Schmunzeln, sein Blick fixiert ihr Gesicht. Bicicis Mutter Fatma ist mit ihm in die Stadt gekommen. „Es ist uns wichtig, dass er so viel Abwechslung wie möglich hat“, erklärt die Tante. „Gestern erst haben wir in Davenstedt ein Fußballspiel meines Sohnes geschaut. Wir spüren, dass sich Hakan auf Fußballplätzen immer noch wohlfühlt.“

Bicici war der Spielmacher. 121-mal stand er für 96 auf dem Platz, insgesamt waren es 302 Spiele in seiner Karriere. 61-mal traf er das Tor. Manche sagen, er konnte eleganter mit dem Ball umgehen als viele Nationalspieler. In Hannover war er Anfang der 90er-Jahre ein Star und Vorbild für viele. Immerhin war er das erste Gastarbeiterkind mit Profivertrag.

Bei Delfintherapie blüht Bicici auf

Lange haben Häseler und Fatma Bicici sich an die Hoffnung geklammert, dass sich noch ein Schalter umlegt und Hakan wieder der Alte wird. „Da war die Erwartungen größer als die Realität“, wissen sie heute. „Klar hoffen wir es noch immer, aber mittlerweile geht es uns darum, ihm das verbleibende Leben so angenehm wie möglich zu machen. Dass er sich wohlfühlt.“ Je mehr sich Menschen mit ihm beschäftigen, desto besser ginge es ihm. „Dann kommuniziert er viel mehr mit uns, gibt uns Zeichen.“ Wenn er intensivere Therapien bekommen würde, würde ihm das guttun.

Bei einer Delfintherapie in der Türkei blühte Bicici auf, gab deutlichere Zeichen mit seinen Fingern. „Doch die zwei Wochen waren zu kurz, um langfristige Erfolge zu erzielen.“ Der Aufwand für solch eine Therapiereise ist groß: Zwei Pflegekräfte müssen mitkommen, ein spezieller Transport ist nötig. 8000 bis 10 000 Euro kostet das Ganze.


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Und da liegt das Problem. Die Krankenkasse kommt nur für den Lebenserhalt auf, Therapiemaßnahmen für eine Verbesserung sind nicht drin. Das heißt: Er bekommt Physio-, Ergo- und Logopädie. So sieht Bicicis Alltag also mittlerweile aus. Täglich ist er bei der Therapie, viermal am Tag kommt eine Pflegekraft, die ihn wäscht, umlagert, die Sonden wechselt.

Nachts muss das die Mutter machen. „Ich schlafe tags, wenn Hakan bei der Therapie ist“, sagt die 71-Jährige. Sie wirkt müde, ist still, scheint es zu genießen, dass ihre kleine Schwester in diesem Moment ein Auge auf Hakan hat. „Sie lebt für Hakan, soziale Kontakte und Hobbys gibt es für sie nicht mehr. Es wäre toll, wenn wir eine Kraft einstellen könnten.“

Auf seine Tochter reagiert Bicici am stärksten

Fatma und Hakan Bicici wohnen zu zweit in einer Wohnung in Bothfeld. Die Rentnerin wollte ihren Lebensabend mit Reisen verbringen. Dann wurde ihr erwachsener und erfolgreicher Sohn wieder zu ihrem Kind, das die Vollzeit-Pflege der Mutter benötigt.

Bicici dagegen kann sich nicht mehr um seine eigene Tochter kümmern. Sie war gerade zehn Jahre alt, als ihr Papa verunglückte, heute ist sie 18. „Sie ist sein Engel“, berichtet Häseler. „Er hört sie nur und macht einen Kussmund. Er reagiert auf sie am stärksten.“ Alleine bei dem Gespräch über seine Tochter scheint sich ein kleines Lächeln auf Bicicis Lippen abzuzeichnen. „Er merkt, dass wir über seinen Schatz reden.“

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In der Altstadt. Das Mannschaftsfoto der Roten aus dem Jahr 1985. Zur Galerie
In der Altstadt. Das Mannschaftsfoto der "Roten" aus dem Jahr 1985. ©

Ein paar Freunde kommen noch zu Besuch, unter anderem die Ex-Kollegen Martin Groth, Frank Obermeyer, Otto Addo. Auch Savac Koc ist ein Freund der Familie. „Es sind nur noch wenige geblieben. Für die Menschen ist es schwer, ihn so zu sehen und nicht mit ihm kommunizieren zu können.“

Doch die Unterstützung für Bicici bleibt, viele engagieren sich finanziell. Um neue Gelder zu sammeln, veranstalten sie am 3. Oktober (ab 15 Uhr in der Wildcard Hannover, Bonner Straße 12).ein Spendenkonzert. Die Familie wünscht sich für Hakan ein Besuch im slowakischen Adeli Medical Center. Beim Konzert könnte die Summe zusammenkommen, denn: „So viele haben Hakan noch immer nicht vergessen.“