27. Mai 2021 / 09:57 Uhr

Kenan Kocak verabschiedet sich von 96: "Auch ich habe nicht alles richtig gemacht"

Kenan Kocak verabschiedet sich von 96: "Auch ich habe nicht alles richtig gemacht"

Andreas Willeke
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Kenan Kocak blickt insgesamt positiv auf die Zeit bei 96 zurück: Sie macht mich stärker und besser.
Kenan Kocak blickt insgesamt positiv auf die Zeit bei 96 zurück: "Sie macht mich stärker und besser." © Florian Petrow
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Nach anderthalb Jahren ist Schluss für Kenan Kocak als 96-Trainer. Im XXL-Abschiedsinterview mit dem SPORTBUZZER blickt der 40-Jährige zurück, spricht über Fehler, sein Verhältnis zu Martin Kind, Gerhard Zuber und der Mannschaft - und verrät, wer ihn nach dem Ende in Hannover kontaktiert hat. 

Kenan Kocak, was bleibt hängen nach einer Saison zum Vergessen?

Ich habe ungemein viel gelernt und natürlich auch Fehler gemacht – wie alle Beteiligten. Sonst wäre die Rückrunde nicht so verlaufen, wie sie verlaufen ist. Das war nicht der Anspruch von 96 und auch nicht von mir persönlich.

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Wenn wir die Saison analysieren – war nicht schon der erste Fehler, Spieler mit Herz wie Prib und Bakalorz, dazu Zieler und Felipe für 1,5 Millionen Euro abzufinden?

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In der Summe hat der Verein Geld gespart. Wir haben mit allen offen gesprochen und gehofft, dass sich dieser Weg auszahlt. In der Nachbetrachtung müssen wir feststellen, dass das nicht der Fall war. Der erhoffte Effekt blieb aus.

Weil eben die wichtigen Transfers gefloppt haben?

Ich bin keiner, der mit dem Finger auf andere zeigt. Aber klar: Der ein oder andere hat die Erwartungen bisher leider noch nicht erfüllt. In der Summe haben wir die Spieler, die uns verlassen haben, wie Anton, Guidetti, Horn und Teuchert nicht vollwertig ersetzen können.


Der scheidende 96-Trainer Kenan Kocak (links) schlägt im Interview mit SPORTBUZZER-Redakteur Andreas Willeke auch selbstkritische Töne an.
Der scheidende 96-Trainer Kenan Kocak (links) schlägt im Interview mit SPORTBUZZER-Redakteur Andreas Willeke auch selbstkritische Töne an. © Florian Petrow

Ihr Ziel war beim 96-Einstieg vor eineinhalb Jahren, das Sieger-Gen zu implementieren. Nach 16 Niederlagen in dieser Saison muss man festhalten: Das hat nicht geklappt.

Als ich angefangen habe, war der Verein in Abstiegsnot. Dann haben wir Platz sechs erreicht. Danach gab’s nur zweieinhalb Wochen Sommerpause. Ich bin kein anderer Trainer geworden, also was ist da passiert?

Ja, was?

Da kamen verschiedene Faktoren zusammen. Weil wir es gerade hatten: Wenn wir beispielsweise unsere Transfers analysieren, dann haben wir Spieler geholt, die die Liga nicht kannten, teilweise sehr spät zur Mannschaft stießen und wenig Spielrhythmus hatten. Das war nicht optimal.

Eine Kritik lautet, die Mannschaft habe keine Spielidee?

Die DNA, meine Art von Fußball, ist ganz klar zu erkennen. Das zeigt sich auch in den statischen Werten. Bei drei Vierteln der Niederlagen waren wir die bessere Mannschaft und hätten gewinnen können. Ich weiß aber, dass es im Fußball um Ergebnisse geht. Die haben in der Rückrunde nicht gestimmt. Das tut natürlich weh.

Haben Sie nicht zu viele umgestellt, zu viel personell experimentiert?

Ich bin ein Trainer, der auf Kontinuität setzt. Oft musste ich wechseln, weil wir verletzte Spieler hatte, weil wir von Schlüsselspielern wie Maina und Frantz kaum profitieren konnten. Aber klar: Auch ich habe nicht alles richtig gemacht. So selbstkritisch muss ich schon sein.

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Was sind die Hauptvorwürfe, die Sie sich rückblickend machen?

Über die Transfers haben wir ja schon gesprochen. Dazu bin ich wahrscheinlich in manchen Dingen zu kompromissbereit, naiv und vertrauensvoll gewesen.

Wem gegenüber? Der Mannschaft, dem Sportchef, dem 96-Chef?

Ich werde jetzt sicher nicht nachtreten. Jeder hat Fehler gemacht, auch ich. Sonst hätten wir ein besseres Ergebnis erzielt. Aber um das auch mal zu sagen: Mit Herrn Kind hatte ich ein sehr gutes Verhältnis. Ich bin stolz, ihn kennengelernt zu haben. Ich hätte ihn gern mehr zufriedengestellt. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er meinem Wunsch entsprochen hat, den Vertrag aufzulösen und diese Saison zu Ende zu spielen.

Mit Sportchef Zuber war’s schwierig?

Um das hier mal klarzustellen: Wir hatten Diskussionen, aber nie richtig Streit. Gerry ist auch nie zu mir gekommen, um sich zu beschweren. Und über seine Arbeit zu urteilen, ist nicht meine Sache, das müssen andere machen. Von mir wird es da kein böses Wort geben.

Haben Sie die Mannschaft verloren?

Das glaube ich nicht. Wir haben auf St. Pauli gewonnen, in Bochum unnötig verloren, hätten in Kiel gewinnen müssen. Eine Mannschaft hätte nicht so agiert, wenn das der Fall gewesen wäre. Natürlich werden immer irgendwelche Sachen interpretiert. Mein Verhältnis mit der Truppe war immer intakt.

Kenan Kocak: Sein Jahr bei Hannover 96 in Bildern

<b>15. November 2019:</b> Einen Tag nach der offiziellen Bestätigung, dass Kenan Kocak der Nachfolger von Mirko Slomka ist, stellte der damalige 96-Manager Jan Schlaudraff den neuen Mann an der Seitenlinie vor. Zur Galerie
15. November 2019: Einen Tag nach der offiziellen Bestätigung, dass Kenan Kocak der Nachfolger von Mirko Slomka ist, stellte der damalige 96-Manager Jan Schlaudraff den neuen Mann an der Seitenlinie vor. ©

Muss 96 auch in der nächsten Saison den Aufstieg abschreiben?

Das glaube ich nicht. 96 ist ein toller Verein. Das Fundament ist okay, es sind gute Jungs dabei. Mit Ernst und Stolze sind schon zwei richtig gute Jungs geholt worden, die genau in das Profil passen, das man braucht. Wenn weitere gute Entscheidungen getroffen werden, glaube ich, dass 96 den Aufstieg schaffen kann.

Werden Sie jetzt eine Pause machen?

Nein, ich bin voller Tatendrang.

Sie hatten mal Angebote aus der Türkei. Werden Sie dort arbeiten?

Nein, das glaube ich nicht.

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Am 28. April 2021 hat Hannover 96 die Trennung von Kenan Kocak zum Saisonende verkündet. Rund zwei Wochen später (10. Mai) haben die Roten Jan Zimmermann als neuen Trainer vorgestellt. Der Coach kommt vom Regionalligisten TSV Havelse. © imago/

Haben Sie Angebote vorliegen?

Ja, natürlich kommen Sachen rein. Ich bin auch angetan vom Feedback der Leute in Hannover, aber auch von Fußballgrößen. Das hat mich schon berührt und macht mich stolz, dass ich etwas hinterlassen konnte.

Wer hat sich denn so gemeldet?

Heynckes, Flick, Klopp zum Beispiel. Sie halten meine Entscheidung für richtig.

War 96 nun nach Sandhausen das erhoffte Sprungbrett für Ihre Karriere?

Ich bin jetzt deutlich erfahrener, die Zeit bei 96 macht mich stärker und besser. Als Trainer habe ich sowieso klare Prinzipien, aber hier konnte ich lernen, wie ungemein wichtig auch noch andere Dinge für einen Trainer sind.